Gesundes Wachstum

Reformhäuser in Bremen: Branche steht vor Herausforderungen

In der Corona-Zeit erlebten Reformhäuser starkes Wachstum. Doch langfristig steht die Branche vor großen Herausforderungen.
09.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Reformhäuser in Bremen: Branche steht vor Herausforderungen
Von Stefan Lakeband
Reformhäuser in Bremen: Branche steht vor Herausforderungen

Fünf Filialen hat das Reformhaus Ebken in Bremen. Am Standort in der Innenstadt arbeitet unter anderem Svenja Ditz.

Christina Kuhaupt

Glutenfreies Toastbrot, Sojaschnitzel und Öko-Waschmittel: Das Sortiment von Reformhäuser steht seit Jahrzehnten für einen bewussten Lebensstil. Wer hier kauft, der macht sich Gedanken über seinen Konsum. Lange Zeit waren Reformhäuser auch die einzigen Orte, an denen Kunden diese Waren bekommen haben. Das hat sich mittlerweile geändert – mit Folgen für die Branche.

In den vergangenen zehn Jahren ist die Zahl der Reformhäuser deutlich gesunken. Von einst 1300 Läden gibt es nun noch 900, berichtete kürzlich das „Zeit Magazin“. Auch in Bremen mussten demnach einige Läden schließen. Das habe vor allem mit der gewachsenen Konkurrenz zu tun.

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Davon unbeeindruckt hat sich das Reformhaus Ebken entwickelt. Die Syker Firma hat 29 Filialen, fünf in Bremen, aber auch Standorte in Verden, Bruchhausen-Vilsen und Oldenburg. „Bei uns ist die Lage ganz gut“, sagt Lena Ebken. Selbst die Corona-Pandemie konnte dem Händler nicht so viel ausmachen. Die Reformhäuser waren nicht vom Lockdown betroffen und konnten dementsprechend ihre Produkte verkaufen.

In dieser Zeit hat Ebken aber beobachtet, dass sich Kunden anders verhalten. „Sie gehen seltener einkaufen, kaufen dafür aber mehr“, sagt Ebken. Viele hätten sich gerade zu Beginn der Pandemie einen kleinen Vorrat angelegt – wie es auch bei Waren aus dem Supermarkt zu spüren war. „Im März und April haben unsere Kunden auch viel gekauft, um ihr Immunsystem zu stärken.“ Das habe sich mittlerweile aber gelegt.

Umsatzplus von 20 Prozent

„Im März haben Reformhäuser ein Umsatzplus von rund 20 Prozent erlebt“, sagt Fabian Ganz vom Marktforschungsunternehmen Biovista. Der Experte beobachtet den Markt für Reformhäuser seit Jahren. Sein Urteil: „Für eine Pandemie sind Reformhäuser bestens gerüstet.“ Schließlich gehe es um einen gesunden Lebensstil.

Diesen Gedanken gab es auch schon vor mehr als 130 Jahren. 1887 eröffnete Carl Braun in Berlin das erste Reformhaus Deutschlands; er nannte sein Geschäft Gesundheits-Zentrale. Dort verkaufte er pflanzliche Fette, Trockenfrüchte und Vollkornbrot – und traf damit den Zeitgeist. Seine Kunden waren Lebensreformer, Vegetarier und Anhänger der Naturheilkunde. Im Laufe der Jahre wuchs der Markt, immer mehr Geschäfte kamen hinzu.

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Auch bei der Firma Ebken aus Syke war das so. In diesem Jahr feiert das Unternehmen seinen 50. Geburtstag. Lena Ebken ist die dritte Generation, die im Familienbetrieb arbeitet. Dass Reformhäuser aber einfach so weitermachen können wie bisher, glaubt sie nicht. Früher seien die Geschäfte „Oma-Läden“ gewesen, irgendwie altbacken. Von diesem Image will Ebken weg, moderner werden, neue Kunden ansprechen. Deswegen renoviert das Unternehmen nach und nach seine Filialen, setzt auf moderne Farben; Social Media spielt eine größere Rolle, in Studentenstädten wie Oldenburg bedienen junge Mitarbeiter die Kunden. Außerdem hat das Unternehmen eine Eigenmarke gegründet. Unter der Bezeichnung House of Nature werden nun Nüsse, Tee und Trockenfrüchte verkauft. Das Design der Verpackung: Zeitgemäß soll es sein.

Neue Käufergruppen zu erschließen – das hält auch Fabian Ganz von Biovista für notwendig. „Die Zielgruppe von Reformhäusern ist zwar kaufkräftig, aber älter“, sagt er. Er sieht aber noch weitere Herausforderungen. So glaubt Ganz nicht, dass das Wachstum in der Corona-Krise nachhaltig ist. Zudem seien Reformhäuser Angriffen von mehreren Seiten ausgesetzt. Vor allem große Bio-Supermarkt-Ketten lockten Kunden weg. Hinzu kommen normale Supermärkte, deren Bio-Segment immer größer werde. Und immer mehr Apotheken und Drogerien verkauften nun auch Naturkosmetik und Nahrungsergänzungsmittel. Dinge, sagt Ganz, die es früher nur in Reformhäusern gegeben hätte, könne man nun auch woanders kaufen. „Die Exklusivität ist kleiner geworden.“

Markt ist stabil

Der Experte macht aber auch deutlich, dass das Ende der Reformhäuser noch lange nicht bevorstehe. „Es gibt nach wie vor Bedarf.“ Und auch die Zahlen lassen auf eine Erholung schließen. Laut Ganz hat sich der Markt in den vergangenen Jahren konsolidiert und sei nun stabil.

Nach Angaben des Verbands der Reformhäuser ist der Umsatz der angeschlossenen Händler in 2019 auf 690 Millionen Euro geklettert – drei Prozent mehr als im Jahr zuvor. Im Mai ging der Verband zudem noch davon aus, in diesem Jahr trotz Corona den Umsatz auf 700 Millionen Euro zu erhöhen.

Laut Ganz haben aktuell viele Reformhäuser auch mit einem Problem zu kämpfen, vor dem viele andere Unternehmen stehen: den Wechsel in die nächste Generation. Nicht immer wollen die Kinder das Geschäft weiterführen. Eine häufige Lösung: Eine größere Reformhauskette übernimmt den Laden und macht ihn zu einer Filiale.

Diese Nachfolgesorgen gibt es bei Ebken nicht. Zwar hat Lena Ebken erst Mathematik und Erdkunde auf Lehramt studiert – entschied sich danach aber doch noch für einen Einstieg ins elterliche Geschäft. Auch ihr zwei Jahre jüngerer Bruder Tom arbeitet im Familienbetrieb mit. Zusammen wollen sie den einstigen „Oma-Laden“ auffrischen.

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Zur Sache

Biomarkt oder Reformhaus?

Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als würden Reformhäuser und Bioläden das gleiche Konzept verfolgen, gibt es Unterschiede. So müssen in einem Reformhaus die Waren nicht zwingend bio sein – viele sind es dennoch. Meist haben Reformhäuser – anders als Bio-Märkte – auch ein großes Angebot an Nahrungsergänzungsmitteln und Naturkosmetik.

Zudem darf nicht jeder Ladeninhaber sein Geschäft Reformhaus nennen. Dafür muss er Mitglied oder Partner der Genossenschaft Reformhaus eG sein. Sie wurde 1927 von Reformhaus-Inhabern gegründet und ist Inhaber der Marke Reformhaus. Betreiber eines Reformhauses bleiben trotz ihrer Mitgliedschaft selbstständige Unternehmer.

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