Vor allem junge Kunden können mit Telematik-Tarifen sparen / Verbraucherschützen kritisieren Datensammlung Satte Rabatte erfahren

Bremen. In der Kfz-Versicherung zeichnet sich eine neue Entwicklung ab. Die ersten Gesellschaften arbeiten mit neuen Tarifen, bei denen sich die Versicherungsprämie nach dem Fahrverhalten richtet.
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Olaf Grahl

In der Kfz-Versicherung zeichnet sich eine neue Entwicklung ab. Die ersten Gesellschaften arbeiten mit neuen Tarifen, bei denen sich die Versicherungsprämie nach dem Fahrverhalten richtet. Die Experten sprechen von Telematiktarifen. Ein kleines zusätzliches Bauteil im Auto oder nur eine App auf dem Smartphone kontrollieren Geschwindigkeit oder Bremsverhalten.

Werden bestimmte Werte erreicht, gibt es einen Rabatt von bis zu 40 Prozent auf den Versicherungsbeitrag. Nachzahlungen wegen besonders schlechtem Fahrstil sind aber ausgeschlossen. Die ersten jetzt in den Markt kommenden Angebote richten sich vor allem an junge Fahrer. „Sie müssen im Schnitt 73 Prozent mehr für die Versicherung ihres Fahrzeuges bezahlen“, sagt Eva Kollmann vom Vergleichsportal Check24. „In der Spitze sogar 145 Prozent.“ Die Kunden sind für die neue Tarifwelt aufgeschlossen: Nach einer repräsentativen Umfrage des TÜV Rheinland würde sich fast die Hälfte (49 Prozent) der Befragten entsprechende Technik ins Auto einbauen lassen, wenn sie damit ihre Versicherungsprämie verringern können.

Bei der Signal-Iduna können den neuen App-Drive-Tarif Fahrer bis 30 Jahre nutzen. „Zusammen mit dem Navigationsspezialisten Tom-Tom haben wir einen Stecker entwickelt, der das Fahrverhalten dokumentiert und analysiert“, sagt Signal-Iduna-Sprecher Edzard Bennmann. Das Bauteil kann selbst am Diagnosestecker des Fahrzeuges montiert werden und es verbindet sich via Bluetooth mit der App, die auf dem Smartphone installiert wird. Bei der Signal Iduna führt bereits der Abschluss von App-Drive zu einer Prämienersparnis von 15 Prozent. Weitere 25 Prozent können durch umsichtiges Fahren eingespart werden.

Auch die Axa hat junge Kunden im Blick, aber ein etwas anderes Produkt entwickelt. Es kommt ohne zusätzliche Bauteile aus, benötigt eine App auf dem Smartphone, die automatisch erkennt, wenn das Fahrzeug startet. „Wir planen, den Tarif Drive-Check noch bis zum Jahresende einzuführen“, sagt Anja Kroll von Axa. Das Angebot richtet sich an Fahrer bis 25, die dadurch bis zu 15 Prozent des Beitrages sparen können. Es ist eine Light-Version unter den bisherigen Telematik-Tarifen, denn das Fahrverhalten wie Beschleunigung, Bremsen, Kurvenfahren und Geschwindigkeit wird nur über 600 Kilometer überwacht. Danach erfolgt eine Einstufung zum Fahrverhalten. Eine Wiederholung dieser Überprüfung ist zunächst nicht vorgesehen.

Die VHV-Versicherungen bieten ihren Telematik-Tarif allen Kunden an. Die Telematik-Box wird in den Zigarettenanzünder gesteckt und ist ebenfalls mit einer App vernetzt. Kunden können sich bis zu 30 Prozent Rabatt erfahren. „Den Rabatt für den ersten Jahresbeitrag ermitteln wir aus den ersten 25 Stunden Fahrzeit“, sagt Nils Dettmann von der VHV. Danach werde der Rabatt für das jeweilige Folgejahr immer aus den durchschnittlichen Bewertungen eines Vorjahres festgestellt. Für die Nutzung müssen die Kunden allerdings 6,99 Euro im Monat bezahlen, was die mögliche Einsparung reduziert.

Die großen Versicherer halten sich noch zurück. In Märkten wie den USA oder Italien, wo die Tarife schon länger angeboten werden, liegt der Anteil der Nutzer bei zehn Prozent. Die Allianz will erst im nächsten Jahr eine Telematiktarif anbieten. „Insbesondere bei jungen Autofahrern sehen wir eine Zielgruppe, die durch sicherheitsbewusstes Fahren ihre zu zahlenden Prämien reduzieren wollen“, sagt Alexander Vollert, Vorsitzender des Vorstands der Allianz Versicherungs-AG. Auch die HUK-Coburg und die Itzehoer Versicherungen testen solche Tarife. Als erster Versicherer hatte die Sparkassen-Direkt-Versicherung einen Telematik-Tarif eingeführt.

Kritik kommt von Verbraucherschützern: Sie halten solche Tarife wegen der damit gesammelten Daten für bedenklich. Es besteht nach ihrer Einschätzung die Gefahr, dass klassische Tarife dann teurer werden, wenn überwachungsresistenten Fahrern eine riskantere Fahrweise unterstellt werde. Die Versicherer verweisen auf einen strengen Datenschutz. „Wir haben auf einen GPS-Sender verzichtet, so dass keine Fahrstrecken erfasst werden“, sagt Bennmann von Sigmal Iduna.

Sparen lässt sich aber auch ohne Überwachung durch einen einfachen Anbietervergleich im Internet. In der Regel kann die bestehende Kfz-Versicherung noch bis zum 30. November gekündigt werden, wenn man einen günstigeren Anbieter gefunden hat. Die so realisierte Einsparung ist auf alle Fälle sicher. Ganz unabhängig vom Fahrverhalten. Knapp sechs Millionen Autofahrer erwägen einen Wechsel des Versicherers in diesem Jahr. Der Hauptgrund dafür ist die Beitragshöhe, geht aus einer Umfrage der HUK-Coburg hervor. Wer in diesen Tagen seine Beitragsrechnung für das neue Jahr bekommt und eine Beitragserhöhung ohne Leistungsverbesserung feststellt, kann auch nach dem 30. November noch kündigen und sich einen anderen Anbieter suchen. Ob die Versicherung teurer wurde oder nicht, ist oft nicht auf den ersten Blick erkennbar.

Kunden müssen auf den „Vergleichsbeitrag“ achten, rät die Stiftung Warentest. Den verstecken viele Versicherer klein in der Rechnung. Fällt er niedriger aus als der aktuelle Beitrag, wurden die Preise erhöht. Denn durch eine günstigere SF-Klasse kann der Beitrag sinken, obwohl die Prämie eigentlich teurer geworden ist. In solchen Fällen hat der Versicherungsnehmer ein Sonderkündigungsrecht. „Es besteht immer dann, wenn der Beitrag ohne Verschulden des Versicherungsnehmers steigt“, sagt Kollmann.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+