Auch Bremer Reederein betroffen

Weltweit sitzen über 150.000 Seeleute fest

Wegen der Corona-Pandemie dürfen Seeleute nicht ihre Schiffe verlassen und können nicht zurück in ihre Heimat. Die Bremer Seemannsmission betreut die Seeleute, deren Schiffe in Bremen liegen, täglich.
12.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Weltweit sitzen über 150.000 Seeleute fest
Von Peter Hanuschke
Weltweit sitzen über 150.000 Seeleute fest

Wegen der Corona-Pandemie dürfen Seeleute nicht ihre Schiffe verlassen. Weltweit hängen über 150.000 Seefahrer an Bord fest.

Hauke-Christian Dittrich

Sie sind häufig Wochen und Monate fernab der Heimat unterwegs – das sind sie gewöhnt. Doch die Corona-Pandemie verdoppelt teilweise den Aufententhalt an Bord und das ist denn auch für viele Seeleute zu viel: Sie leiden unter Heimweh und psychischer Belastung. Während an Land immer mehr Restriktionen gelockert werden, sitzen nach Angaben des Verbands Deutscher Reeder (VDR) weltweit mehr als 150.000 Seeleute auf ihren Schiffen fest. Am 25. Juni soll das verstärkt in den Fokus rücken, dann dann ist der internationale „Tag des Seefahrers“. Auf besondere Feierlichkeiten will die Bremer Seemannsmission aber in diesem Jahr verzichten. „Wir sind ganz klar der Auffassung, dass wir gerade in der Corona-Zeit täglich den ,Tag des Seefahrers' begehen“, sagt Diakon Magnus Deppe, Leiter der Seemannsmission.

„Die Bremer Reeder, die Schiffe in der internationalen Fahrt betreiben, stehen vor demselben Problem, wie alle international tätigen Reedereien“, so Robert Völkl, Geschäftsführer des Bremer Rhedervereins. Es sei äußerst schwierig bis unmöglich, einen Crewwechsel oder auch nur den Austausch einzelner Crewmitglieder zu organisieren. In vielen Häfen der Welt gebe es nach wie vor starke Restriktionen und Quarantänebestimmungen, die einem Crewwechsel entgegenstehen. „Dort, wo ein Austausch von Crewmitgliedern möglich ist, sind aufwändige Protokolle und Hygienevorschriften einzuhalten“. Ein weiteres, genauso großes Problem bestehe darin, dass 90 bis 95 Prozent der internationalen Linienflüge eingestellt seien. „Selbst wenn in einem Hafen ein Crewwechsel möglich sein sollte, bestehen kaum Möglichkeiten, die Seeleute in die Häfen zu bringen beziehungsweise von dort nach Hause reisen zu lassen.“

Tägliche Schiffsbesuche

„Unsere täglichen Schiffsbesuche sind umfangreicher, vielfältiger und wichtiger als je zuvor“, so Diakon Deppe. „Da die Seeleute nicht an Land dürfen, erledigen wir die Besorgungen für sie, die sie sonst selbst beim Landgang erledigt hätten. Lieferung von Schokolade und Chips, Hygieneartikel, Waschmittel aber auch sogenannte Genusswaren bringen wir täglich in großen Mengen zum Schiff.“ Oft seien die Gespräche für die vielen Seeleute derzeit eine wichtige Begegnung mit der Außenwelt. Die Seemannsmission finanziere sich über Spenden, die seien natürlich immer willkommen, aber in diesen Zeiten besonders.

Dank der Förderung durch das Häfenressort sei die Seemannsmission in der Lage, im Hafen mobil Dokumente auszudrucken. „Dies ist ganz wichtig beim Freischalten und ,Personalisieren' zum Beispiel der SIM-Karten“, so Deppe. Außerdem habe die Seemannsmission zwei W-Lan-Boxen, die sie den Seeleuten für besseren Internnetzugang auf den Schiffen zur Verfügung stellt. „Der Kontakt zur Familie und zu aktuellen Informationen aus der Heimat, ist für die Seeleute gerade in diesen Krisenzeiten wichtiger als je zuvor.“

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Die beiden W-Lan-Boxen stammen aus einer Spendenaktion, die der Verband Deutscher Reeder und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi Mitte Mai veranstaltet haben, um auf die besondere Situation der Seeleute aufmerksam zu machen. Die Spenden, 400 Handy-Guthabenkarten im Wert von 10.000 Euro und 25 Wifi-Boxen wurden an die verschiedenen Seemannsmissionen in den deutschen Häfen verteilt. VDR-Präsident Alfred Hartmann hatte damals deutlich gemacht, dass die Situation für die Seeleute immer dramatischer werde. Man riskiere die Gesundheit der Männer und Frauen an Bord, damit auch die Sicherheit der Schiffe – und letztlich seien auch die Logistikketten über See in Gefahr.

Bislang seien keine größeren Probleme innerhalb der Mannschaften an Bord bekannt geworden, so Völkl. „Bremer Reeder berichten mit Stolz, dass sich die Seeleute trotz der äußerst schwierigen Umstände sehr professionell verhalten.“ Allerdings nehme die Erschöpfung und auch der mentale Druck zu. „Dies ist nur zu verständlich, vor allem dann, wenn Seeleute seit Monaten auf See sind und nicht zurück zu ihren Familien können, und auch nicht wissen, wann sie wieder in ihre Heimat zurückreisen können.“

Hoffnung auf Entspannung

„Die Reeder wissen die Professionalität ihrer Seeleute sehr zu schätzen und tun alles Mögliche, um den unfreiwillig langen Aufenthalt an Bord halbwegs erträglich zu gestalten“, sagt der Geschäftsführer des Rhedervereins. Dazu gehöre zum Beispiel günstigeres oder kostenfreies WLAN an Bord und zusätzliche Unterhaltungsangebote. Eine gute Verpflegung sollte an Bord ohnehin zu allen Zeiten selbstverständlich sein. Bei der Gestaltung der Arbeitszeiten werde den individuellen Bedürfnissen der Seeleute, soweit es irgendwie gehe, Rechnung getragen. „Wesentlich mehr können die Reeder für ihre Seeleute an Bord leider nicht tun.“ Es bleibt zu hoffen, dass sich die Situation in den nächsten Wochen entspanne. „Dafür wurde von den Schifffahrtsverbänden und den Gewerkschaften gemeinsam verschiedene internationale Initiativen auf den Weg gebracht.“

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