Arbeitsausfälle durch psychische Leiden nehmen zu / Unternehmen steuern mit Präventionsprogrammen dagegen

Schweigen ist keine Lösung

Bremen·Hamburg. Als der Airbus-Mitarbeiter morgens zur Arbeit kommt, bleibt seine Alkoholfahne nicht unbemerkt. Ein Kollege nimmt ihn zur Seite und begleitet ihn zum Betriebsarzt.
13.08.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Niklas Golitschek

Als der Airbus-Mitarbeiter morgens zur Arbeit kommt, bleibt seine Alkoholfahne nicht unbemerkt. Ein Kollege nimmt ihn zur Seite und begleitet ihn zum Betriebsarzt. Der informiert den Vorgesetzten, den Betriebsrat, die Personalabteilung und schaltet den Suchtberater ein – eine Kette wird in Gang gesetzt. Der Suchtberater stellt im Anschluss fest, dass der Mann ein ernsthaftes Alkoholproblem hat und veranlasst die Überweisung in ein Krankenhaus. Der Suchtkranke wird nicht allein dorthin geschickt, sondern von Werkskollegen begleitet und direkt in die Hände der Ärzte übergeben.

Nicht nur beim Flugzeughersteller Airbus, der allein am Standort Bremen etwa 3500 Menschen beschäftigt, gibt es immer mal wieder solche Fälle. Der Konzern versucht, mit einem eigenen Gesundheits- und Präventionsprogramm das Problem der psychischen Erkrankungen in den Griff zu bekommen. Mindestens alle drei Jahre werden die Führungskräfte dazu eigens geschult, erläutert Thomas Zarbock, Leiter des Bereichs Gesundheit und Arbeitsschutz. „Sie üben mit Fallbeispielen, wie man auf die Probleme der Mitarbeiter reagiert.“ Und sie lernen, an wen sie die Mitarbeiter weiterleiten müssen.

Am Standort Bremen ist zudem ein Gesundheitsförderer angestellt: Er berät mit den Vorgesetzten, was sich in den Teams ändern sollte und wie sie sich am besten weiterbilden können. Zwei weitere Beschäftigte wurden zu Suchtberatern geschult. Sie haben früher selbst Suchtprobleme gehabt und unterstützen neben ihrer Arbeit nun betroffene Kollegen. Für diese Zeit sind sie freigestellt.

Erste Ansprechpartner im Unternehmen sind grundsätzlich immer erst die beiden Gesundheits- und Rehabilitationsberater, die nur für diese Aufgabe eingestellt wurden. Sie kümmern sich zum Beispiel auch um die Wiedereingliederung von Mitarbeitern nach längerer Krankheit und vermitteln bei Problemen an andere interne Stellen oder externe Spezialisten wie Psychologen. Mit den externen Beratern hat Airbus entsprechende Verträge abgeschlossen, damit ein Termin zügig innerhalb einer Woche möglich ist. „Oft reichen ein bis drei Gespräche bei einem Psychologen, um den Beschäftigten wieder ins Lot zu bekommen“, sagt Nina Sonntag, Arbeitsmedizinerin beim Flugzeugbauer. Bei Schuldenproblemen helfen zudem externe Sozialberater. Etwa die Hälfte der Belegschaft nehme laut Sonntag die Angebote im Rahmen des Gesundheitsschutzes wahr. Dazu zählen auch Achtsamkeits- oder Stressbewältigungskurse.

Psychische- und Verhaltensstörungen sind längst ein Massenphänomen: Nach Angaben des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (Wido) ist die Zahl der Arbeitsunfähigkeitsfälle zwischen 1998 und 2009 um 93 Prozent und die der Ausfalltage um 82,6 Prozent gestiegen. Inzwischen sind sie der dritthäufigste Grund für Krankschreibungen – und oft mit langen Ausfallzeiten verbunden. 2013 verzeichnete der für Bremen zuständige Landesverband der Berufskrankenkassen bei etwa 51 000 Versicherten 1400 Fälle – im Schnitt war jeder einzelne Betroffene 39,5 Tage arbeitsunfähig gemeldet. Die Krankenkasse AOK in Bremen erfasste 2014 bei etwa 96 000 Mitgliedern 6000 Fälle mit einer durchschnittlichen Krankheitsdauer von 25,6 Tagen. Bei der HKK (circa 74 000 Mitglieder) gab es

2014 fast 2700 Fälle mit durchschnittlich 29,04 Krankheitstagen.

„In der Vergangenheit haben viele nicht über ihre psychischen Leiden sprechen wollen, weil sie sich dafür geschämt haben“, sagt Karl Heinz Schrömgens, Diplom-Psychologe und Präsident der Psychotherapeutenkammer Bremen. Stattdessen hätten sie teilweise andere Beschwerden wie Rückenschmerzen angegeben, die aber auch eine Folge von psychischen Problemen sein könnten. Bei seiner Arbeit mit den Patienten hat Schrömgens festgestellt: „Der Stress hat enorm zugenommen. Auch, weil sich die Arbeit immer mehr verdichtet. Der Leistungsdruck ist größer geworden.“ Das spiegele sich in der Zahl der Krankschreibungen wider.

Schrömgens fordert, die betriebliche Gesundheitsprävention zu stärken, indem die Firmen mehr psychologische und psychotherapeutische Kompetenzen einbeziehen. Es gebe Hinweise darauf, dass bestimmte Berufszweige stärker von einer psychischen Fehlbelastung betroffen seien. Das sei in solchen Branchen der Fall, in denen es viel Kontakt mit Kunden oder etwa Patienten gebe. Auffälliger seien auch Mitarbeiter, die in ihrem Job nur wenig entscheiden könnten. Besonders häufig kommen psychische Erkrankungen nach AOK-Angaben bei Callcenter-Mitarbeitern oder in Pflegeberufen vor. Andere Berufsgruppen wie Müllwerker oder Rohrleitungsbauer litten dagegen eher an Muskel-Skelett-Erkrankungen. Sie sind körperlich mehr gefordert.

Dennis Wernstedt ist Referent für Mitbestimmung und Technologieberatung bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. Er berät unter anderem Betriebs- und Personalräte zum Thema Arbeitsschutz, vor allem in kleinen und mittelständischen Unternehmen. Er sieht die Arbeitgeber in der Pflicht, den gesetzlichen Bestimmungen des Arbeitsschutzgesetzes nachzukommen. „Das ist ein kontinuierlicher Verbesserungsprozess“, sagt Wernstedt. Es reiche nicht, nur eine Gefährdungsbeurteilung zu erstellen und daraus konkrete Schritte abzuleiten. Es müsse auch kontrolliert und dokumentiert werden, ob diese Schritte wirksam sind. „Wichtig ist, sich nach den Gegebenheiten vor Ort zu richten. Mit einem Pauschalrezept ist niemandem geholfen“, sagt er.

In Großunternehmen funktioniere dieser Prozess oft schon gut. Auch, weil mehr Druck vom Betriebsrat komme und dieser häufig gut mit den Gewerkschaften vernetzt sei oder auch von Konzernbetriebsräten unterstützt werde. Wenn es aber um psychische Leiden geht, sieht Wernstedt trotz der Sensibilisierung noch Nachholbedarf. „Die Firmen wissen oft nicht, wie sie die Probleme erkennen oder entsprechende Schritte einleiten sollen“, sagt er. Kleine mittelständische Unternehmen hätten zudem nicht das entsprechende Wissen, um die notwendigen Strukturen zu schaffen.

Das ist dem Flugzeugbauer Airbus inzwischen offenbar gelungen.

Im Unterschied zum bundesdeutschen Trend sinkt dort seit 2011 die Zahl der psychisch erkrankten Mitarbeiter nach eigenen Angaben stetig. Genaue Zahlen will das Unternehmen nicht nennen. Etwa 90 Prozent der Mitarbeiter können nach der Therapie und den internen Hilfen wieder ins Berufsleben eingegliedert werden, sagt Arbeitsmedizinerin Sonntag. Sofern möglich, bietet Airbus Teilzeitarbeit, berufsbegleitende Therapien oder Home-Office an. Auch Angebote wie interne anonyme Alkoholikergruppen wurden geschaffen. Für das Gesundheitsmanagement erhielt das Unternehmen 2014 den Gesundheitspreis „Corporate Health Award“.

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