Made in Bremen

Schwergewichte fürs Musikerlebnis

Die Manufaktur Vitru Akustik baut hochwertige Lautsprecher aus Beton und lädt auf ihrer Eröffnungsfeier zur einer kraftvollen Hörprobe ein.
03.03.2018, 21:43
Lesedauer: 3 Min
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Von York Schaefer

Gegen Ende des Interviewtermins ist Benjamin Heck dann doch froh, noch über Vitruvius reden zu können. Der römische Architekt ist immerhin Namensgeber von Hecks Manufaktur Vitru Akustik, die sich auf den Bau von Lautsprechern aus dem alten Werkstoff Beton spezialisiert hat. „Vitruvius hat nicht nur den Betonbau vorangebracht, sondern auch die Wellencharakteristik des Schalls entdeckt und die Akustik von Amphitheatern perfektioniert“, schwärmt der Bremer Firmengründer. Man hört, hier beruft sich ein junger, moderner Konstrukteur in seiner Arbeit mit Begeisterung auf einen römischen Universalgelehrten von vor über 2000 Jahren. Wenn man Benjamin Heck, 29 Jahre alt, lässiger Start-up-Look mit Dreitagebart, Jeans und Kapuzenpulli, in seinem Hörstudio in einem Backsteinbau im Neustädter Industriegebiet besucht, steht erst mal Musik hören auf dem Programm. Man solle doch eigene CDs mitbringen, hatte Heck im Vorfeld gebeten.

Über die Metallwerkstatt eines Freundes geht es in den etwa 30 Quadratmeter großen Vorführraum unterm Dach. Niedrige Decken, auf dem Regal vor der Fensterfront steht ein Vintage-Röhrenverstärker, in der Mitte ist ein Sofa mit Teppich davor platziert. Links und rechts davon die Lautsprecher, Marke Vitru Akustik. 1,15 Meter hoch, 43 Kilogramm schwer, 140 Watt Musikbelastbarkeit. Zu letzterer Zahl allerdings hat Heck eine eher kritische Meinung: „Die Wattangabe ist eine Pseudokennzahl, die geschickt von der Marketing-Industrie etabliert wurde und nichts über Musikerlebnis, Qualität und nicht mal etwas über die maximale Lautstärke aussagt“. Er hält es hier lieber mit einem smarten Statement von Rolls Royce: „Motorleistung: Stets ausreichend vorhanden“.

Heck legt eine CD von London Grammar ein. Englischer Indiepop, stimmgewaltige, zurückhaltend elektronische Musik. Der Sound strömt glasklar aus den Lautsprechern, akzentuiert auf Instrumenten und Stimme, ein druckvoller Bass füllt den Raum. Keine Frage, ein beeindruckender Klang. Ein Grund dafür laut Benjamin Heck: Die Gehäuse für Hochtöner sowie Tief- und Mitteltöner sind aus hochfestem Beton monolithisch, also aus einem Guss, gefertigt und zwischen zwei Holzbohlen aufgehangen. „Highend in Beton“ lautet Hecks Firmenphilosophie, auch die Sockel der Lautsprecher sind aus dem Material.

„Aufgrund der hohen Dichte und der großen Steifigkeit schwingt ein Betongehäuse nicht mit und dämpft so andere klangverfärbende Resonanzen“, erklärt der studierte Maschinenbauer, der sich seit drei Jahren mit dem Werkstoff aus Zement, Wasser und Sand beschäftigt. „High Fidelity bedeutet ja hohe Klangtreue, das heißt ich will das aufgenommene Signal so originalgetreu wie möglich wiedergeben“, erklärt Heck, den man trotzdem nicht als Klangpuristen bezeichnen kann, dem es nur um die beste Technik statt um gute Musik geht. „Ich will schon Leute erreichen, die Bock auf einen guten Klang haben“, sagt der gebürtige Wuppertaler, der nach acht Jahren in Berlin, wo er nach dem Studium als Produktdesigner im Möbelbau gearbeitet hat, vor einem Jahr nach Bremen kam.

"Ich will Leute erreichen, die Bock auf einen guten Klang haben"

Im Highend-Markt gehe es sonst oft nur noch um das Preisschild, das möglichst teure Produkt. Auch die Lautsprecher von Vitru-Akustik sind mit 14 800 Euro pro Paar wahrlich keine Schnäppchen, Material und Arbeitsaufwand aber haben es in sich. Etwa eine Woche arbeitet Heck an einem Lautsprecher, allein das Vorbereiten der Gussform dauert einen Tag. „Nach dem Gießen braucht der Beton, der aufs Gramm genau angemischt ist, vor allem eins – viel Ruhe“, erklärt er den Arbeitsprozess.

Mindestens einen Monat lang darf das Gehäuse dann reifen, bis das Material seine volle Härte erreicht hat. Die Holzbohlen für die Aufhängung sind Massivholz vom amerikanischen Walnussbaum oder aus Eiche. Die sonst bei Lautsprechern handelsüblichen MDF-Platten würden das schwere Betongehäuse wohl auch nicht tragen können. Der Hochtöner, der später in den Lautsprecher eingebaut wird, ist aus Beryllium, einem harten, spröden Leichtmetall. „In seinem Verhältnis aus Steifigkeit zu Masse besser als Diamant“, meint Benjamin Heck.

Das nächste Stück Musik, dieses Mal vom Reporter. Ein niederländisches Jazztrio mit einem Sänger aus dem Senegal, dessen betörende Stimme in Hecks Vorführraum in allen Nuancen hörbar ist. Aber wer gibt so viel Geld für Lautsprecher aus? Benjamin Heck, der als junger Start-up-Unternehmer immer auch betriebswirtschaftlich denken muss, sagt selber, dass der Markt bei Highend-Produkten „klein und gesättigt“ sei. In der Tat ist es so, dass selbst die Verwendung von Beton für Lautsprecher kein Alleinstellungsmerkmal seiner Firma ist. Mit Concrete Audio in Weimar und Betonart Audio bei Heidelberg findet man im Internet problemlos weitere Unternehmen, die in diesem Bereich arbeiten.

„Das war mir klar, aber ich glaube, ich habe ein besonderes Produkt und außerdem hat es die Lautsprecher, die mir gefallen, nicht gegeben“, sagt Benjamin Heck selbstbewusst. Dessen Großvater kannte übrigens – wie es der Zufall so will – den deutschen Übersetzer der Bücher des alten Römers Vitruvius. Ein weiterer schöner Grund für die Namensgebung.

Zur Sache:

Die Eröffnungsfeier des Vitru Akustik Hörstudios findet am Sonnabend, 7. April, ab 14 Uhr in der Industriestraße 20 statt.

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