Aus für Windanlagenhersteller

Senvion in Bremerhaven macht dicht

Für die 200 Mitarbeiter von Senvion in Bremerhaven ist es eine bittere Nachricht: Zum Jahresende wird das Werk schließen, weil das Unternehmen keinen Käufer finden konnte. Viel wird nicht bleiben von Senvion.
28.08.2019, 19:23
Lesedauer: 3 Min
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Von Florian Schwiegershausen und Eckart Gienke
Senvion in Bremerhaven macht dicht
Axel Heimken

Die Emotionen bei den Senvion-Mitarbeitern in Bremerhaven sind am Mittwochnachmittag bei der Betriebsversammlung hochgekocht – vor allem beim letzten Drittel im Raum ganz hinten. So beschreibt es Doreen Arnold, die Erste Bevollmächtigte der IG Metall Weser-Elbe. In den vergangenen Wochen war sie oft in der Senvion-Produktion im südlichen Fischereihafen. Auf der Versammlung ab 15 Uhr eröffnete die Geschäftsleitung den 200 Mitarbeitern in Bremerhaven: „Für den Turbinenbereich sind trotz intensiver und weltweiter Suche keine Angebote für den gesamten Bereich eingegangen.“ Zeitgleich fanden an den Senvion-Standorten in Hamburg und Schleswig-Holstein Betriebsversammlungen statt.

Gegenwärtig könne der Bereich noch einige Projekte abarbeiten, die der Belegschaft bis Ende des Jahres Beschäftigung geben – teils auch etwas länger. Die Gehaltszahlungen für September und bis zum Abschluss des Verkaufsprozesses seien für die gesamte Belegschaft des Unternehmens gesichert. Ebenfalls im September werden jedoch die ersten Kündigungen ausgesprochen, die zum Jahresende wirksam werden. Doreen Arnold sagte: „Damit wird den Mitarbeitern nun bewusst, dass die letzten Gondeln, die sie gerade für den Windpark Borkum Trianel II bauen, der letzte Auftrag sein werden.“ Nach der Betriebsversammlung unterhielt sich Arnold noch eine weitere Stunde mit dem Betriebsrat. Bereits vor einigen Wochen hatte die IG Metall Küste die Betriebsräte aller Senvion-Standorte nach Hamburg eingeladen. Dort wurden sie bereits auf alles vorbereitet, was die Mitarbeiter infolge der Insolvenz fragen könnten.

Interessenten gibt es dabei durchaus, aber eben nur für Teile Senvions: Dabei handelt es sich um den Service-Bereich ebenso wie um einzelne Ländergesellschaften, etwa die in Portugal und Indien. Über die Angebote werde die Gläubigerversammlung am 10. September beraten. Für die betroffenen Arbeitnehmer werden Sozialpläne ausgehandelt und eine Transfergesellschaft eingerichtet. Noch immer bleibt unklar, wie viele der rund 1800 Arbeitnehmer in Deutschland ihren Arbeitsplatz verlieren werden. „Wir stehen nun kurz vor einer Lösung für wesentliche Kernbereiche des Unternehmens“, sagte Senvion-Vorstandschef Yves Rannou.

Für die IG Metall Küste hat sich damit die Lage weiter zugespitzt. „Der Verkauf des Unternehmens als Ganzes ist gescheitert“, sagte Bezirksleiter Meinhard Geiken. „Dadurch drohen hunderte Entlassungen und die Schließung von Standorten.“ Nun gehe es darum, möglichst viele Arbeitsplätze sowie tarifliche Arbeitsbedingungen bei einem Verkauf des Service-Geschäfts zu sichern. Dazu erwarte die Gewerkschaft konkrete Vereinbarungen mit der Insolvenzverwaltung sowie Zusagen von möglichen Erwerbern.

Es gibt bereits Verhandlungen für eine Transfergesellschaft an allen Standorten. „Da sind wir in Gesprächen“, sagte Heiko Messerschmidt, Sprecher der IG Metall Küste. Er hofft, dass es bis Mitte September zu einem Ergebnis kommen wird. Gleichzeitig will sich die Gewerkschaft mit Bremens Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) treffen sowie ihren Amtskollegen aus Hamburg und Schleswig-Holstein.

Vogt äußerte sich: "Es ist sehr schade, dass für den Betrieb in Bremerhaven keine andere Lösung gefunden werden konnte. Unser Hauptaugenmerk gilt zurzeit den Beschäftigten, für die eine vernünftige Perspektive geschaffen werden muss. Das gilt natürlich auch für die Auszubildenden.“ Da die Mitarbeiterschaft zu einem großen Teil aus hochqualifizierten Fachkräften bestehe, geht Vogt davon aus, dass diese schnell wieder eine neue Beschäftigung finden werden. Für die 19 betroffenen Azubis in Bremerhaven wolle das Land Bremen im engen Schulterschluss mit den Beteiligten und mit hoher Intensität an Lösungen mitwirken – etwa, ob die landeseigenen Gesellschaften wie Bremenports oder die BLG Azubis übernehmen können.

Auch Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Bernd Buchholz (FDP) sucht nach Lösungen: „Das ist für die Standorte schon durchaus eine bittere Pille.“ Für Osterrönfeld habe man sich gemeinsam mit der Arbeitsagentur auf die Situation eingerichtet. Er wolle gemeinsam mit der Geschäftsführung, den Unternehmensverbänden und der IG Metall dazu beitragen, dass so viele Arbeitsplätze mit hoch qualifizierten Fachleuten wie möglich im Land gehalten werden können, sagte Buchholz. In Osterrönfeld war auch IG-Metall-Sprecher Heiko Messerschmidt vor Ort und sagte: „Die Mitarbeiter dort haben die Nachrichten mit Fassung getragen.“

Senvion hatte im April Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. Es erwischte das Unternehmen gerade dann, als in Bremerhaven die ersten Gondeln an den Windpark „Borkum Trianel II“ ausgeliefert werden sollten. Hier war Senvion Generalunternehmer und musste wegen zeitlicher Verzögerungen Vertragsstrafen zahlen. Das geht auch aus dem Halbjahresbericht des Energieversorgers EWE hervor, der Mitbetreiber des Windparks ist.

Doreen Arnold von der IG Metall sagte zur vergeblichen Suche nach einem Käufer für Bremerhaven: „Wenn ein Investor eine solche Produktion übernimmt, dann will er schon ein oder zwei Aufträge in den Büchern stehen haben. Aber die gibt es nicht.“ Für Anlagenbauer ohne großen Konzern im Hintergrund wird der Konkurrenzkampf immer härter.

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