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Sie verbinden Design mit Inklusion

Die Macher hinter Hey Ju entwickeln mit Menschen mit Handicap moderne Produkte. Viele Kunden würden die traditionellen Manufaktur-Erzeugnisse wie Holzspielzeug oder Keramik gerade deshalb kaufen, um damit etwas Gutes zu tun.
30.07.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Insa Lohmann
Sie verbinden Design mit Inklusion

Die Produktdesigner Andreas Hensinger und Juie Jittinan Kitsumritiroj haben zusammen das Start-up Hey Ju Design gegründet.

Frank Thomas Koch

Wie kann man Produkte aus sozialen Werkstätten marktreif machen und gleichzeitig die Menschen dort zu Co-Designern werden lassen? Diese Frage haben sich auch die beiden Produktdesigner Juie Jittinan Kitsumritiroj und Andreas Hensinger gestellt. Mit ihrem Start-up Hey Ju Design begleiten sie soziale Einrichtungen und helfen ihnen dabei, handwerkliche Produkte zu entwickeln und zu optimieren.

Ihr Ziel: Inklusion fördern und funktionale Produkte entwickeln. Viele Kunden würden die traditionellen Manufaktur-Erzeugnisse wie Holzspielzeug oder Keramik gerade deshalb kaufen, um damit etwas Gutes zu tun, sagt Kitsumritiroj. „Wir wollen, dass die Menschen es aber auch wegen des Design kaufen und erkennen: Das sind besondere Produkte von besonderen Menschen.“

Die 32-Jährige Wahl-Bremerin hat in Thailand studiert und sich schon früh für soziale Projekte engagiert. Als sie für ein Semester nach Bremen an die Hochschule für Künste (HfK) kam, gefiel es ihr an der Weser so gut, dass sie 2011 schließlich ganz in die Hansestadt zog, um weiter an der HfK zu studieren.

"Das sind besondere Produkte von besonderen Menschen"

Für ihre Masterarbeit im Studiengang Integriertes Design entwickelte Kitsumritiroj zusammen mit dem Martinshof ein Konzept, wie man gemeinsam mit Menschen mit ­Beeinträchtigung nachhaltige Produkte entwickeln kann. Die junge Designerin hatte ihre Passion gefunden: „In Bremen habe ich ­gemerkt, dass ich mich sehr stark für ­gesellschaftliche Fragestellungen interessiere.“

Während des Studiums lernte sie auch Hensinger kennen, der in seiner Masterarbeit ein soziales Projekt mit Demenz-Schwerpunkt umsetzte. Der gemeinsame Fokus auf Menschen mit besonderen Bedürfnissen und persönliche Sympathie habe sie schließlich zusammengebracht, wie beide berichten.

Kitsumritiroj und Hensinger bewarben sich 2015 für das Brut-Programm, ein Förderprogramm für Unternehmensgründungen, und fingen an, ihren Weg in die Selbstständigkeit vorzubereiten. Im Rahmen des Brut-Programms führten sie zunächst eine Befragung bei etwa 40 Einrichtungen durch, um den Bedarf herauszufinden.

Im April vergangenen Jahres gründeten sie ihr Start-up Hey Ju Design schließlich offiziell. Zu ihren ersten Kunden gehörten die Delme-Werk­stätten: In der Keramikmanufaktur in Delmenhorst entsteht derzeit zusammen mit den Mitarbeitern eine neue Küchen-Kollektion, die unter anderem aus Geschirr und Aufbewahrungsprodukten bestehen soll. Dabei geht es den Designern vor allem darum, Alleinstellungsmerkmale der Werkstattprodukte herauszuarbeiten.

Im nächsten Schritt wird ein Prototyp hergestellt. Dabei wird den Gründern auch deutlich, welche Ideen in der Praxis funktionieren und welche nicht. „Das Produkt muss mit den Maschinen in den Werkstätten umsetzbar sein“, sagt Hensinger. Die Einschätzung der Umsetzbarkeit unterscheide sich hin und wieder von ihrer eigenen, aber dieser Prozess sei ja gerade auch das Spannende an dem Konzept von Hey Ju Design, finden Hensinger und Kitsumritiroj.

"Die Menschen werden zu Co-Designern"

Durch die gemeinsamen Workshops haben die Werkstätten einerseits die Möglichkeit, ihr Produktangebot zu modernisieren und zu erweitern. Gleichzeitig findet eine kreative Förderung der Beschäftigten statt. Hensinger: „Die Menschen werden zu Co-Designern.“

Die beiden Designer aus Bremen sind immer wieder begeistert, wie viel Potenzial in den Werkstatt-Mitarbeitern steckt und wie sehr sich diese wertgeschätzt fühlen, indem sie ihre eigenen Ideen einbringen können. So ist beispielsweise ein modulares Frühstückstablett mit passender Butterdose, Kaffee- und Eierbecher entstanden.

Für die beiden HfK-Absolventen ist ihre Arbeit die ideale Kombination aus Design, Handwerk und sozialem Engagement.
Während Design eher mit Aussehen verbunden werde, gehe es beim Handwerk um Funktionalität. „Wir verknüpfen beides“, sagen sie.

Auch bei Themen wie Logoentwicklung, Markenpositionierung, Kommunikation oder Vermarktung greifen die Designer den Werkstätten unter die Arme. Schließlich sei nicht allein das Produkt an sich entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg. „Ein gutes Packaging beispielsweise wertet das Produkt total auf“, ist Andreas Hensinger überzeugt.

Wer die Macher von Hey Ju Design einmal persönlich kennenlernen möchte, hat dazu beim Summer-Sounds-Festival die ­Gelegenheit. Am 12. August veranstalten Kitsumritiroj und Hensinger in der Neustadt einen Workshop, bei dem die Teilnehmer „Rest-Materialien“ verarbeiten und kreativ nutzen können.

Die beiden Designer über ihre Idee: „Inspiriert durch Kreativ-Methoden, verschiedene Materialien und ­unterschiedliche Kulturen sollen so Gegenstände von persönlicher Bedeutung entstehen, um diese im Anschluss dem neuen Freund zu schenken und selber beschenkt zu werden.“

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