Bremen So trifft es Bremens Wirtschaft

Bert Gausepohl hatte noch viel vor in Großbritannien. Seine Firma, das Bremer Familienunternehmen Bühnen, stellt mit 80 Mitarbeitern Heißkleber, Klebstoffpistolen und Zubehör her.
25.06.2016, 00:00
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So trifft es Bremens Wirtschaft
Von Philipp Jaklin

Bert Gausepohl hatte noch viel vor in Großbritannien. Seine Firma, das Bremer Familienunternehmen Bühnen, stellt mit 80 Mitarbeitern Heißkleber, Klebstoffpistolen und Zubehör her. Bühnen verkauft diese Produkte erfolgreich auch nach Polen und Tschechien – als nächstes wollte man eigentlich das Geschäft mit den Briten aufrollen. Es gab schon Gespräche mit Händlern vor Ort, sogar über die Gründung einer Niederlassung oder einer Tochterfirma dachte man nach. „Es war für uns ein nächster logischer Schritt, dass wir auch in diesem Markt aktiv werden“, sagt der Geschäftsführer.

Doch seit Freitag ist alles anders. Dass die Briten mehrheitlich aus der EU austreten wollen, hat nicht nur schwere Schockwellen an den internationalen Märkte ausgelöst. Der bevorstehende Brexit trifft auch Betriebe in Bremen empfindlich – Mittelständler wie den Klebstoffspezialisten Bühnen, dessen Expansionspläne nun zumindest massiv infrage gestellt sind.

Denn die gesamte Geschäftsgrundlage im Handel mit Großbritannien ist plötzlich umgestoßen. Sollte das Pfund in den kommenden Wochen weiter an Wert verlieren, lässt das Produkte aus Deutschland teurer werden. Außerdem müssen exportorientierte Unternehmen mit neuen Handelszöllen rechnen. „Der Warenfluss Richtung England wird teurer werden, und unsere Produkte werden weniger wettbewerbsfähig sein“, sagt Gausepohl. „Aber vor allem die große Unsicherheit ist Gift. Das ist aus meiner Sicht das größte Problem: Man weiß nicht, worauf man sich einstellen soll.“

Diese Unsicherheit schlägt nach dem Brexit-Votum bei vielen in der Bremer Wirtschaft auf die Stimmung. Denn Großbritannien ist einer der wichtigsten Handelspartner der Hansestadt. Im vergangenen Jahr rangierte das Land in der Rangliste der Wirtschaftsbeziehungen auf Platz drei hinter Frankreich und den USA. Nach Zahlen des Statistischen Landesamtes erreichten Importe und Exporte einen Umfang von 2,6 Milliarden Euro. Den größten Anteil hatten dabei die Ausfuhren der Großkonzerne Daimler und Airbus mit ihren Standorten in Bremen. Neben Autos und Flugzeugteilen stehen aber auch Fische und Krebstiere sowie Stahl- und Eisenbleche weit oben auf der Liste der Exportgüter. Insgesamt rund zehn Prozent der Bremer Exporte gehen bislang nach Großbritannien.

Noch enger verflechtet mit den Briten ist die niedersächsische Wirtschaft: Sie führte 2015 Waren im Gesamtwert von gut sieben Milliarden Euro nach Großbritannien aus. Das Land ist damit sogar auf Platz zwei der engsten Handelspartner – nach den Niederlanden. Dem standen Importe im Umfang von 3,3 Milliarden Euro gegenüber.

„Für die deutsche Wirtschaft, in besonderem Maße aber auch für die Wirtschaft im Land Bremen, ist der Brexit eine schlechte Nachricht“, sagt Handelskammer-Präses Harald Emigholz. Es sei damit zu rechnen, dass der Absatz deutscher Produkte im britischen Markt zurückgehe. „Was jetzt folgt, ist für die Handelspartner Großbritanniens eine schwierige Zeit, weil das Vereinigte Königreich seine Handelsverträge weltweit und auch mit der EU komplett neu aufsetzen muss.“ Dies werde zur Folge haben, dass sich die Unternehmen mit Investitionen zurückhalten, sagte Emigholz.

Zu den Bremer Unternehmen, die den Brexit schmerzlich zu spüren bekommen könnten, gehört auch der Logistikkonzern BLG. Das Unternehmen verschifft Autos für Hersteller mit britischen Werken und transportiert zudem auf dem Kontinent gebaute Fahrzeuge nach Großbritannien. BMW etwa verkauft dort rund zehn Prozent seiner Autos, zudem produziert das Unternehmen jedes Jahr mehr als 200000 Minis in England.

„Wir bedauern das“, sagte ein BLG-Sprecher zum Brexit-Votum. Allerdings gehe das Unternehmen zumindest kurzfristig nicht davon aus, dass sich an den Warenströmen etwas ändere. So sei damit zu rechnen, dass der Mini weiterhin in Oxford vom Band laufen werde. Auch BMW teilte mit, der Konzern erwarte zunächst keine unmittelbaren Auswirkungen aufs Geschäft. Ähnlich äußerte sich Daimler-Chef Dieter Zetsche.

Doch vor allem für kleinere Unternehmen könnte die Wiedereinführung von Zöllen im Geschäft mit dem Vereinigten Königreich zum Problem werden. Und so manche Firma dürfte von den nötigen Formalitäten abgeschreckt werden. „Mit dem Austritt haben wir alle nicht gerechnet“, sagt Lutz Oelsner, Vorstandschef des Armaturenherstellers Gestra und neuer Präsident der Unternehmensverbände in Bremen. Großbritannien werde für die Stadt ein wichtiger Handelspartner bleiben. „Aber es ist zu befürchten, dass der Warenverkehr deutlich bürokratischer wird. Und er wird teurer.“

Wirtschaftssenator Martin Günthner (SPD) betrachtet den Brexit als massiven Einschnitt zunächst für die britische Wirtschaft. „Und dies wird hoffentlich eine Mahnung an andere Staaten sein, dass ein Austritt aus der EU zuallerletzt den Interessen des austretenden Landes nutzt.“ Die Europäische Union müsse diese Zäsur nun dazu nutzen, der wirtschaftlichen auch die soziale Integration folgen zu lassen. „Der Reformdruck auf die EU ist jedenfalls mit dem heutigen Tag massiv angestiegen“, so der Wirtschaftssenator.

Bühnen-Geschäftsführer Gausepohl hofft darauf, dass mit dem billigeren Pfund Großbritannien nun zumindest als Bezugsquelle für Importprodukte attraktiver werden könnte – ein Effekt, den neue Zölle jedoch konterkarieren würden. Über die Motive der Brexit-Befürworter kann er nur rätseln. Und am Ende bleibt, allen Unsicherheiten zum Trotz, ein geradezu britischer Pragmatimus: „Die Welt wird sich weiterdrehen.“

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