Frankfurt/Main Sparern entgehen 29,8 Milliarden Euro

Frankfurt/Main. Aktien sind den meisten Menschen in Deutschland ein Graus, und beim Schuldenmachen sind sie vorsichtiger als andere Europäer. Diese Vorliebe für vermeintlich sichere Sparanlagen kostet die Deutschen nun viel Geld.
30.09.2015, 00:00
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Von Harald Schmidt und Jörn Bender

Aktien sind den meisten Menschen in Deutschland ein Graus, und beim Schuldenmachen sind sie vorsichtiger als andere Europäer. Diese Vorliebe für vermeintlich sichere Sparanlagen kostet die Deutschen nun viel Geld. Nach einer Studie der Allianz haben Geldschwemme und Niedrig-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) den deutschen Sparern von 2010 bis 2015 Zinsverluste von 29,8 Milliarden Euro eingebrockt.

Damit gehörten die deutschen Anleger zusammen mit denjenigen aus Belgien und der Slowakei zu den großen Verlierern der lockeren Geldpolitik, mit der Europas Währungshüter um Mario Draghi die Wirtschaft im Euroraum am Leben halten. „Die deutschen Haushalte mussten in den letzten sechs Jahren durchweg Verluste in Kauf nehmen“, stellt Allianz-Chefvolkswirt Michael Heise fest. Er beziffert den Schaden auf 367 Euro pro Kopf.

Die meisten Europäer profitieren hingegen vom billigen Geld: Ihre Einkommen wachsen durch niedrigere Zinsen für Kredite stärker, als sie auf der anderen Seite durch die niedrigere Verzinsung von Bankeinlagen verlieren. In den vergangenen sechs Jahren beliefen sich die Gewinne auf 130 Milliarden Euro oder 400 Euro pro Kopf. „Zu den großen Gewinnern gehören dabei die Länder der Peripherie wie Portugal, Griechenland und Spanien“, heißt es in der Studie. In diesen Ländern können sich die Menschen seit 2010 über Zinsgewinne von mehr als 1200 Euro pro Kopf freuen.

Allerdings bleiben beim Blick auf die Zinseinkommen die Effekte der Geldpolitik auf andere Vermögensklassen wie Immobilien oder Aktien unberücksichtigt. Doch das billige Geld der EZB gilt auch als Treiber steigender Vermögenspreise.

Genau diesen Aspekt betonen Forscher des Instituts für Wirtschaftsforschung (IWH/Halle) in einer aktuellen Studie: Wer sein Geld ausgewogen anlege – also auch in Aktien und Immobilien – habe in der Niedrigzinsphase von 2010 bis 2015 sogar höhere Renditen erzielt als in den Jahren vor der Krise.

Zur ganzen Wahrheit gehört allerdings auch: In Deutschland besitzen immer weniger Menschen Aktien – allein 2014 kehrte nach früheren Angaben des Deutschen Aktieninstituts (DAI) etwa eine halbe Million Deutsche dem Aktienmarkt den Rücken. Demnach waren 2014 lediglich 8,4 Millionen Deutsche – circa 13 Prozent der Bevölkerung – noch in diesen Papieren engagiert. Und: Einer kürzlich veröffentlichten Analyse der Experten Klaus Adam von der Universität Mannheim und Panagiota Tzamourani von der Bundesbank zufolge stecken vor allem Menschen mit hohen Vermögen oder Einkommen Geld in Wertpapiere.

Die Folge: Wohlhabende werden dadurch noch reicher, die Ungleichheit nimmt zu. Gerade Kleinsparer horten ihr Geld oft in Form kurzfristiger Anlagen wie Tagesgeld – obwohl das kaum Zinsen bringt. Rund zwei Billionen Euro lägen dort, stellte die Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft DWS fest.

Trotzdem sind die Brutto-Geldvermögen der privaten Haushalte 2014 auch in Deutschland um 4,2 Prozent gestiegen. Doch Heise meint: „Angesichts der immer noch höchsten Sparquote in Europa ist diese Entwicklung eher enttäuschend.“ Zum Vergleich: Weltweit kletterte das Brutto-Geldvermögen der privaten Haushalte im vergangenen Jahr um 7,1 Prozent auf den Rekordwert von 136 Billionen Euro.

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