Der Bremer Anlagenbauer Schulz Systemtechnik spielt beim Thema Elektromobilität eine Schlüsselrolle Spezialist für Großes

Bremen. Der klassische Verbrennungsmotor ist auf dem Rückzug, langsam zwar, aber stetig. Selbst auf Bundesratsebene wurde schon debattiert, wie man erreichen könne, dass ab spätestens 2030 in der EU nur noch emissionsfreie Pkw zugelassen werden.
23.11.2016, 00:00
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Von York SchAEfer

Bremen. Der klassische Verbrennungsmotor ist auf dem Rückzug, langsam zwar, aber stetig. Selbst auf Bundesratsebene wurde schon debattiert, wie man erreichen könne, dass ab spätestens 2030 in der EU nur noch emissionsfreie Pkw zugelassen werden. Bei der Entwicklung umweltfreundlicherer Antriebsformen steht die Elektromobilität plötzlich ganz hoch im Kurs, auch in der Region Bremen. Borgward will ab 2018 jährlich 10 000 Elektroautos bauen, Ende des Jahrzehnts soll der erste Mercedes-EQ im Werk in Sebaldsbrück in Serie gehen. Die Herzstücke der elektromobilen Zukunft sind dabei die Batterien.

Wie diese im großen Stil industriell hergestellt werden, kann man bei dem Automatisierungsspezialisten Schulz Systemtechnik im Gewerbegebiet Hemelingen sehen. In einer mindestens fußballfeldgroßen Halle haben Mitarbeiter aus den Bereichen Mechanik, Elektronik und Informatik im sogenannten simultanen Engineering eine Batteriefertigungsanlage aufgebaut, die mit ihren 25 Metern Länge und zehn Metern Breite umfangreiche Ausmaße hat. „Hiermit werden natürlich keine Knopfzellen oder Weckerbatterien produziert, sondern Batterien mit 250 bis 850 Millimetern Höhe, die auch im Bereich Elektromobilität eingesetzt werden können“, weiß Thomas Wilmhoff, Leiter des Projektmanagements, circa Mitte 50, strahlend weißes Hemd mit Schulz-Firmenlogo auf dem Kragen.

1954 wurde das Unternehmen im niedersächsischen Visbek als klassischer Handwerksbetrieb gegründet. Inzwischen hat sich die Firma zu einer international operierenden Unternehmensgruppe mit neun Geschäftsfeldern von Agrartechnik und Automotive über Industrieautomation und Sonderanlagenbau bis zu Gebäude- und Antriebstechnik entwickelt. In Bremen beschäftigt man 200, an weiteren Standorten in Europa und China 1000 Mitarbeiter.

Das Konzept für die Anlage zur Batterieproduktion entwickelt Schulz für einen namhaften Zellenhersteller in Deutschland. „Es geht nicht um die Verfahrenstechnik für Batterien als solche, sondern zum Beispiel darum, zu testen wie sich jedes einzelne Bauteil der Anlage während der Produktion verhält“, erklärt Wilmhoff und zeigt anhand eines Dummies wie in der Fertigung die Batterieplatten aus Blei verarbeitet werden.

Über Förderbänder werden die Platten zugeführt, die Fahne wird abgestanzt, per Strahlung wird sie „blank gemacht“, sprich für den Korrosionsschutz gesäubert und anschließend mit einer speziellen Folie verpackt. „Da die Anlage so groß ist, kann der Kunde damit sehr schnell produzieren, alle zwei Sekunden ist ein Bauteil fertig“, berichtet Karsten Köckemeyer aus dem Vertrieb von Schulz über die zügige Taktung der Anlage. Zum Vergleich: Andere Anlagen zur Batterieherstellung brauchen fünf bis zehn Sekunden für diesen Prozess. 20 bis 30 Mitarbeiter haben etwa anderthalb Jahre daran gearbeitet. Inklusive Lieferung und Aufbau beim Kunden wird die Anlage rund eine Million Euro kosten.

Gespräch mit Ralf Soltwedel, Geschäftsführer bei Schulz, um die 50 Jahre alt, groß gewachsen, beeindruckender Lockenkopf. An diesem Mittwoch wird Soltwedel als Gastgeber der Herbstkonferenz des Branchenverbandes Automotive Nordwest über die Aktivitäten des Unternehmens im Bereich Elektromobilität in Produktion und Infrastruktur sprechen. Ein Thema: das Parkhaus der Zukunft. „Ich denke, in zwei bis drei Jahren werden keine Parkhäuser mehr gebaut, in denen das Thema E-Mobilität nicht schon in der Planung mitgedacht wird“, sagt Soltwedel über eine künftige öffentliche Versorgung mit Ladestrom. Langfristiges Denken sei hier gefragt. Man müsse damit rechnen, so Soltwedel, dass für die Baugenehmigung neuer Parkhäuser eine gewisse Menge an Ladevorrichtungen Pflicht werde. In diesem Bereich arbeitet Schulz Systemtechnik bereits mit dem Bielefelder Unternehmen Goldbeck, einem Spezialisten für den Bau von Parkhäusern, zusammen.

Neben öffentlichen Parkhäusern würden auch Supermärkte heute schon darüber nachdenken, ihren Kunden Stationen für eine schnelle Ladung ihrer Elektroautos auf den Parkplätzen anzubieten. „Dafür braucht man viel Energie in kurzer Zeit, da die klassische Infrastruktur dieser Unternehmen nur für Kühlung und Licht ausgelegt ist“, sagt Ralf Soltwedel. Um diesen erhöhten Energiebedarf abzudecken, seien bereits Mittelspannungsanlagen mit 10 000 bis 20 000 Volt notwendig. Hinzu kämen Fragen der Abrechnung, für welche die Supermärkte eine Datenanbindung zum Beispiel an lokale Energieversorger brauchen.

Auch an der Produktion des EQ im Bremer Mercedeswerk wird Schulz Systemtechnik beteiligt sein. Für den Einbau der mehrere Hundert Kilo schweren Batterien werde im Unterschied zum bisherigen 60- bis 70-Liter-Kunststofftank eine eigene Anlagentechnik notwendig sein, die bereits im Rohbau der Elektroautos beginnt und anders gesteuert werden muss als für Autos mit dem Auslaufmodell Verbrennungsmotor.

Konferenz zur Elektromobilität Elektromobilität wird nach und nach den Verbrennungsmotor ersetzen. Welche Folgen diese Entwicklung für die Autozulieferer in der Region hat, damit befasst sich die Herbstkonferenz von Automotive Nordwest an diesem Mittwoch, 23. November, von 15 bis 20 Uhr bei der Bremer Schulz Systemtechnik GmbH, Europaallee 2.
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