Bremen

Sprung in die Zukunft

Das Bundeswirtschaftsministierum hat sich des Themas Mittelstand 4.0 angenommen.
08.11.2016, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von von silke hellwig
Sprung in die Zukunft

Diditalisierung im Mittelstand - Willenbrock Fördertechnik

Frank Thomas Koch

Das Bundeswirtschaftsministierum hat sich des Themas Mittelstand 4.0 angenommen. Sein Ziel ist es, kleine und mittlere Betriebe ins 21. Jahrhundert und damit ins Zeitalter der Digitalisierung zu lotsen. Behilflich dabei sein sollen fünf Kompetenzzentren. Das in Hannover ist für Niedersachsen und Bremen zuständig. Unter der Parole „Mit uns digital“ verweist es nicht nur auf „Lern- und Expertenfabriken“, sondern auch auf einen „Roadshow-Bus“, der unlängst erstmals in Hannover präsentiert wurde. Dabei handele es sich um „eine kleine Fabrik auf Rädern“, die praxisnah Umsetzung und Nutzen der Digitalisierung und Vernetzung präsentiert und durch Niedersachsen und Bremen touren wird.

Welche Umwälzungen die Digitalisierung in Betrieben auslösen kann, wird beim Blick auf die Themen der „Expertenfabriken“ klar: Automatisierung und Big Data in Produktion und Intralogistik, Selbststeuerung in Produktion und Logistik, Laser in der digitalen Produktion, Energietransparenz in der Produktion, IT-Security, Systematische Entwicklung von Hard- und Softwaresystemen, Recht und Ökonomie in der digitalen Wirtschaft, Arbeit 4.0: Akzeptanz, Qualifizierung, Kompetenzen und Rollen.

Es gebe heute im Prinzip keinen Betrieb mehr, und sei er noch so klein, der die Zeichen der Zeit nicht erkannt hätte, sagt Kai Stührenberg, Ansprechpartner für das Thema Industrie 4.0 bei der Wirtschaftsförderung Bremen GmbH (WFB). Seit mehr als einem Jahr konzentriere sich die WFB darauf, dem Mittelstand klarzumachen: „Die Digitalisierung kommt mit aller Macht.“ Aber auch im Markt entstehe Druck, weil Kunden sozusagen durch digitale Trendsetter Erwartungen entwickelten. Wer sich den Chancen und Vorteilen der neuen Technologien verweigere, gerate schnell ins Abseits. „Heute fragen die Unternehmen uns nicht mehr: Müssen wir etwas tun? Sondern sie fragen: Was müssen wir tun?“, sagt Stührenberg.

Während große Unternehmen die Zeichen der Zeit durchweg erkannt hätten, stelle sich die Situation im Mittelstand etwas anders da. Es gäbe einige Vorzeigeunternehmen, die quasi schon vorgeprescht seien, andere näherten sich dem Thema jetzt. „Noch nicht alle Unternehmen haben eine Digitalisierungsstrategie“, so Stührenberg. Eben das sei der erste Schritt. Unter Mittelstand oder Wirtschaft 4.0 sei nicht zu verstehen, dass man seinen Betrieb komplett umkrempeln und enorme Beträge investieren müsse. Es gehe darum, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Um den Mittelstand darin zu unterstützen, unterbreite die WFB, die sich nach eigenen Angaben als „Kümmerer um die bremische Wirtschaft“ versteht, ein entsprechendes und umfassendes Beratungsangebot.

Zu den mittelständischen Unternehmen, die sich fix auf die Digitalisierung eingestellt haben, gehören – unter diversen anderen – die Bego Bremer Goldschlägerei Wilh. Herbst GmbH & Co. KG. und die Willenbrock Fördertechnik Holding GmbH. Ralf Dingeldein ist Geschäftsführer bei letzterem Unternehmen. Er sagt: „Wachsende Kundenanforderungen, Kosteneinsparungsprojekte und steigende Komplexität fordern eine gründliche Betrachtung und Optimierung der Logistikkette.“ Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, habe das Unternehmen einen eigenen Geschäftsbereich „Digitale Lösungen“ aufgebaut. „Wir sehen keinen Grund für Berührungsängste mit dem Thema Industrie 4.0. Als Mittelständler investieren wir in dieses Zukunftsfeld und entwickeln für unsere Kunden maßgeschneiderte Anwendungen und Resultate“, so der Geschäftsführer weiter.

Zu den Komplettlösungen, die die Willenbrock Fördertechnik Holding GmbH ihren Kunden anbietet, gehört unter anderem der sogenannte Staplerruf. Das Unternehmen hat ein eigenes System namens „BringQ“ entwickelt. Ein Video auf der Unternehmenshomepage zeigt, wie es funktioniert: In einem Büro sitzt eine Mitarbeiterin und erteilt mit ihrem Smartphone einen Auftrag, der umgehend auf dem Smartphone des Gabelstaplerfahrers landet. Er erledigt die Aufgabe und meldet das auf gleichem Weg zurück. Ohne Telefonat, ohne Papierkram, ohne Missverständnisse, ohne die Arbeitsplätze zu verlassen.

Der Name Willenbrock habe lange für Produkte aus Metall gestanden, in Form von Gabelstaplern. Inzwischen aber handele das Unternehmen auch mit digitalen Lösungen rund um Gabelstapler und Logistik. So habe es sich neue Geschäftsfelder erschlossen, die das einstige Angebot ergänzten und erweiterten, sagt Ralf Dingeldein. Wie kam‘s? Er selbst habe dem Thema Digitalisierung schon immer aufgeschlossen und vorbehaltlos gegenüber- gestanden. Er habe sich kreative und engagierte Mitarbeiter gesucht, die das Unternehmen auf diesen Weg bringen wollten, aber auch in der „alten Welt“ des Betriebs verhaftet waren. „Das ist sicher ein Teil des Erfolgsrezepts.“ Wichtig sei seiner Meinung nach auch, sagt Ralf Dingeldein, Berührungsängste zu überwinden und sich die ersten Schritte in der neuen Arbeitswelt zuzutrauen, auch wenn man noch nicht genau wisse, wo der Weg ende. „Das Thema Digitalisierung muss man anders angehen als das etablierte Geschäft.“ Das koste womöglich etwas Mut, sei aber auch außerordentlich spannend und lehrreich.

Das bestätigt auch Christoph Weiss, geschäftsführender Gesellschafter der Bego Bremer Goldschlägerei Wilh. Herbst GmbH & Co. KG. Er habe neuen Technologien immer positiv gegenübergestanden und seine Mitarbeiter ermutigt, sich mit ihnen auseinanderzusetzen und sich gewissermaßen auch auszuprobieren. In den 1980er-Jahren habe das Unternehmen mit einem solchen Experiment noch viel Geld verloren, aber auf Dauer entmutigen konnte Weiss das nicht.

1999 begann die Firma, sich intensiv mit der Digitalisierung zu beschäftigen. Sie hat eine Pionierrolle im kommerzialisierten 3D-Druck für die Zahntechniker-Branche inne. Sie begann früh, CAD/CAM-basiert (CAD steht für Computer-aided design, CAM für Computer-aided manufacturing) sogenannte Halbzeuge herzustellen, ein Vorprodukt für Zahnersatz. Inzwischen hat das Unternehmen einen eigenen 3D-Drucker entwickelt, den es vertreibt. Auf der Homepage teilen sich „konventionelle Lösungen“ und „CAD/CAM-Lösungen“ einträchtig den Platz der Angebotspalette.

Wo sich vor allem auch für kleinere Mittelständler eine Chance für die Zukunft biete, seien elektronischer Handel und Zahlungsverkehr, sagt Bert Cecchia von der Handelskammer. Auch in den Kundenbeziehungen und dem betrieblichen Management böten sich durch die Digitalisierung Entwicklungspotenziale. Cecchia verweist auf das Unternehmensbarometer des DIHK, des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, zum Thema Digitalisierung. Überschrift: „Perspektiven erkannt, erste Schritt getan“. Danach gaben in einer Befragtung 41 Prozent der Unternehmen (mehr als 1600) an, dass sich ihre Umsätze erhöht hätten. Ein Viertel der Firmen gab an, sich im Punkt Digitalisierung gut aufgestellt zu fühlen. Knapp ein Fünftel der Befragten rechnet mit mehr Mitarbeitern, genauso viele vermutet das Gegenteil. Das Gros geht davon aus, dass die Digitalisierung keinen Einfluss auf die Zahl der Beschäftigten hat. Und 68 Prozent sehen laut der Umfrage Chancen für neue Geschäftsmodelle. Die Zahlen sind nach Eindruck von Bert Cecchia auf Bremen übertragbar.

Die größten Hemmnisse für Betriebe liegen laut Bert Cecchia in den nötigen Investitionen, in Datenschutz-Bedenken, rechtlichen Unsicherheiten und in den Schwierigkeiten, geeignetes Personal zu finden. Die Handelskammer lässt die Firmen mit diesen Sorgen nicht alleine. Auch sie bietet Mittelständlern fachliche Begleitung an. Sie reicht laut Cecchia von individuellen Beratungsterminen über umfangreiche Informationen im Netz bis zur Vermittlung zu weiterführenden Organisationen wie den Kompetenzzentren.

Für den Mut, sich auf Neues einzulassen, wurden Christoph Weiss und die Bego Wilh. Herbst GmbH & Co. KG. belohnt: Im Jahr 2000 wurden sie von der „Wirtschaftswoche“ zur „Elite der Zukunft“ geadelt. Vier Jahre später kam der „Innovationspreis Lasertechnik“ des Fraunhofer-Instituts für Lasertechnik hinzu, zum zweiten Mal (nach 2008) zählt das Unternehmen in diesem Jahr zu den „100 Top-Innovatoren“ der Republik, als einziges aus Bremen. Die Auszeichnung wird von einer Jury um den wissenschaftlichen Leiter Nikolaus Franke vergeben, Professor für Entrepreneurship und Innovation an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Im Nachhinein betrachtet, „habe ich die Sache völlig unterschätzt. Wenn ich gewusst hätte, was alles auf uns zukommt, hätten wir es vielleicht gar nicht gemacht“, sagt Weiss heute. „Wir mussten uns sozusagen ein digitales Ökosystem aufbauen, das war eine riesige Herausforderung“, auch finanziell. Weiss‘ Bilanz: „Man muss sich trauen, man muss ein gutes Team um sich haben, und ein bisschen Glück braucht man auch.“

Zur Person

Silke Hellwig ist Chefredakteurin und hätte gerne einen Roboter, der die Fenster putzt – ohne Schlieren.
„Wir sehen keinen Grund für Berührungsängste mit dem Thema Industrie 4.0.“ Ralf Dingeldein, Willenbrock Fördertechnik
„Noch nicht alle Unternehmen haben eine Digitalisierungsstrategie.“ Kai Stührenberg, Wirtschaftsförderung Bremen
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