Viele Werften aus Bremen beim Bau beteiligt

So viel Bremen steckt in den größten Jachten der Welt

Sie werden immer größer und immer mehr: Superjachten von superreichen Menschen. Viele der größten Jachten der Welt werden in Bremen gebaut. Ein Blick auf eine Branche, die sehr auf Diskretion setzt.
05.09.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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So viel Bremen steckt in den größten Jachten der Welt
Von Marc Hagedorn
So viel Bremen steckt in den größten Jachten der Welt

Noch ganz neu: Die Scheherazade, 140 Meter lang, wurde bei Lürssen gebaut und erst in diesem Sommer ausgedockt. Über den Besitzer ist nichts bekannt, aber das gehört zum Verschwiegenheitsgebot in der Branche.

Carl Groll

An diesem Heft haben Martin Hager und seine Leser immer am meisten Spaß. Alle zwei Jahre veröffentlicht das Hochglanzmagazin „Boote Exclusiv“, dessen Chefredakteur Hager ist, ein Ranking mit den 200 größten Motorjachten der Welt, so wie jetzt gerade wieder. Hager und sein Team öffnen den Lesern damit die Tür zu einer Welt, die den allermeisten Menschen für immer verschlossen bleibt: die Welt der Superreichen und Supermächtigen, der Milliardäre und der Mogule, der Oligarchen und der Ölscheichs.

Das Spannende aus Bremer Sicht daran: In den Booten, die mehrere Hundert Millionen Euro teuer sein können, steckt ganz viel Bremen. Einige der größten und teuersten Jachten der Welt sind in Bremen gebaut worden. Etwa bei Lürssen in Vegesack, bei Abe­king& Rasmussen in Lemwerder oder bei der Lloyd Werft in Bremerhaven. Mehrere Jahre dauert der Bau der Boote in der Regel. Wer einen Auftrag angelt, macht ein großes Geschäft. In die Fußballersprache übersetzt, könnte man sagen: Bremen spielt auf diesem Gebiet in der Champions League.

Undurchsichtige Besitzverhältnisse

Bis vor Kurzem durfte sich Lürssen sogar damit schmücken, die größte Jacht der Welt gebaut zu haben, die Azzam, 180,65 Meter lang. Als Eigner wird Scheich Khalifa bin Zayed Al Nahyan gehandelt, Präsident der Vereinigten Arabischen Emirate und Emir von Abu Dhabi. Ganz gesichert sind solche Erkenntnisse über die Besitzverhältnisse aber selten. „Diskretion ist das oberste Gebot in der Branche“, sagt Hager. Das gilt auch für die Preise. Sie bleiben meist geheim, als Faustregel darf man zur groben Orientierung aber annehmen, dass ein Bootsmeter mindestens eine Million US-Dollar kostet.

Die Recherche ist umständlich. Viele Eigner möchten anonym bleiben. Tatsächlich ist nicht jeder Besitzer so freizügig wie der amerikanische Musik- und Filmproduzent David Geffen, der auf Instagram regelmäßig Fotos davon postet, wie er es sich mit Freunden aus Hollywood gut gehen lässt auf seiner Jacht Rising Sun aus dem Hause Lürssen.

Die Azzam, die vormals größte Jacht der Welt, gebaut bei Lürssen. Inzwischen ist das 180,65 Meter lange Boot nur noch die Nummer zwei.

Die Azzam, die vormals größte Jacht der Welt, gebaut bei Lürssen. Inzwischen ist das 180,65 Meter lange Boot nur noch die Nummer zwei.

Foto: Romero

Die am Bau der Jachten beteiligten Unternehmen reagieren auf Anfragen des WESER­-KURIER nach Details äußerst zurückhaltend. Die Bremerhavener Lloyd Werft teilt mit, dass „wir derzeit am Bau einer weiteren Superjacht mit 140 Meter Länge“ arbeiten. Mehr könne man aus Gründen der Verschwiegenheit aber nicht sagen. „Am Bau der Schiffe können bis zu 400 Unterlieferanten beteiligt sein“, sagt Experte Hager, „und jedes Unternehmen davon unterschreibt eine Verschwiegenheitserklärung.“ Dass hier und da doch einmal etwas durchsickert, vergrößert nur noch den Mythos Superjacht.

Kein Geheimnis ist mehr, wer hinter dem Boot steckt, das die Azzam von Lürssen als größte Motorjacht der Welt soeben abgelöst hat: Der norwegische Milliardär Kjell Inge Rokke hat den Bau der REV Ocean in Auftrag gegeben. Eine Jacht der Superlative: 182,90 Meter lang, mit U-Boot-Garage, zwei Hubschrauberlandeplätzen und vier Motoren mit je 3600 PS.

Auch für Forschungsreisen geeignet

Gebaut wurde sie auf der Vard-Werft in Rumänien, den Innenausbau übernimmt die Lloyd Werft. Entgegen anderslautender Berichte ist das Boot noch nicht in Bremerhaven angekommen, Corona hat den Zeitplan durcheinandergebracht. Noch liegt die REV Ocean im norwegischen Vard-Werftstandort in Brattvag. Was die Lloyd Werft aus Bremerhaven verrät: „Die Liegezeit bei uns wird zirka ein Jahr betragen. Vor allem Innenausbau und Farbarbeiten werden den Schwerpunkt bei uns bilden.“ Das Besondere an der REV Ocean: Sie soll nicht nur von Kunden gechartert werden können, die Urlaub machen wollen, sondern sie taugt auch für Forschungs- und Expeditionsreisen.

54 Wissenschaftler können auf dem Boot arbeiten, sechs Laboratorien und ein Auditorium gehören zur Ausstattung. Der norwegischen Zeitung Aftenposten hat Rokke, der als einfacher Fischer angefangen hat, einmal erklärt: „Das Meer hat mir große Möglichkeiten gegeben. Ich möchte einen Großteil dessen, was ich verdient habe, der Gesellschaft zurückgeben.“ Die REV Ocean soll später Daten über Wasserqualität und Fischbestände liefern und sogar Müll einsammeln.

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Foto: FMA-WK Online

Längst nicht immer sind uneigennützige Motive der Antrieb für den Kauf einer Jacht. „Jachten sind die Spitze der Luxusgüter-Pyramide“, sagt Experte Hager, „erst wenn der Straßenfuhrpark reichlich bestückt und die Kunst- und Uhrensammlung vollständig ist, kommt für viele Superreiche der Kauf einer Großjacht infrage.“ Dazu gehört, dass die Boote ab und an auch ihre Besitzer wechseln. Beispiel Roman Abramowitsch. Ihm gehört heute noch die „Eclipse“, die mit 163 Metern viertgrößte Motorjacht der Welt, gebaut von Blohm und Voss in Hamburg in der Zeit, bevor die Lürssen-Werft das traditionsreiche Unternehmen übernommen hat. Abgegeben hat Abramowitsch dagegen den Lürssen-Bau Pelorus. Die Jacht wurde der breiten Öffentlichkeit bekannt, als sie während der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Lübeck vor Anker lag und ihr fußballverrückter Besitzer viele Spiele live in den Stadien dieses Landes verfolgte. Über Multimilliardär David Geffen landete die Pelorus schließlich bei ihrem aktuellen Besitzer, einem chinesischen Geschäftsmann. Getrennt hat sich Abramowitsch auch von der Luna, 115 Meter lang und auf der Lloyd Werft gebaut. Das Boot ist heute Gegenstand eines Scheidungsprozesses. Ein britisches Gericht hat der ehemaligen Frau des russischen Geschäftsmanns Farkhad Akhmedov 500 Millionen Euro zugesprochen.

Um beinahe jedes Boot kreisen Gerüchte und Mutmaßungen. Wer ist der Eigner? Wer steckt hinter dem nächsten großen Auftrag? Wer setzt den nächsten Trend? Die Jachten von heute verfügen über Tennis- und Basketballcourts, Kinos, Tonstudios und Konzertsäle. Natürlich, so Experte Hager, könne man sich fragen, was das für Menschen sind, die bereit sind, zehn Millionen Euro auszugeben, um zwei Wochen lang auf einer Superjacht Urlaub zu machen. So viel kostet es nämlich inklusive aller Nebenkosten, wenn man die einst bei Lürssen gebaute „Flying Fox“ chartert. „Ich halte eine Neiddiskussion für fehl am Platz“, sagt Hager.

Kunden wollen immer umweltfreundlichere Jachten

Seine Sicht: Die Jachtwerften mitsamt der Zulieferindustrie schafften viele Arbeitsplätze. Und auch das Thema Nachhaltigkeit habe die Auftraggeber inzwischen erreicht, so Hager. „Immer mehr Eigner wünschen sich effizientere Jachten, die einen möglichst kleinen ökologischen Fußabdruck hinterlassen.“ Die Lürssen-Werft teilt mit: „Als verantwortungsvolles Familienunternehmen statten wir unsere Jachten bereits seit Jahren mit klimafreundlichen Technologien aus.“ Zum Beispiel mit wärmeisolierten Glasfronten, Abgasreinigern, Hybridantrieben und Wärmerückgewinnungssystemen.

Ordentlich Verkehr ist auf dem Wasser trotzdem noch. Mehr als 10.000 Jachten, die länger als 24 Meter sind, schwimmen zurzeit auf den Meeren dieser Welt. Das sind 3500 Boote mehr als noch vor sieben Jahren. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Und spätestens in zwei Jahren wird „Boote Exclusiv“ die neuen Rekorde wieder akribisch auflisten.

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Foto: FMA-WK Online
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