Digitale Helfer für einen nachhaltigen Alltag

Täglich grüßt der Öko-Karl

Mit digitalen Helfern wie Karl, dem Ökobot, lässt sich der ökologische Fußabdruck verringern. Experten warnen jedoch vor sogenannten Rebound-Effekten. Was zu beachten ist.
06.09.2018, 08:27
Lesedauer: 5 Min
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Täglich grüßt der Öko-Karl
Von Helge Hommers

Bremen. Karl trägt eine Latzhose, hält eine Pflanze in der rechten Hand und hat eine Antenne auf dem Kopf. Er ähnelt einem Mix aus Peter Lustig, dem ehemaligen Moderator vom ZDF-Kinderprogramm „Löwenzahn“, und dem Roboter Bender aus der Zeichentrickserie „Futurama“. Sein größtes Anliegen ist der Klimaschutz. Karl ist ein Ökobot, der Verbrauchern mittels Textnachrichten Hinweise und Antworten für umweltfreundliches Handeln im Alltag gibt.

„Karl ist der gute Freund, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, dich zu begleiten, damit du so nachhaltig sein kannst, wie du es immer wolltest“, sagt Kirsten Hillebrand, die Karl entwickelt hat. Die 27-Jährige schreibt an der Universität Bremen ihre Dissertation, in der sie sich mit dem Umgang von Daten auseinandersetzt. Die Idee zu Karl kam ihr während ihrer Masterarbeit. Zusammen mit Mitgründer Hendrik Hinrichs, der über Verhaltensökonomie promoviert, entwickelte sie das Projekt weiter. Den Namen Karl gaben sie ihrem Ökobot unter anderem, weil er, so Hillebrand, wie Karl aus der Jugendbuchreihe TKKG stets „einen schlauen Kommentar auf den Lippen hat“. Nach Projektstart im März 2018 ist das Team inzwischen zu dritt und befindet sich in der Testphase, in der es Daten einholt.

„Karl sendet Tipps und Infos, die individualisiert sind“, sagt Hillebrand. Die Personalisierung sei wichtig. Denn für manch einen ist es etwa schon ein erster Schritt, Zigarettenstummel nicht mehr auf die Straße zu werfen oder die Wäsche nur bei 40 Grad zu waschen. Auch wer nicht auf Fleisch verzichten möchte, bekommt Aufgaben zugesandt, deren Bewältigung möglich ist. Karl soll „Plattformen bündeln“, so Hillebrand, um auf viele Aspekte des Klimaschutzes einzugehen.

Telegram statt Whatsapp

Aktuell generiert das Team Nutzer, indem Karl zu Aufgaben, sogenannten Challenges, aufruft und Hilfestellung gibt sowie auf Nachfragen antwortet. Die dadurch erhobenen Daten können nicht zweckentfremdet werden, da die Projektbetreiber sie nur über verkürzte IP-Adressen erhalten. Das Team hat sich bewusst für den Messenger „Telegram“ entschieden, um mit den Nutzern zu kommunizieren. Zwar ist dieser nicht so verbreitet wie „Whatsapp“, doch er geht nach Ansicht vieler Datenschützer sensibler mit Nutzerdaten um, als der marktführende Messenger, hinter dem das Unternehmen Facebook steht. „Wir wollten ein Zeichen setzten, dass es auch alternative Dienste gibt“, sagt Hillebrand.

So wie die 27-Jährige, hoffen viele Anhänger der Umweltbewegung, dass mithilfe der digitalen Errungenschaften eine grünere Zukunft gewährleistet ist. Einige der sogenannten Cyber-Ökos nutzen bereits die modernen Technologien, um ökologischer zu leben. So gab im Jahr 2012 in einer Untersuchung des Marktforschungsunternehmens „Growth from Knowledge“ fast ein Drittel der Befragten an, eine oder mehrere Apps zu nutzen, mit denen sie die ökologischen Auswirkungen ihres Alltagslebens reduzieren.

Einige Apps sind kostenlos und sowohl für die Betriebssysteme Android und IOS verfügbar. So hilft etwa die App „Barcoo“, die Nachhaltigkeit des Einkaufs zu überprüfen. Mit einem Barcodescanner ermittelt eine Ampel, wie nachhaltig der jeweilige Hersteller produziert. Mit der App „Saisonkalender“ informiert das Bundeszentrum für Ernährung, wann Gemüse und Obst Saison haben. So können Verbraucher abwägen, ob sie mit dem Einkauf lieber noch warten oder auf Importe zurückgreifen. Denn wer auf heimische Produkte setzt, verursacht weniger CO2, als wenn er auf Zutaten zurückgreift, die erst eingeflogen werden müssen.

Die digitale Revolution ist jedoch nicht nur Segen. Zwar gibt sie viele Optionen, den Klimawandel zu reduzieren, jedoch fördert sie ihn zugleich. Smartphones etwa werden meistens nur zwischen einem und drei Jahren genutzt, bevor ein neues gekauft wird. Das erhöht zum einen die Nachfrage nach Ressourcen, zum anderen wird schwer abbaubarer Müll produziert. Zudem zieht das Onlineangebot eine erhöhte Nachfrage nach sich, womit zugleich der Lieferverkehr ansteigt.

Auch der Stromverbrauch nimmt wegen der vermehrten Nutzung elektronischer Geräte massiv zu. „Durch das Streamen von Filmen und Musik wird der Energiebedarf noch weiter steigen“, sagt Eike Wenzel. Es gilt Lösungen zu finden, wie der Bedarf entweder reduziert oder gedeckt werden kann. Der Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung in Heidelberg warnt vor sogenannten Rebound-Effekten. Sollte etwa das eigene Auto dank fortschrittlicher Technik weniger Energie verbrauchen, neigen viele Besitzer dazu, sich öfter hinter das Steuer zu setzen. Ebenso wird häufig das Phänomen beobachtet, dass Verbraucher das gesparte Geld in Reisen oder Bestellungen reinvestieren. Statt den CO2-Ausstoß zu senken, wird er dadurch sogar erhöht. Auch der Onlineversand wirkt sich schädlich aus, da rund zehn Prozent aller Produkte wieder zurückgeschickt werden. Vor allem bei Kleidungskäufen liegt die Quote noch höher.

Energiespeicher im Eigenheim

Nach Wenzels Ansicht kann der Einkauf im Internet durchaus nachhaltig sein, sofern er denn vorausschauend erfolgt. Der Verbraucher sollte sich nicht etwa gleich mehrere Pakete in der Woche zustellen lassen. Wenzel empfiehlt weiterhin, Zeitschaltuhren im Haushalt zu installieren, die das Licht und die Wärme regulieren, da sich so ein hohes Maß an Energie sparen lässt.

Ohnehin wird es seiner Ansicht nach zukünftig notwendig sein, das Eigenheim besser und klüger zu vernetzen. „Wenn sich Energieeffizienz durchsetzen soll, müssen wir die Digitalisierung in hohem Maße in die eigenen vier Wände einbauen“, sagt Wenzel. Etwa über Energiespeicher in der Garage und Solaranlagen auf dem Dach. Die Abrechnung könnte über Blockchains erfolgen, der Nachbar beispielsweise seine Restenergie aus dem Toaster über ein internes Netz zur Verfügung stellen. „Die Möglichkeiten sind enorm“, sagt Wenzel.

Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg. Um so wenig Energie wie möglich zu verbrauchen, empfiehlt er aktuell vor allem, den Internethandel in reduzierter Form zu nutzen und das Fahrrad dem Auto so oft wie möglich vorzuziehen.

Es gibt aber noch viel mehr Möglichkeiten, dank der Digitalisierung schon heute nachhaltig im Alltag zu sein: Carsharing-Anbieter oder Wohnungsplattformen wie „Airbnb“ helfen Anhängern der „Sharing Economy“, sich mit geringem Aufwand zu organisieren. Ebenso haben Untersuchungen ergeben, dass dank des Online-Vermittlers „Uber“ die Feinstaubwerte in den getesteten Gebieten nach Einführung von Uber reduziert worden seien. Und in der Textilbranche nimmt der Anteil ethisch und ökologisch korrekt hergestellter Kleidung, sogenannter Eco Fashion, immer mehr zu. Dass die Zulieferer organisiert und profitabel miteinander produzieren, machten erst digitale Wege möglich. Immer mehr Menschen nutzen statt Google die Websuchmaschine „Ecosia“, die 80 Prozent ihres Einnahmenüberschusses für ein Projekt spendet, das Bäume in Burkina Faso pflanzt. Inzwischen sind nach Ecosia-Angaben auf diesem Weg rund 30 Millionen Bäume gepflanzt worden. Auch das Teilen von Ideen und Erkenntnissen, wie der ökologische Fußabdruck verringert wird, geht heute leichter im Vergleich zu rein analogen Zeiten.

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