Landwirtschaftsminister Meyer über Agrarwende

"Tierschutz hat seinen Preis"

Auf der Grünen Woche in Berlin geht es um Ernährung und Landwirtschaft. Kathrin Aldenhoff hat den niedersächsischen Landwirtschaftsminister Christian Meyer dort getroffen und mit ihm über Bio-Skandale, Lebensmittelpreise und Tierschutz gesprochen.
20.01.2015, 00:00
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Von Kathrin Aldenhoff
"Tierschutz hat seinen Preis"

Landwirtschaftsminister Christian Meyer.

Marco Petig

Auf der Grünen Woche in Berlin geht es um Ernährung und Landwirtschaft. Kathrin Aldenhoff hat den niedersächsischen Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) dort getroffen und mit ihm über Bio-Skandale, Lebensmittelpreise und Tierschutz gesprochen.

Der Bundesvorstand der Grünen hat die Agrarwende zu einem Schwerpunktthema für 2015 gemacht. In Niedersachsen arbeiten Sie seit rund zwei Jahren an der sanften Agrarwende. Fühlen Sie sich geschmeichelt?

Christian Meyer: Ich merke, dass das Thema bundesweit ankommt, es beschäftigt viele Verbraucher, was wir essen, wie die Tiere gehalten werden und wie wir bäuerlichen Betrieben bessere Erzeugerpreise verschaffen können. Wir haben in Niedersachsen einen sehr guten Tierschutzplan, den wir konsequent umsetzen. Es gibt Fortschritte bei der Gentechnikfreiheit von Futter, und wir haben den ökologischen Landbau durch deutlich höhere Prämien gestärkt. Wir sind auf einem guten Weg, die Versöhnung von Landwirtschaft, Verbrauchern, Umwelt und Tierschutzinteressen gemeinsam hinzubekommen. Allen ist klar, es muss sich etwas ändern, damit wir Landwirtschaft und Tierhaltung in Niedersachsen erhalten können.

Kann man auf Bundesebene ausgerechnet vom Massentierhaltungsland Niedersachsen lernen?

Es ist richtig, dass wir die meisten Tiere in Deutschland haben – fast ein Drittel aller Schweine, fast die Hälfte aller Hühner. Genau deshalb wollen wir die damit zusammenhängenden Probleme konsequent lösen. Die Reduzierung von Antibiotika- und Keimbelastung sowie der Nitratbelastung des Grundwassers zählen dazu. Wir wollen und werden in Niedersachsen als Deutschlands Agrarland Nummer Eins Standards im Positiven setzen. Die von uns geplanten Maßnahmen wie der Stopp des Schnabelkürzens bei Hühnern und des Schwänzekürzens bei Schweinen können ein Modell für Deutschland und Europa werden. Deshalb bin ich froh, dass wir gemeinsam mit der Branche hart daran arbeiten, den niedersächsischen Tierschutzplan zur Leitlinie auch für den Bund zu machen.

Es gab in den vergangenen Wochen wieder Skandale bei Biolebensmitteln, zum Beispiel wurde in Biofutter Pflanzenschutzmittel gefunden. Wie kann so etwas immer wieder passieren?

Der Verbraucher hat das Recht, dass dort, wo Bio draufsteht, auch Bio drin ist. Kein Bereich wird so stark kontrolliert wie der ökologische Bereich. Wir haben aus den Skandalen im konventionellen und im Biobereich gelernt und die notwendigen Konsequenzen etwa bei der Verstärkung der Kontrollen von Importen gezogen. Wir wollen uns für mehr regional angebaute Futtermittel sowie kleine und mittlere Strukturen im ökologischen Bereich einsetzen. Und wir wollen die vielen ehrlichen Betriebe schützen, um das berechtigte Vertrauen in Bio zu erhalten. Jedes Jahr wächst der Umsatz mit Öko-Lebensmitteln um sechs, sieben Prozent. Natürlich kann es in einer Branche auch einmal Probleme geben. Aber man darf nicht vergessen, dass ein Großteil der Landwirte sowohl konventionell als auch ökologisch ordentlich und gut produziert.

Am Wochenende hat Aldi die Lebensmittelpreise gesenkt. Ist das ein falsches Signal?

Preisdumping ist das falsche Signal. Das, was unsere Landwirte produzieren, muss mehr wert sein. Wertschätzung für Wertschöpfung muss die Devise lauten. Viele Studien sagen, dass der Verbraucher qualitätsbewusster einkauft. Die Billigdiscounter haben im vergangenen Jahr 1,4 Prozent Marktanteil verloren, während die Umsätze im Fachhandel und in Bioläden gestiegen sind. 90 Prozent der deutschen Verbraucher kaufen keine Käfigeier mehr, weil das klar gekennzeichnet ist. Deshalb fordern wir, auch bei verarbeiteten Eiern wie bei Kuchen oder Mayonnaise das Herkunftsland und die Tierhaltungsform auf die Packung zu schreiben. Es muss Standard in Deutschland werden, dass man Tiere hält, die unversehrt sind: Hühner mit intakten Schnäbeln, Schweine mit ungekürzten Ringelschwänzen. Die Zeit muss vorbei sein, in der man Tiere an die Ställe anpasst. Tierschutz ist eine Chance für die Landwirtschaft, und ich bin froh, dass viele Landwirte an realen Verbesserungen mitarbeiten.

Niedersachsen hat seit Januar den Vorsitz in der Verbraucherschutzministerkonferenz. Eines der Projekte ist die Tierschutzkennzeichnung.

Ab April ist in der EU auf Verpackungen die Fleischkennzeichnung verpflichtend – allerdings lediglich für das Herkunftsland. Ich plädiere dafür, noch einen Schritt weiterzugehen: Wir wollen auch den Tierschutz kennzeichnen, also aus welcher Haltungsform das Fleisch stammt. So wird mehr Tierschutz an der Ladentheke sichtbar. Es ist gut, zu erfahren, wenn ein Landwirt seinen Schweinen mehr Platz bietet, ihnen nicht die Ringelschwänze abschneidet und den Tieren Auslauf ermöglicht. Das bedeutet echte Wahlfreiheit. Mehr Tierschutz kann gezielt honoriert werden. Baden-Württemberg und Niedersachsen schlagen daher vor, ähnlich wie bei der Eierkennzeichnung vorzugehen: eine 3 entspricht dem gesetzlichen Minimum an Tierschutz, eine 2 bedeutet mehr Platz, eine 1 steht für Auslauf, Weide- und Freiland- und die 0 für Biohaltung. Mehr Tierschutz hat seinen Preis, und Landwirte müssen für ein solches Engagement belohnt werden. Niedersachsen wird deshalb einen Teil der EU-Fördermittel erstmalig für Tierschutzprämien an Landwirte verwenden, insgesamt 27,5 Millionen Euro. Das gab es vorher noch nie.

Die meisten niedersächsischen Tierhalter müssten aber wohl eine 3 auf ihr Fleisch schreiben.

Derzeit wäre das bei den meisten so, aber das ist zumindest eine ehrliche Kennzeichnung und nicht mehr so irreführend wie viele Verpackungen, die eine Bauernhof-Idylle auf der Wiese vorgaukeln. Vor der Einführung der Eier-Kennzeichnung stammten die Eier auch fast ausschließlich aus Käfighaltung. Das hat sich grundlegend geändert, der Handel hat Käfigeier aus den Regalen genommen, weil die Verbraucher das nicht wollen. Deshalb: Eine klare Kennzeichnung auch bei Fleisch dürfte wegweisend für eine bessere Tierhaltung und bessere Erzeugerpreise für Landwirte sein. Ich bin sicher, dass dann die Verbraucher – ähnlich wie bei Eiern – mit ihrem Kaufverhalten dafür sorgen werden, dass Schweinefleisch aus besserer Haltung entsprechend honoriert wird.

Was sagen denn die Landwirte in Niedersachsen zu dem Plan?

Es gibt die Sorge vor höheren Auflagen. Aber wir wollen vor allem fördern und Anreize schaffen für Klarheit und Wahrheit in der Lebensmittelkennzeichnung. Denn die Landwirte können nichts dafür, dass die Werbe-Idylle nicht der Realität der modernen Landwirtschaft entsprechen. Gefragt ist mehr Ehrlichkeit auf den Verpackungen. Das schützt auch vor Billig-Importen von Produkten aus zu schlechten Standards aus dem Ausland. Der Verbrauchertrend in Richtung Ökologie und Tierschutz ist nicht ignorierbar.

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