Tiefwasserhafen in der Corona-Krise

Weiter weniger Umschlag in Wilhelmshaven

Wenig Umschlag im Jade-Weser-Port, und jetzt auch noch Corona – trotzdem investieren Unternehmen in den Hafen von Wilhelmshaven.
22.05.2020, 05:00
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Weiter weniger Umschlag in Wilhelmshaven
Von Jürgen Hinrichs
Weiter weniger Umschlag in Wilhelmshaven

Der Jade-Weser-Port mit dem wachsenden Güterverkehrszentrum im Vordergrund.

Jade-Weser-Port

Kein Glück für Wilhelmshaven, und dann kommt auch noch Pech dazu: Der Umschlag in Deutschlands einzigem Tiefwasserhafen wird in diesem Jahr wegen der Corona-Krise aller Voraussicht nach weiter sinken, nachdem es bereits im Vorjahr ein Minus gab – das erste Mal seit der Inbetriebnahme vor acht Jahren. Mit 639.000 Containern waren es 2,5 Prozent weniger als in 2018. Ausgelegt ist der Hafen für 2,7 Millionen Blechkisten der Standardgröße.

Der Hafen kommt einfach nicht vom Fleck, er wächst nicht so, wie Niedersachsen und Bremen, die den Jade-Weser-Port gemeinsam gebaut haben, sich das erhofft hatten. Trotzdem hält Hannover daran fest, die Kaje mit ihren 1725 Metern und den vier Liegeplätzen gegebenenfalls zu verlängern, die Fläche dafür ist vorhanden. Weiteres Potenzial gibt es auch für das direkt angrenzende Güterverkehrszentrum (GVZ). Doch wie beim Hafen gilt dort zunächst einmal, das auszulasten, was vorhanden ist.

Neue Multi-User-Halle

Immerhin: 60 von 130 Hektar im GVZ sind verpachtet. Dazu gehört ein Grundstück, auf dem ab August eine 12.000 Quadratmeter Multi-User-Halle entsteht. Investor ist das Bremer Unternehmen Peper & Söhne. Das Projekt auf der 2,6 Hektar großen Fläche an der Einfahrt zum GVZ trägt den Namen „Atlantic One“. Die Halle kann in bis zu neun Einheiten mit Größen ab 540 Quadratmetern aufgeteilt werden.

Das erste Unternehmen am Platze war der Tiefkühllogistiker Nordfrost aus dem friesischen Schortens in der Nähe von Wilhelmshaven. Nordfrost ist zugleich der Pächter mit der größten Fläche im GVZ. Die Hälfte der 33 Hektar ist bereits bebaut: 70 000 Quadratmeter überdacht, 90 000 Quadratmeter befestigte Außenanlagen. In den 18 Meter hohen Hallen werden Tiefkühlwaren, Frischeerzeugnisse und Trockenprodukte wie Möbel, Haushaltswaren und Spielsachen gelagert. Auf den Außenflächen stapeln sich die Container, sie können dort auch repariert und gewaschen werden

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Das sind Investitionen von zusammen 110 Millionen Euro, teilt das Unternehmen mit. Doch damit nicht genug. Nordfrost baut weiter, aktuell an einem vollautomatischen, 40 Meter hohen Tiefkühl-Regallager mit angeschlossenen Hygienebereichen für die Verarbeitung der Ware. Außerdem entsteht eine 8000 Quadratmeter große Schwerlasthalle für Projektverladungen als separater Bau mit eigenem Bahnanschluss. Die Kosten: rund 66 Millionen Euro. Nordfrost hat danach zwei Drittel seiner Fläche belegt, elf Hektar stehen noch zur Verfügung. Das Unternehmen beschäftigt im Jade-Weser-Port nach eigener Darstellung gut 350 Mitarbeiter. Mit den neuen Bauten, die im kommenden Jahr abgeschlossen sein sollen, dürften es noch einmal deutlich mehr werden.

Nordfrost-Chef Horst Bartels kannte noch kein Corona, als er die Forderung erhob, für Wilhelmshaven zusätzliche Containerbrücken zu bestellen, um die Umschlagskapazitäten zu erhöhen. Sie sollten von acht auf 16 verdoppelt werden, damit die Reedereien flexibler agieren können. Die Kaje müsste dafür nicht verlängert werden. Außerdem, so Bartels, müsse das Ziel verfolgt werden, für den Hafen, der bisher mit den Fernostlinien nur „einarmig“ angebunden sei, möglichst schnell weitere Linienverbindungen zu gewinnen – Richtung Südafrika, Südamerika oder den USA.

Beides ist bisher nicht passiert oder gelungen, weshalb Nordfrost als Konsequenz den Rheinhafen in Wesel als Alternative nimmt, wo es unter anderem in eigene Containerbrücken investiert. Per Binnenschiff wird von dort der Verkehr über die Häfen in Rotterdam und Antwerpen organisiert.

Rhenus Midgard baut Lagerfläche aus

Nordfrost zuerst, aber nun ist auch Volkswagen da. Seit einem Jahr werden in Wilhelmshaven Autoteile von Audi, VW und VW-Nutzfahrzeuge verpackt. Der Logistikdienstleister Imperial Logistics sorgt dafür, dass rund 7000 unterschiedliche Teile in die weltweit ansässigen Fabriken an 30 Standorten in 13 Ländern auf vier Kontinenten geliefert werden. Ferner gibt es einen Online-Händler, der sich auf Pflanzgefäße, Korbwaren, Gartenmöbel und Wohnaccessoires spezialisiert hat und seine Ware direkt aus Asien bezieht. Die Lagerhalle wird gerade erweitert und um ein Bürogebäude ergänzt. Der Seehafendienstleister Rhenus Midgard baut seine Lagerfläche für Container aus. Schließlich dient der Jade-Weser-Port in diesen Monaten auch noch als riesiger Parkplatz: Der Automobillogistiker Mosolf hat 1400 Pkw abgestellt, neue und gebrauchte, die sich gerade schlecht absetzen lassen.

Ein Unternehmen kommt vorerst nicht. Vor drei Monaten, vor Corona, sah das noch anders aus, als in Wilhelmshaven feierlich die Verträge unterzeichnet wurden. China Logistics, eines der größten Logistikunternehmen im Reich der Mitte, hat sich 20 Hektar gesichert. In diesem Sommer sollte mit dem Bau von 40 000 Quadratmetern Hallenfläche begonnen werden. Geplant sind außerdem 110.000 Quadratmeter Lageraußenfläche und ein zweiter Bauabschnitt mit einer weiteren Halle. Das Investitionsvolumen liegt nach Angaben von Jade-Weser-Port bei rund 100 Millionen Euro. Langfristiges Ziel sei der Umschlag von rund 100. 000 Containern pro Jahr.

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„Die Verhandlungen mit den Chinesen haben viereinhalb Jahre gedauert“, berichtet Andreas Bullwinkel, der im Jade-Weser-Port für das Marketing zuständig ist. Jetzt hat er den Vertrag, aber nicht den Kunden und auch nicht die Pacht: „Die fällt erst bei der Nutzung an.“ Bullwinkels Hoffnung richtet sich auf das Jahresende, dann, meint er, könnten die Bauarbeiten beginnen. Prämisse bei den Ansiedlungen von Unternehmen sei, dass sie dem Hafen dienlich sein sollen, „sie müssen Ladung generieren“. Interessenten seien deshalb auch schon mal abgelehnt worden: „Wenn zum Beispiel die Lebensmittelindustrie hier ein Pufferlager errichten will, um die Lieferketten zu entlasten, bringt uns das zwar Pacht, dem Hafen hilft es aber nicht.“

Der Jade-Weser-Port hat an der Kaje 18 Meter tiefes Wasser, genügend, um die dicksten Pötte abzufertigen. Er hat einen Autobahnanschluss und eine zweigleisige Bahnanbindung, die gerade elektrifiziert wird. Optimale Bedingungen, und doch gibt es Probleme, genügend Umschlag zu organisieren. Corona hin oder her. Ein Ansatz ist, den Reedereien die nautischen Vorteile schmackhaft zu machen. Ein anderer, so viel Ware, so viel Volumen ins Spiel zu bringen, dass die großen Schiffe nicht länger einen Bogen um den Jade-Weser-Port machen können. Und da sind die Wilhelmshavener gerade dabei.

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