Weil die Bremer Silbermanufaktur mit schwächelnder Nachfrage kämpft, verzichten Mitarbeiter auf Geld Turbulente Zeiten für Wilkens und Söhne

Bremen. Die Bremer Silbermanufaktur Wilkens und Söhne steckt in Schwierigkeiten. Um das Unternehmen zu stützen, haben Geschäftsführung, Arbeitnehmervertretung und die Gewerkschaft IG Metall nun einen Zukunftssicherungstarifvertrag verlängert, der bereits seit 2011 in Kraft ist: Demnach gibt die Belegschaft – im Vergleich mit anderen Beschäftigten, für die der Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie gilt – einen Teil ihres Urlaubs- und Weihnachtsgeldes auf.
31.01.2017, 00:00
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Turbulente Zeiten für Wilkens und Söhne
Von Maren Beneke

Bremen. Die Bremer Silbermanufaktur Wilkens und Söhne steckt in Schwierigkeiten. Um das Unternehmen zu stützen, haben Geschäftsführung, Arbeitnehmervertretung und die Gewerkschaft IG Metall nun einen Zukunftssicherungstarifvertrag verlängert, der bereits seit 2011 in Kraft ist: Demnach gibt die Belegschaft – im Vergleich mit anderen Beschäftigten, für die der Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie gilt – einen Teil ihres Urlaubs- und Weihnachtsgeldes auf. Einen „echten Verzicht“ nennt der Erste Bevollmächtigte der IG Metall in Bremen, Volker Stahmann, das. Im Gegenzug sind bis Ende dieses Jahres betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. „Wir haben in den vergangenen zehn Jahren immer wieder zurückgesteckt“, sagt Folkert Ubben, Betriebsratsvorsitzender bei Wilkens und Söhne.

Nach Angaben des Geschäftsführers Frank Kinze stagnieren die Umsätze. Die Nachfrage nach Silberbesteck, auf das das Bremer Traditionsunternehmen spezialisiert ist, ist in den vergangenen Jahren gesunken. „Der Markt rund um den gedeckten Tisch hat sich in Deutschland und den Anrainerländer verändert“, sagt Kinze. Auch Geschäfte in Regionen wie Russland, wo Wilkens und Söhne nach Angaben des Firmenchefs zuletzt noch gut zulegen konnte, sind wegen des Rubelverfalls eingebrochen. Zudem nimmt die Zahl der Fachhändler und der kleineren Juweliergeschäfte, über die die feinen Waren aus Hemelingen vertrieben werden, weiter ab.

Mit Folgen für die Belegschaft der Silbermanufaktur: Vor mehr als 40 Jahren arbeiteten noch gut 1000 Menschen für Wilkens und Söhne, heute sind es noch um die 30, die nach Angaben des Betriebsratschefs im Schnitt über 50 und oft seit vielen Jahren bei dem Unternehmen angestellt sind. In Handarbeit bedienen sie vielfach mechanische Maschinen, die schon viele Jahrzehnte im Einsatz sind. Bis zum fertigen Silberbesteck bedarf es bis zu 40 Arbeitsschritte.

Mit mehr als 200 Jahren Geschichte gehört Wilkens und Söhne zu den Bremer Traditionsbetrieben. 1810 startete Martin Heinrich Wilkens mit seiner Silbermanufaktur in der Innenstadt. Aus Zollgründen zog es den Unternehmer 1859 in die neuen Fabrikanlagen in Hemelingen, das damals noch zum Königreich Hannover gehörte. In den Folgejahren stieg die Firma zu einem der drei bedeutendsten Großbetriebe in Deutschland auf – heute zählt Besteck aus dem Hause Wilkens und Söhne zum Inventar des Bremer Rathauses, diverser Botschaften im Ausland oder zur Ausstattung des Schaffermahls.

Im März 1995 geriet die traditionsreiche Silbermanufaktur in Turbulenzen: Damals musste das Unternehmen Konkurs anmelden, die Solinger Zwilling J. A. Henckels AG übernahm wesentliche Teile sowie die Marken Wilkens und BSF. Mehrfach gab es in Folge dessen schmerzhafte Einschnitte, etwa 2004, als die Muttergesellschaft verkündete, Vertrieb und Logistik in Solingen zusammenlegen zu wollen. Die Hälfte der damals noch gut 160 Bremer Jobs sollte gestrichen werden.

Gut ein Jahr später kauften die beiden Geschäftsführer Frank Kinze und André Gercken die Firmenanteile im Zuge eines sogenannten Management-Buyouts wieder zurück und gründeten eine neue Gesellschaft, die Wilkens & Söhne GmbH.

Seit 2014 ist ein neuer Investor im Unternehmen. Die Firma wurde neu aufgestellt und in zwei Gesellschaften aufgeteilt: die für die Produktion zuständige Wilkens & Söhne GmbH und die Wilkens Immobilien GmbH, in der der Immobilienbesitz gebündelt ist. Seither ist Wilkens & Söhne Mieterin der Immobiliengesellschaft, muss gleichzeitig aber auch nicht mehr für Kosten für Energie oder die Sanierung der Gebäude und des Geländes aufkommen. Die Bilanzen sind damit getrennt.

Im vergangenen Jahr gab es eine erneute Zäsur: Der zweite Geschäftsführer Gercken hat das Unternehmen verlassen, und die Versilberung der Bestecke wurde an andere deutsche Firmen ausgelagert – nach Angaben von Geschäftsführer Kinze auch deshalb, um die Qualitätsstandards langfristig zu sichern. In Bremen wurden in der Folge zehn Stellen gestrichen. Von den 30 verbliebenen Angestellten arbeitet noch etwa ein Drittel in der Produktion, der Rest kümmert sich um Aufgaben wie den Einkauf, den Vertrieb oder den Verkauf in Kaufhäusern wie dem Kadewe in Berlin.

„Wir meinen, dass wir mit dieser Struktur nun eine profitable Zukunft haben“, sagt Kinze. Er betont, dass ein Gros der Produktion trotz der Arbeitsverlagerung nach wie vor in der Hansestadt stattfindet. Die Zusammenarbeit mit den neuen Dienstleistern bezeichnet er als Lernprozess. „Aber wir sind auf einem guten Weg.“

„Die Anforderung an uns ist, schwarze Zahlen zu schreiben“, sagt Ubben. Er hofft, dass sich Geschäftsführung und Eigner mit der Möglichkeit auseinandersetzen, noch andere Produkte als bislang in Hemelingen herzustellen. „Die Geschäftsführung hat in Aussicht gestellt, dass es eine Perspektive für Wilkens und Söhne gibt“, sagt auch Stahmann von der IG Metall. „Wenn die Produkte weiterentwickelt werden, dann hat die Firma eine Chance.“

Firmenchef Kinze kündigt solche Innovationen vielleicht schon für das zweite Halbjahr an, konkreter möchte er aber noch nicht werden. Außerdem werde der Vertrieb neben dem Inland auch in anderen europäischen Märkten wie die Schweiz gestärkt und der Onlinehandel ausgebaut. Hier sieht der Geschäftsführer die größten Wachstumsmöglichkeiten.

„Wenn die Produkte weiterentwickelt werden, hat die Firma eine Chance.“ Volker Stahmann, IG Metall
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