Ungewöhnliche Ausbildungsberufe

Warum Bootsbauer durchaus eine Zukunft haben

Mit High-Tech-Verarbeitung und modernen Werkstoffen: Die Ausbildung zum Bootsbauer in der Yachtwerft Meyer hat nur noch wenig mit dem traditionellen Handwerk zu tun.
06.08.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Warum Bootsbauer durchaus eine Zukunft haben
Von Elena Matera
Warum Bootsbauer durchaus eine Zukunft haben

Roberto Cagliani, Auszubildender in der Yachtwerft Meyer, hilft bei den letzten Arbeiten eines Tenders für eine Superjacht.

Christina Kuhaupt

Roberto Cagliani steht in der großen Ausrüstungshalle der Yachtwerft Meyer am Lesumer Deich. Ein Beiboot für eine Superjacht, ein sogenannter Tender, erhält dort den letzten Schliff, bevor es an den Eigner geht. Cagliani hilft bei den Arbeiten – er ist Auszubildender und angehender Bootsbauer in der Jachtwerft.

Mit Booten kannte sich Cagliani vor drei Jahren noch gar nicht aus. Dennoch bewarb er sich damals direkt nach dem Abitur auf die Ausbildungsstelle in der Yachtwerft Meyer. Seinen ursprünglichen Plan, eine Lehre bei einer Tischlerei anzufangen, verwarf er. Der Grund: Die Tischlereien hätten sich meist nur auf Fenster und Türen beschränkt. „Das war mir zu einseitig“, sagt Cagliani. Beim Bootsbau hatte er eher das Gefühl gehabt, sich entfalten zu können. Bootsbauer zu werden, sei ein ungewöhnlicher Berufswunsch, das weiß Cagliani selbst. In der Berufsschule in Travemünde habe er sich daher umso mehr gewundert, wie viele junge Menschen sich sonst noch für den traditionellen Beruf interessieren. „Alleine in meinem Jahrgang waren 30 Schüler in der Klasse“, sagt Cagliani.

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Ein Bootsbauer fertige die Boote schon längst nicht mehr nur aus Holz an. „Wir arbeiten mit vielen Materialien, Faserverbundwerkstoffen und lernen Hightech-Verarbeitungsweisen kennen“, sagt der 21-Jährige. „Die Arbeit ist anspruchsvoll und vielseitig. Wir entwerfen, reparieren, verlegen, montieren und machen den kompletten Innenausbau.“ Bootsbauer seien wahre Multitalente.

Die Yachtwerft Meyer spezialisiert sich auf die luxuriösen Tender für Superjachten. Der Vorteil von Tendern: Man kann flexibel und näher an Buchten und Häfen heranfahren. Jedes Boot werde individuell für den jeweiligen Kunden angefertigt – vom Design bis zur Farbe und den Polstern im Innenbereich, erläutert Cagliani.

Geparkte Superjachten

In den oft gut 100 Meter langen Superjachten könnten die Tender „geparkt“ werden, erklärt Mariandreina Baasch. Die 32-Jährige ist Designerin in der Yachtwerft Meyer. Die studierte Architektin hat während ihres Studiums in der Jachtwerft angefangen zu arbeiten und ist seitdem geblieben.

Nun ist Baasch nicht nur Designerin, sondern gleichzeitig Fotografin und für das Marketing der Jachtwerft zuständig. Wie Cagliani kannte auch sie sich zuvor kaum mit Booten aus. „Ich musste alles über den Bootsbau lernen“, sagt Baasch. Aber das habe ihr nichts ausgemacht. „Die Arbeit hier hat mich fasziniert. Wir sind weltweit eines der wenigen Unternehmen, die Tender für Superjachten bauen – das ist einfach spannend.“

Gut 50 Mitarbeiter seien derzeit in der Jachtwerft beschäftigt: darunter drei Ingenieure, zwei Meister und drei Auszubildende. „Wir sind ein vielfältiges Team aus vielen verschiedenen Nationalitäten“, sagt Baasch, die selbst aus Venezuela stammt.

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Wer die Kunden der Luxus-Tender seien? „Nur die Chefs und die Meister wissen, für wen die Boote sind“, sagt Baasch. Die Kunden erwarten Diskretion. So funktioniere diese Industrie eben. Am Tag der Abnahme des Boots würden daher auch nur die Eignervertretung mit dem Kapitän und auch Teilen der Crew kommen. Der Besitzer selbst würde nicht auftauchen.

Die Yachtwerft Meyer baue auch Boote für die Werften Lürssen und A&R – etwa Rettungsboote, die nach allen Solas-Sicherheitsvorschriften gebaut sind. Solas steht für „Safety of Life at Sea“, übersetzt: „Schutz des menschlichen Lebens auf See“.

Alte Boote ausbessern

Auch sogenannte Refits, übersetzt: Überholungen, werden in der Jachtwerft durchgeführt. Dabei werden alte Boote ausgebessert und in Schuss gebracht. Das kann mehrere Wochen und manchmal sogar Monate dauern. Cagliani hat selbst in den vergangenen Wochen ein sogenanntes Special Operation Craft, ein Spezialeinsatzschiff, ausgebessert. „Das wird gerade auf der Lesum getestet“, sagt der 21-Jährige.

Welche Abteilung bisher Caglianis Lieblingsstation in der Ausbildung war? „Das Bauen der Decks aus Teakholz“, sagt der Lehrling. „Ich mag es einfach, mit Holz zu arbeiten.“ In einer Nachbarhalle werden die hochwertigen Decks angefertigt. Dort ist Andrea Wulfs Reich. Die Bootsbauerin hat sich auf das Bauen der Teakdecks spezialisiert. Sie berechnet, wie viel Holz benötigt wird, und macht die groben Kalkulationen. Mithilfe von Schablonen des Decks arbeite man sich Stück für Stück voran. „Man muss da sehr präzise arbeiten“, sagt Cagliani. „Wenn die Naht nur einen Millimeter Versatz hat, erkennt man das schon.“ An dem Deck sehe man automatisch, dass das Boot Qualität habe. Ein Teakdeck zu bauen, sei außerdem zu hundert Prozent Handarbeit. „Es dauert, bis man den Dreh raushat“, betont Cagliani.

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Andere Abteilungen während der Ausbildung zum Bootsbauer seien unter anderem die Lackierabteilung, in der man vor allem darauf achten müsse, dass kein Staub auf dem Lack landet. Am heikelsten sei allerdings die Endausrüstungsabteilung – der letzte Schritt beim Bootsbau. Dort geht es in erster Linie um die Montage und den Innenausbau der Boote. Dächer werden aufgebaut, Luken und Fenster eingeführt und Kabel verlegt. „Dort kann man am schnellsten etwas falsch machen. Ich bin selbst schon einmal mit dem Fräser abgerutscht“, sagt Cagliani. Das bedeute dann für alle Mehraufwand.

Ein Boot zu bauen – vom Rohbau bis zur Endausrüstung – sei für Cagliani immer noch etwas ganz Besonderes. „Ich denke dann: Das habe ich gebaut“, sagt er. „Das macht mich schon stolz.“ Im Januar ist seine Abschlussprüfung. Dann ist die dreieinhalbjährige Ausbildung vorbei. Was Cagliani danach plant? „Ich könnte mir gut vorstellen, hierzubleiben“, sagt er. Eine Möglichkeit wäre auch, in Kiel Schiffsbau zu studieren. Dann könne er zur Yachtwerft Meyer zurückkehren – als Bootsbauingenieur. „Aber erst einmal habe ich noch etwas ganz anderes vor“, sagt Cagliani. „Ich werde endlich meinen Bootsführerschein machen.“

Info

Zur Sache

Der Bootsbau ist ein Beruf mit Geschichte. Bereits in der Mittelsteinzeit sollen Menschen Boote aus ausgehöhlten Bäumen gefertigt haben, sogenannte Einbäume. Auch die alten Ägypter bauten bereits hoch entwickelte Boote schon vor mehr als 4000 Jahren: 1954 entdeckten Archäologen in der Cheops-Pyramide von Gizeh eine 43 Meter lange und in 1224 Einzelteile zerlegte sogenannte Sonnenbarke des Pharaos.

Die Ägypter hatten das aus Zedernholz gefertigte Boot etwa um 2600 vor Christus gebaut, so Schätzungen der Wissenschaftler. Moderne Bootsbauer fertigen Boote längst nicht mehr nur aus Holz an. Heute arbeiten Bootsbauer mit modernen Werkstoffen und High-Tech-Verarbeitungsweisen.

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