Der Ökonom und Autor Walter Krämer geht seit Jahren Statistiken auf den Grund „Ungleichheit und Armut sind nicht dasselbe“

Herr Krämer, vor einigen Tagen haben die Paritätischen Wohlfahrtsverbände erneut einen Armutsbericht vorgelegt. Was haben Sie daran auszusetzen?Walter Krämer: Ich habe nicht nur am jüngsten Bericht etwas auszusetzen, sondern an einer ganzen Reihe solcher Berichte. Das Problem ist die Armuts- oder Armutsgefährdungsgrenze.
13.03.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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„Ungleichheit und Armut sind nicht dasselbe“
Von Silke Hellwig

Herr Krämer, vor einigen Tagen haben die Paritätischen Wohlfahrtsverbände erneut einen Armutsbericht vorgelegt. Was haben Sie daran auszusetzen?

Walter Krämer: Ich habe nicht nur am jüngsten Bericht etwas auszusetzen, sondern an einer ganzen Reihe solcher Berichte. Das Problem ist die Armuts- oder Armutsgefährdungsgrenze. Es gibt seriöse Methoden, wie man sie bestimmen kann, die werden aber in der Regel komplett missachtet. Immer und immer wieder werden 60 Prozent des Durchschnittseinkommens als Maßstab angegeben. Es ist jedoch eine Todsünde, den Armutsbegriff an einem Durchschnitt festzumachen. Das hieße nämlich in letzter Konsequenz, dass die Armut nie verschwinden kann, auch wenn alle immer reicher werden und damit das Durchschnittseinkommen steigt.

Sie sagen, man müsse Armut über Notlagen definieren. Wie könnte das aussehen?

Man wird sich doch darauf verständigen können, was zu einem gewissen Zeitpunkt in einem bestimmten Land für ein menschenwürdiges Leben nötig ist. Das kann je nach Alter unterschiedlich sein, und es kann sich verändern. Man kann eine Liste zusammenstellen, mit allen Dingen, die man gerade als notwendig erachtet. Man guckt, was das kostet, und peng, hat man eine seriöse Armutsgrenze.

Sie gehen davon aus, dass die Zahl der Armen in Deutschland nicht steigt, sondern tendenziell eher gesunken ist.

Nach den Informationen, die ich habe, beispielsweise über die Zahl von Hartz-IV-Empfängern und Arbeitslosen, über die Zahl der Menschen, die durch Suppenküchen versorgt werden oder die ihre Stromrechnung nicht bezahlen können, ist die Anzahl der Armen in Deutschland nicht gestiegen. Alles das sind harte Indikatoren, nach manchen dieser Indikatoren ist die Armut eher gesunken.

Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die Schere zwischen Armen und Reichen weiter auseinanderklafft.

Ich bin bekennender Wirtschaftsliberaler, doch was am oberen Ende der Einkommenspyramide geschieht, kann man nur noch als obszön bezeichnen. Dennoch: Ungleichheit und Armut stehen nicht in wechselseitiger Beziehung. Wenn der Reichtum wächst, heißt das, dass die Menschen mit Einkommen am unteren Rand zwar weiter entfernt sind von der Spitze, aber deshalb müssen sie noch lange nicht arm sein.

Seit 2012 publizieren Sie mit zwei Kollegen, einem Psychologen und einem weiteren Ökonomen, die sogenannte Unstatistik des Monats. Armutsberichte sind dort vermutlich auch schon aufgetaucht.

Ja, man kann sagen, sie tauchen in schöner Regelmäßigkeit auf. Seit rund 30 Jahren weisen Fachkollegen und ich auf die unseriösen Methoden hin – in der Regel vergebens.

Fußen diese Statistiken auf Unkenntnis oder Kalkül?

Die Zahlen und vor allem ihre Interpretationen kommen von Lobbyisten, die ihre Interessen vertreten. Das ist auch ihr gutes Recht. Problematisch wird es, wenn solche Studien in der Öffentlichkeit als Wissenschaft verkauft werden, obgleich sie nichts sind als einseitige Verlautbarungen. Das ärgert mich enorm. Ebenso ärgert mich, dass Medien solche pseudowissenschaftliche Erkenntnisse meist ungeprüft weitergeben.

Sie haben vor einigen Jahren ein Buch geschrieben, das den Titel trägt: So lügt man mit Statistik. Wie denn?

Da gibt es viele Möglichkeiten ...

... Schildern Sie bitte eine für Anfänger.

Eine einfache Methode ist, aus der Tatsachse, dass sich zwei Variablen in die gleiche Richtung entwickeln, eine Ursache zu konstruieren. Ein Beispiel: Es gibt bei Männern eine Beziehung zwischen ihrem Einkommen und ihrem Kopfhaar. Je weniger Haare ein Mann auf dem Kopf hat, desto mehr Geld verdient er durchschnittlich im Monat. Das heißt aber nicht, dass Glatzköpfe besser oder erfolgreicher sind, sondern das liegt daran, dass mit höherem Alter das Einkommen steigt und Männern die Haare ausfallen. Es geschieht ununterbrochen, dass auf diese Weise Korrelation und Kausalität verwechselt und daraus falsche Schlüsse gezogen werden.

Oft fehlen auch Angaben zu absoluten Zahlen.

Auch das ist ein probates Mittel. Das gilt beispielsweise auch für die sogenannte Risikokommunikation. Ein Paradebeispiel war die Meldung: „Choleragefahr hat sich in Deutschland verdoppelt.“ Sie hatte sich auch verdoppelt, von zwei Fällen in vier Jahren auf vier Fälle in vier Jahren. Die Weltgesundheitsorganisation ist ein Spezialist im Missinterpretieren von Statistiken aller Art. Ein Beispiel aus dem vergangenen Jahr: Von den Menschen, die regelmäßig Wurst essen, bekommen sechs Prozent im Laufe ihres Lebens Magen- oder Darmkrebs. Unter Menschen, die nie Wurst konsumieren, erkranken fünf Prozent. Was meldet die WHO? Dass bei Wurstessern ein um 20 Prozent erhöhtes Risiko besteht, an Magen- oder Darmkrebs zu erkranken.

Falsch ist das nicht.

Nein. Es ist nicht falsch, aber wenn man auf die zugrunde liegenden Zahlen – also fünf und sechs Prozent – verzichtet, ergibt sich doch ein vollkommen verzerrtes Bild.

Sollte man also grundsätzlich jeder Statistik misstrauen? Oder gibt es Ausnahmen?

Die Materialien der Landesämter und des Bundesamts sind seriös. Auch die Basisdaten für den erwähnten Armutsbericht stammen von diesen Behörden: 15 Prozent der Deutschen leben von einem Einkommen, das unter 60 Prozent des monatlichen Durchschnittseinkommens liegt. Das bedeutet aber eben nicht, dass sie arm oder armutsgefährdet sind.

Warum werden solche Zahlen meistens nicht hinterfragt, sondern eher konsumiert? Aus Bequemlichkeit?

Der Mensch von heute wird mit einer Flut von Informationen konfrontiert, es ist unmöglich, sie vollständig zu prüfen und durch eigene Recherchen zu ergänzen. Es ist vermutlich auch eine Art Selbstschutz, manche Informationen nicht näher zu beleuchten, auch um sein Weltbild möglichst aufrechterhalten zu können. Man kann den Alltag besser überstehen, wenn man gewisse Dinge einfach nicht zu Kenntnis nimmt.

Lautet Ihr Rat also: Grundsätzlich kann ein gesundes Misstrauen nicht schaden?

Es macht durchaus Sinn, sich zu überlegen, wie plausibel Angaben sind. Oft kann es helfen, sich die absoluten Zahlen anzusehen, die einer Aussage zugrunde liegen. Grundsätzlich kann es nie schaden, seinen Verstand einzuschalten.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Zur Person

Walter Krämer ist Ökonom, Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der Technischen Universität Dortmund und Autor zahlreicher Bücher zum Thema Statistik. Studiert hat der 68-Jährige Mathematik und Wirtschaftswissenschaften.
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