IG-Metall-Küste-Chef über die Tarifgespräche „Es fehlt an Weiterbildungskultur“

Beim Tarifgespräch für die Metall- und Elektroindustrie an diesem Montag in Bremen wird es knifflig. Der IG-Metall-Küste-Bezirksleiter Daniel Friedrich erläutert im Interview, wo die Knackpunkte liegen.
07.02.2021, 21:34
Lesedauer: 6 Min
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„Es fehlt an Weiterbildungskultur“
Von Florian Schwiegershausen

Herr Friedrich, eigentlich hätte die Verhandlungsrunde ja schon am Mittwoch sein sollen. Muss man sich Sorgen machen?

Daniel Friedrich: Nein, es mussten einfach noch Dinge geklärt werden – auch bundesweit. Außerdem mussten die zwei Arbeitsgruppen, die seit der letzten Verhandlungsrunde aktiv sind, weitere Gespräche führen.

Was ist von den Arbeitsgruppen zu hören?

Die machen sich Gedanken, wie Zukunftstarifverträge im Betrieb aussehen können. Diese Art der Gespräche ist sehr zielführend. Man muss ja immer im Auge haben, was die andere Seite bewegt. Angesichts der Veränderungsprozesse der Metall- und Elektroindustrie müssen wir uns entscheiden: Gehen wir den dafür notwendigen Weg gemeinsam, oder sind wir immer konfliktgeladen unterwegs, weil sich nur eine Seite alleine die Gedanken macht. Die Arbeitsgruppen diskutieren, wie man die Beschäftigten gut beteiligen kann und der Arbeitgeber seine unternehmerische Freiheit wahren kann.

Es geht um Sicherung von Arbeitsplätzen.

Da müssen wir einiges weiterdenken, weil Regelungen aus bisherigen Tarifverträgen nicht so ihre Anwendung gefunden haben. Anschließend gehen die Ergebnisse aus den Arbeitsgruppen in die Verhandlungen.

Und das geht alles Schritt für Schritt?

An einigen Stellen sind wir immer noch in der Grundsatzdiskussion. Wir haben hier im Norden ja aber eine konstruktive Debatte. Wir können reden und dem anderen zuhören. Das hilft und macht es einfacher, wenn man Lösungen finden will. Aber das wird uns wahrscheinlich auch nach der dritten Verhandlung noch weiter beschäftigen.

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Warum?

Bei den Inhalten zum Beispiel, ob vor Entlassungen alle anderen Instrumente genutzt werden müssen, oder ob der Arbeitgeber bei einem Zukunftstarifvertrag auch zu seinem Glück gezwungen werden kann, sind wir in der Sache auseinander. Aber deshalb sind es ja auch Verhandlungen, bei denen man sich Stück für Stück annähert. In anderen Tarifbezirken sieht das schwieriger aus, weil da die Arbeitgeber massive Gegenforderungen aufgestellt haben.

Was hat sich denn nicht durchgesetzt?

Nehmen wir mal die Regelung zum tariflichen Zusatzgeld, also die Umwandlung von Geld in Zeit in Form zusätzlicher freier Tage. Die gilt bisher nur für Beschäftigte, die Angehörige pflegen oder Kinder haben. Es ist bisher nicht vorgesehen, dass Arbeitgeber und Betriebsrat das kollektiv für den ganzen Betrieb entscheiden. Wir haben das vergangenen März für alle geöffnet, damit die Betriebe auf diese Weise Beschäftigung sichern können. Dies haben viele Betriebe auch umgesetzt. Nun gilt es, das allgemeinverbindlich umzusetzen. Dann geht es auch darum, wie man die Aufstockung von Kurzarbeitergeld besser hinbekommt. Und mit Blick in die Zukunft haben wir das große Thema Qualifizierung und Weiterbildung.

Das Thema ist doch aber nicht neu?

Den Tarifvertrag dazu haben wir seit etwa 15 Jahren. Da müssen wir feststellen: Schulungen, weil eine Maschine neu ist oder das SAP-System, finden statt. Aber es hakt zum Beispiel, wie man Ungelernte zu Fachkräften weiterentwickeln kann. Da fehlt auch das Zukunftsbild: Wo ist die Firma in der Zukunft? So ist es schwer, sich dorthin weiter zu qualifizieren. Wir haben in Deutschland keine Weiterbildungskultur – weder auf der Arbeitgeberseite und ehrlicherweise auch nicht auf der Arbeitnehmerseite.

Und nun?

Da brauchen wir Veränderung. Wir müssen dieses lebenslange Lernen mit Leben füllen. Das geht nur gemeinsam. Die IG Metall will dazu bundesweit Beschäftigte zu innerbetrieblichen Weiterbildungsmentoren entwickeln. Wir sind auch durch die letzten zehn guten Jahre erfolgsverwöhnt und brauchen da nun einen Weckruf nach vorn, damit die M+E-Industrie auch in Zukunft die Leitbranche in Deutschland und Europa ist.

Die Arbeitgeber rechnen da wohl gerade die Kosten durch.

Das ist einer der großen Streitpunkte, bei dem wir noch nicht weiter sind. Klar ist: Wir fordern vier Prozent mehr im Volumen. Der Reallohn muss gesichert sein, damit es auch keine Diskussion über fehlende Kaufkraft gibt. Dabei werden wir aber auch schauen, wieviel davon in Beschäftigungssicherung investiert wird. Da müssen wir streiten, was der richtige Tarifabschluss sein wird im Sinne von Zukunftsgestaltung, Absicherung der Einkommen und das einsetzbar zur Beschäftigungssicherung. Da machen es uns die Arbeitgeber momentan nicht leicht.

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Ein Beispiel dazu?

Die Arbeitgeber wollen Urlaubs- und Weihnachtsgeld künftig abhängig vom Unternehmenserfolg zahlen. Doch was ist da die richtige Kennzahl, und was mit den restlichen betrieblichen Themen? Knallhart gesagt: Wenn der Betrieb wirtschaftlich ein Minus macht, den Beschäftigten die Tariferhöhung gestrichen wird, aber gleichzeitig eine neue Riege von Dienstwagen hingestellt wird, dann versteht das kein Mensch. Das habe ich schon erlebt. Zudem wollen unsere Betriebsräte das gar nicht, weil sie sich erpressbar fühlen. Denn sie können nichts dagegen tun, weil sie dem Betriebsfrieden verpflichtet sind im Gegensatz zur Gewerkschaft.

Und bei einem Betrieb in der Krise?

Wenn es wirklich notwendig ist, den Betrieb zu sichern, weil er Probleme hat, gibt es in Bremen ja auch Beispiele, bei denen die Beschäftigten auch einen Anteil tragen. Da ist die IG Metall auch gesprächsbereit. Wenn dann die Bücher aufgemacht werden, streitet man um den richtigen Weg.

Gerade in der Zulieferindustrie werden die kommenden Jahre schwierig.

Schwierig ist es, wenn ein Zulieferer zum Beispiel auf einen bestimmten Teil eines Motors spezialisiert ist. Bei unseren Transformationsatlas haben Betriebsräte aus 250 Betrieben mit 100.000 Beschäftigten auf die Frage, ob es überhaupt eine Alternative gibt, mit „Nein“ geantwortet. Das zeigt, wie groß der Druck dort ist. Unser Vorschlag war da ja ein Zukunftsfonds, mit dem man in diese Unternehmen hinein investiert. Betroffen sind da auch Teile der Luftfahrtindustrie. Airbus wird auch in Zukunft überleben. Aber die Zulieferindustrie muss gehalten werden.

Was wären Sie bereit, in Krisenfällen an vorübergehenden Abweichungen von einem Flächentarifvertrag hinzunehmen?

Das muss man auseinanderhalten: Wenn ein Betrieb von der Bank kein Geld mehr erhält, haben die Beschäftigten immer einen Teil mitgetragen. Wenn es aber darum geht, dass sich ein Betrieb in die Zukunft weiterentwickeln soll, dann kann Lohnverzicht nicht die Lösung sein, sondern, inwieweit Beschäftigte den Prozess proaktiv begleiten und bereit sind, neue Wege zu gehen. Da kann man dann auch über Arbeitszeitflexibilität oder Arbeitszeitkonten nachdenken. Hier gibt es als Modell auch die Vier-Tage-Woche. Das Zukunftsthema wird die grüne Wirtschaft sein: Was kommt nach dem Verbrennermotor, oder wie bekommt man in der Luftfahrt die Umweltfreundlichkeit gestaltet? Wir müssen Industrie in Deutschland halten und sie zur grünen Wirtschaft weiterentwickeln zusammen mit der Digitalisierung.

Nur in Deutschland?

Es hilft natürlich nicht, wenn man den Industriebetrieben in Deutschland Auflagen macht, aber weiterhin der billige Stahl ohne diese Auflagen aus dem Ausland kommt.

Und beim Homeoffice – inwiefern wäre da eine IG Metall statt der Bundesregierung gefragt, dies irgendwie zu regeln?

Wir brauchen da schon eine Gesamtregelung, auch wenn es im Tarifabschluss vom letzten Jahr bereits Thema war. Da es aber am Ende ein staatlich vorgegebener Lockdown ist, und die Initiative nicht von den Arbeitgebern ausgeht, ist da auch der Staat gefragt bei einer einheitlichen Lösung.

Inwiefern spielt Ihnen für die Tarifverhandlungen in die Karten, dass den Automobilherstellern momentan die Chips fehlen – es zeigt ja, dass die Nachfrage wieder stärker angezogen hat als gedacht?

Ja, die Aufträge sind da und manche Bereiche haben die Talsohle durchschritten. Deshalb sollten da die Beschäftigten nicht drunter leiden, weil jemand die falsche Einkaufspolitik betrieben hat. Den Schuh muss sich die Automobilindustrie anziehen. Schwieriger sieht es da aber in der Luftfahrt- und der Kreuzfahrtindustrie aus. An die muss man auch denken.

Wie wäre ein Arbeitskampf unter Corona-Bedingungen überhaupt möglich?

Massen vor den Betriebstoren oder zu Kundgebungen auf Marktplätzen wird es wohl eher weniger geben. In einem Zulieferbetrieb in Brake, der rein technisch ist, legen die Beschäftigten gerade im Homeoffice die Arbeit nieder. Sie treffen sich vor dem Betrieb mit Abstand. Wir schauen dann, dass wir es in die Öffentlichkeit bekommen – aber wahrscheinlich mit Klasse statt Masse. Manchmal braucht es statt Masse auch nur Nadelstiche. Es reicht ja zum Beispiel, nur die Logistik lahmzulegen. Ich hoffe aber, dass wir eine Lösung am Verhandlungstisch hinbekommen. Am Montag werden wir sehen, ob wir einen großen Schritt machen oder weiter in Trippelschritten unterwegs sind. Momentan bewegen wir uns etwas auf der Stelle.

Bleibt die rote Metaller-Trillerpfeife dieses Mal in der Schublade?

Corona macht es nicht einfacher. Aber wir haben auch schon vergangenen Sommer einen Warnstreik in einem Betrieb gemacht – mit Trillerpfeife. Da liefen die Kollegen an einem Seil mit 1,50 Meter Abstand durch den Ort. In Nordrhein-Westfalen wurden bei einem Aktionstag mit über 3.000 Teilnehmern für die Kundgebung vorher Felder abgesteckt, dass genug Abstand gewahrt wurde. Unterschätzen sollten die Arbeitgeber die IG Metall trotz Corona nicht.

Das Gespräch führte Florian Schwiegershausen.

Info

Zur Person

Daniel Friedrich (45) ist seit 2020 Bezirksleiter der IG Metall Küste. Der gelernte Industriemechaniker führt die Tarifverhandlungen in der norddeutschen Metall- und Elektroindustrie für die 140.000 Beschäftigten – 25.000 davon in Bremen.

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