Bremen Verzockt in Bremen?

Die Bremer Landesbank (BLB) – ein durch und durch bodenständiges Regionalinstitut. Die sympathische Bank „um die Ecke“, die so ganz anders ist, als die gefräßigen Zockerbuden auf dem internationalen Finanzparkett.
11.06.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Philipp Jaklin und Peter Hanuschke

Die Bremer Landesbank (BLB) – ein durch und durch bodenständiges Regionalinstitut. Die sympathische Bank „um die Ecke“, die so ganz anders ist, als die gefräßigen Zockerbuden auf dem internationalen Finanzparkett. So ist es bislang immer das Narrativ der Landesbank am Domshof gewesen. Und so hat auch Aufsichtsratschefin Karoline Linnert (Grüne), Bremens Finanzsenatorin, in den vergangenen Monaten ihren Kampf für eine eigenständige Bremer Landesbank argumentativ unterlegt.

Die BLB sei „an keinem der Bankenskandale“ beteiligt gewesen, sagte die Politikerin Anfang Mai dem WESER-KURIER. „Sie hat keine undurchschaubaren Immobilienpakete, sie vermittelt keine Panama-Geschäfte. Sie macht seriöse Geschäfte.“

Und manchmal hochspekulative. So hat das Institut in der Vergangenheit in großem Umfang Geschäfte mit sogenannten „Credit Default Swaps“ (CDS) betrieben. Solche Papiere sind eine Art Versicherung gegen den Ausfall von Wertpapieren oder Staatsanleihen. Der Ökonom Richard Portes verglich sie einmal als Lebensversicherung auf das Leben eines anderen; Investoren wetten mit ihnen darauf, dass Firmen oder Staaten klamm werden. Banken wie die BLB, die solche Papiere ausgegeben haben, drohen im Haftungsfall gewaltige Belastungen.

Zwischen 2006 und 2010 hatte der Bestand an CDS-Papieren bei der Bremer Landesbank einen Umfang zwischen drei und vier Milliarden Euro, wie Recherchen von „tagesschau.de“ jetzt gezeigt haben. Dem Internetportal zufolge war es ein Glücksfall, dass der Beinahe-Kollaps des britischen Geldinstituts Bradford & Bingley 2008 nicht auch die Bremer mit in den Strudel riss; die Bank wurde vom Staat aufgefangen. Doch der Schaden blieb nicht aus: So kostete das CDS-Abenteuer die Bank allein im ersten Halbjahr 2010 insgesamt 64 Millionen Euro.

Die Bremer Landesbank bestätigt, die Geschäfte gemacht zu haben. Sie habe daraus „nie ein Geheimnis“ gemacht. Doch gerne darüber geredet hat man offensichtlich auch nicht. Und so blieb in der Bremer Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, auf welches Parkett sich das Institut begeben hatte. Nach Angaben der BLB beschloss die Bank 2007, nicht weiter in solche Papiere zu investieren. Über den Rückbau des CDS-Geschäfts habe das Institut „auf jeder Gremiensitzung und in den Bilanzpressekonferenzen ausführlich berichtet“. Derzeit habe die Bank noch 250 Millionen Euro im Bestand. 2018 werde er komplett abgebaut sein.

„Diese Spekulationsgeschäfte waren damals ein Fehler der BLB“, sagt der Bremer Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel, der bei den jüngsten Gesprächen über die Zukunft der Landesbank als Berater tätig war. Die aktuelle Kapitalnot des Instituts habe allerdings andere Gründe, sie liege an den faulen Schiffskrediten. Vorwürfe, er habe durch sein öffentliches und beharrliches Eintreten für eine eigenständige Landesbank eine allzu kritiklose Haltung der Bremer Politik befördert, wies der einflussreiche Ökonom zurück. Der BLB rechnet er indes an, dass sie „keine illegalen Geschäfte oder andere Manipulationen vorgenommen“ habe. Dafür spekulierte sie kräftig mit – vor allem im Geschäft mit Schiffskrediten. Und verspekulierte sich dabei gewaltig, was zur derzeitigen Schieflage führte. Seit 2003 mischte die BLB groß im Schiffsgeschäft mit. Damals war dort viel Geld zu verdienen, der Markt boomte.

2008 kam schließlich der große Einbruch, doch im Gegensatz zu anderen Banken hielt das Institut an seinen Schiffskrediten fest. Letztlich war es eine Wette, dass der Markt wieder anzieht, die Jahr für Jahr verlängert wurde. Doch er tat es nicht. Nun drohen Milliardenausfälle bei den Krediten. Auch BLB-Chef Stephan-Andreas Kaulvers räumt inzwischen ein, auf die falsche Karte gesetzt zu haben. Zwischen 2003 und 2006 habe seine Bank „zu viel Schiffsfinanzierung gemacht“, sagte er diese Woche dem WESER-KURIER.

Die meisten Banken hätten sich zu sehr auf die Reeder verlassen und die Auswirkungen der Schifffahrtskrise falsch eingeschätzt, sagt der Bankenexperte Norbert Dieckmann, Professor an der Wirtschaftshochschule EBC in Hamburg. Die Reeder seien davon ausgegangen, dass sich der Markt erholt. „Dass dieser Optimismus verfehlt war, die Schifffahrtskrise andauerte und durch die Neubauten verschärft werden würde, wollten alle Beteiligten anscheinend nicht einkalkulieren.“

Dieckmann sieht ein Kontrollproblem: Ein Aufsichtsrat müsse in der Lage sein, Fehlentwicklungen zu erkennen und dagegenzusteuern. Das funktioniere nur meistens leider nicht; der Aufsichtsratsvorsitz einer Landesbank sei ein Fulltime-Job, das könne man als Politiker nebenbei nicht leisten. „Das hat mir auch Heide Simonis bestätigt, als sie das Amt von 2003 bis 2006 nebenbei ausübte als sie noch Ministerpräsidentin in Schleswig-Holstein war: Sie habe sich damit überfordert gefühlt.“

Geschichte, die sich wiederholt Bereits 2005 war ein Streit zwischen der Nord-LB und der Bremer Landesbank eskaliert. Damals ging es um unterschiedliche Vorstellungen über die Eigenständigkeit der Bremer Tochter. Der Zwist gipfelte darin, dass der bis dato erfolgreiche BLB-Vorstandsvorsitzende Thomas Buchbinder seinen Hut nehmen musste. Damals hielt die Nord-LB noch 92,5 Prozent an dem Bremer Institut. Beide Banken waren allerdings über einen Staatsvertrag miteinander verbunden, der der Bremer Landesbank weitreichende Mitbestimmungsrechte sicherte. Als sich die Nord-LB nach Auffassung des Bremer Finanzsenators zu sehr in die Geschäfte der Bremer einmischte, kam es zum Eklat: Buchbinder gab ein Gutachten über den Staatsvertrag in Auftrag, die Nord-LB wertete dieses Vorgehen als Vertrauensbruch. Der Ärger ging so weit, dass sich die Regierungschefs von Bremen und Niedersachsen einschalten mussten. Im November trafen sich Christian Wulff (CDU) und der Bürgermeister der Hansestadt, Jens Böhrnsen (SPD), zu einem Krisengipfel. An dessen Ende stand eine Einigung: Die BLB sollte auch weiterhin als eigenständige Geschäftsbank agieren können und Bremen durfte ab sofort den Aufsichtsratsvorsitzenden der Bank bestellen. Im Gegenzug musste BLB-Vorstandschef Buchbinder – auch gegen den Willen Bremens – seinen Posten räumen.
„Diese Spekulationsgeschäfte waren ein Fehler.“ Rudolf Hickel, Ökonom
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