Die Journalistin Kristina Vaillant und ihre Kollegin Christina Bylow rechnen mit der deutschen Rentenpolitik ab

Viele Frauen sind von Altersarmut bedroht

In ihrem Buch „Die verratene Generation – Was wir Frauen in der Lebensmitte zumuten“ werfen die Journalistinnen Kristina Vaillant und Christina Bylow einen Blick auf die Frauen der geburtenstarken Jahrgänge 1958 bis 1968. Wenn es um die Rente geht, ist das Ergebnis ernüchternd.
08.03.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Britta Kluth
Viele Frauen sind von Altersarmut bedroht

Autorin Kristina Vaillant möchte eine Debatte über das Rentensystem lostreten.

Roland Scheitz

In ihrem Buch „Die verratene Generation – Was wir Frauen in der Lebensmitte zumuten“ werfen die Journalistinnen Kristina Vaillant und Christina Bylow einen Blick auf die Frauen der geburtenstarken Jahrgänge 1958 bis 1968. Wenn es um die Rente geht, ist das Ergebnis ernüchternd. Viele dieser Frauen sind von Altersarmut bedroht. Darüber sprach Britta Kluth mit Kristina Vaillant, die auf Einladung des Clubs Business and Professional Women in Bremen war.

Frau Vaillant, was war Ihre Motivation, dieses Buch zu schreiben?

Kristina Vaillant: Christina Bylow und ich gehören beide dieser Generation an. Wir haben viel über die Lebenslage der Frauen mittleren Alters gesprochen und sehr schnell gemerkt, dass es eine kollektive Erfahrung gibt: Viele von uns sind sehr gut ausgebildet und mit hohen Erwartungen ins Berufsleben gestartet. Wir sind aufgewachsen mit dem Versprechen, wer sich anstrengt und einen guten Bildungsabschluss erwirbt, der hat die gleichen Chancen wie die Männer. Spätestens bei dem ersten Kind wurde klar, dass dem nicht so ist. Ein wichtiger Auslöser war auch eine Anfang 2012 veröffentlichte Studie der Freien Universität Berlin, die sich erstmals mit den Rentenerwartungen dieser Frauengeneration befasst hat.

Was war das Resultat der Studie?

Über 40 Prozent der Jahrgänge 1962 und 1966 aus den alten Bundesländern müssen mit einer gesetzlichen Rente von maximal 600 Euro rechnen. Das hat die Wissenschaftlerinnen selbst überrascht. Denn obwohl diese Frauen überwiegend berufstätig sind, liegen sie damit nur geringfügig über dem, was die vorherige Frauengeneration aus der gesetzlichen Rentenkasse bekommt. Mich hat dieses Ergebnis angespornt, nachzuforschen, was hinter den Zahlen steckt.

Wie kam es zu dieser Entwicklung?

In Westdeutschland hat die Politik in den 80er- und 90er-Jahren viel dafür getan, Frauen, wenn sie Kinder bekamen, aus dem Beruf herauszulocken. Kinderbetreuung gab es im Westen Deutschlands nur in Ausnahmefällen, Teilzeitarbeit wurde ausgeweitet, der Mini-Job geboren. Gut bezahlte Vollzeitjobs mit Aufstiegschancen sollten dem männlichen Familienernährer vorbehalten bleiben. Etwa die Hälfte der Frauen der Babyboomer-Generation arbeitet heute Teilzeit, meist Mini-Teilzeit, und unter den 40- bis 50-Jährigen werden 70 Prozent aller Mini-Jobs von Frauen erledigt. Davon lässt sich keine existenzsichernde Rente erwirtschaften. Und während Politiker in den 70er-Jahren noch über die Notwendigkeit einer existenzsichernden, vom Ehemann unabhängigen Rente für Frauen diskutierten, sollte später davon keine Rede mehr sein.

Was hat Sie bei der Recherche zu Ihrem Buch am meisten schockiert oder auch überrascht?

Schockiert hat mich zum einen, dass die Rentenerwartung dieser Frauen in gar keiner Weise deren Lebensleistungen widerspiegelt. Vieles, was sie erreicht haben – die erste mit Abitur in der Familie, die erste Kriminalkommissarin oder erste Redakteurin, die Kinder hat –, haben sie trotz der widrigen Umstände geschafft. Überrascht hat mich auch, dass wir in den 70er-Jahren in der Diskussion schon weiter waren.

Sind die Frauen denn selbst schuld?

Wenn es um ihre Renten geht, ist klar: Der Fehler liegt im System. Wir haben eine gesetzliche Rentenversicherung, die vor allem Frauen nicht gerecht wird, weil sie konsequent auf dem Erwerbsleben aufbaut. Nur wer 45 Jahre ununterbrochen in Vollzeit und zu einem durchschnittlichen Lohn arbeitet, hat Aussicht auf eine Rente, von der man leben kann.

Haben sich die Verhältnisse geändert?

Momentan arbeiten Frauen zwischen 30 und 40, also in dem Alter, in dem sie Kinder bekommen, ebenfalls zur Hälfte Teilzeit. Sie gehen also das gleiche Risiko ein. Es wird sich zeigen, ob das Elterngeld Plus, das Teilzeitarbeit über 25 Wochenstunden belohnt, wenn beide Elternteile sich dafür entscheiden, daran etwas ändern wird. Was die Rentendebatte angeht, bin ich skeptisch. Die Rente mit 63 wird überwiegend den Männern zugutekommen, die sowieso gute Renten erwarten. Die Mütterrente dagegen ist nicht existenzssichernd. Besonders zynisch finde ich, dass der eine Rentenpunkt, den Frauen nun für vor 1992 geborene Kinder zusätzlich bekommen, ausgerechnet denjenigen verloren geht, die auf Grundsicherung angewiesen sind.

Was machen andere Länder besser?

Andere europäische Länder haben gerechtere Rentensysteme. In den Niederlanden, in der Schweiz, in Großbritannien und den skandinavischen Ländern zahlt jeder Bürger in die gesetzliche Rentenkasse ein und bekommt, unabhängig von Einkommen und Arbeitszeit, im Alter eine Art Grundrente. So bleibt den Menschen der Gang zum Sozialamt und eine Bedürftigkeitsprüfung erspart, wie sie bei der Grundsicherung fällig wird. Und anders als bei uns existiert in vielen Ländern nicht das Bild der stets für andere sorgenden, sich aufopfernden Mutter. In Deutschland ist das leider viel mehr als ein Klischee, es drückt eine gesellschaftliche Erwartung aus. Beides zu haben, Familie und Beruf, ist deshalb anderswo für Frauen viel selbstverständlicher.

Was möchten Sie mit dem Buch erreichen?

Damit sich etwas ändert, brauchen wir eine Debatte. Die wollen wir anstoßen. Und wir möchten den Frauen Mut machen, das einzufordern, was sie verdienen.

Zur Person: Kristina Vaillant, Jahrgang 1964, machte ihr Abitur am Gymnasium am Leibnizplatz und studierte Publizistik und Kunstgeschichte in Berlin. Anschließend arbeitete sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und von 1999 bis 2005 beim Deutschen Bundestag im Bereich Menschenrechts- und Außenpolitik.

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