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Das Jahr 2003 liegt Jürgen Marggraf noch immer etwas schwer im Magen. Erst zwei Jahre zuvor trat der heute 60-Jährige seine Stelle als Vorstand im Bereich Produktion und Technik bei der Frosta AG an – und dann schien plötzlich alles schiefzugehen.
15.12.2016, 00:00
Lesedauer: 12 Min
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Von Von Tobias Meyer

Das Jahr 2003 liegt Jürgen Marggraf noch immer etwas schwer im Magen. Erst zwei Jahre zuvor trat der heute 60-Jährige seine Stelle als Vorstand im Bereich Produktion und Technik bei der Frosta AG an – und dann schien plötzlich alles schiefzugehen.

Der Hersteller von Tiefkühlkost hatte sich gerade ein neues Reinheitsgebot auferlegt: Alle Produkte sollten fortan ohne Aromen, Geschmacksverstärker und Zusatzstoffe produziert werden. Frosta hob mit der Umstellung auch die Preise an, in der Annahme, den Kunden wäre die neue Speisenqualität das Geld wert. War sie aber nicht. Noch nicht.

Frosta machte sieben Millionen Euro Verlust, musste fast jedem zehnten Mitarbeiter kündigen. Damals unkten die ersten: Frosta macht es nicht mehr lange. Das ist der Anfang vom Ende, sagten sie.

Heute kann Jürgen Marggraf darüber nur milde lächeln. „Es gibt immer Wellenbewegungen“, sagt das Frosta-Vorstandsmitglied. Gerade schwimmen sie auf einer richtig guten: Während der Tiefkühlmarkt bundesweit etwa zwei Prozent wächst, entwickle sich Frosta „überproportional“, sagt Marggraf. Genaue Zahlen kann er noch nicht nennen, nur so viel: „Wir werden wohl besser als 2015 abschneiden.“ Und da lag das Wachstum bereits bei 12,4 Prozent.

Tiefgefrorene Lebensmittel, allen voran Fisch, sind ein wichtiger Bestandteil der Lebensmittelindustrie im Land Bremen. Die Wirtschaftsförderung Bremen (WFB) bezeichnet Bremerhaven in einem Image-Prospekt als „größte Tiefkühltruhe Europas“. Im gleichen Heft fällt auch noch ein anderer Begriff: Capital of Brands. Markenhauptstadt.

Philadelphia Frischkäse, Milka und Hachez-Schokolade, Coca-Cola, Jacobs Krönung, Beck‘s Bier, Kellog‘s Cornflakes, Chiquita Bananen – all diese Marken und noch weitaus mehr werden in der Stadt an der Weser produziert oder von hier aus gehandelt. Vier Milliarden Euro Umsatz macht die Bremer Lebensmittelindustrie laut WFB, der Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung ist mit 8,6 Prozent doppelt so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Damit steht die Branche hinter der Autoindustrie auf Rang zwei und stellt 18 Prozent aller industriellen Arbeitsplätze. Knapp 9000 Menschen sind hier beschäftigt. Eine echte Erfolgsgeschichte.

Die Schlagzeilen der vergangenen Jahre jedoch vermitteln ein anderes Bild. 2012 schloss der Wurstwaren-Produzent Könecke sein Werk in Hemelingen, weil es nach eigenen Angaben nicht mehr den Hygieneanforderungen entsprach und eine Sanierung zu teuer gewesen wäre, und zog nach Delmenhorst. Im selben Jahr wurde Hachez an die dänische Toms-Gruppe verkauft, schrieb anschließend rote Zahlen und entließ 2014 die ersten 33 Mitarbeiter. Zwischendrin verkündete der Bierkonzern AB Inbev, 151 Stellen bei Beck‘s abbauen zu wollen, was nach Verhandlungen mit der Gewerkschaft wieder verworfen wurde. Bis Ende 2017, darauf einigte man sich, sollten keine Arbeitsplätze aufgelöst werden.

2016 aber scheint das Jahr mit den meisten Hiobsbotschaften zu sein: Kellogg kündigte an, sein einziges deutsches Produktionswerk schließen zu wollen. Seit 1964 liefen am Standort in der Überseestadt die Kellog‘s-Schachteln über das Band, spätestens Anfang 2018 wird dieses nun stillstehen. 200 Arbeitnehmer sind davon betroffen, 60 von ihnen sollen bereits bis zum 1. April 2017 das Unternehmen verlassen.

Dann Coca-Cola: Der Limonaden-Produzent machte dieses Jahr seinen Abfüllstandort in Hemelingen dicht. 222 der 319 Mitarbeiter unterzeichneten einen Aufhebungsvertrag und suchten sich einen neuen Job, ein Großteil der übrigen 90 Beschäftigten zog mit dem Unternehmen in das neue Logistikzentrum in Achim.

Und schließlich Mondelez. Der Lebensmittel-Konzern hat vergangenes Jahr angekündigt, beim Personal in den Bereichen IT, Einkauf, Finanzen, Personal und Logistik sparen zu wollen. 70 Stellen sollen wegfallen. Hintergrund: Sogenannte Business-Center im Ausland übernehmen künftig verstärkt vertriebliche Aufgaben. Experten rechnen damit, dass dadurch in den nächsten zwei bis drei Jahren bis zu 300 der insgesamt noch 700 Arbeitsplätze bei Mondelez in Bremen wegfallen könnten. Wie vor Kurzem bekannt wurde, schaut sich das Unternehmen bereits nach einem neuen Standort innerhalb Bremens um – weil das Gebäude an dem Standort, an dem Jacobs und später Kraft Foods Erfolgsgeschichte schrieben, mittlerweile viel zu groß ist für die schrumpfende Mitarbeiterzahl.

Die 2015 abgespaltene Kaffee-Sparte Jacobs Douwe Egberts, an der Mondelez noch mit 44 Prozent beteiligt ist, schließt außerdem das Werk zur Verarbeitung von Rohkaffee im Holzhafen und will die 50 betroffenen Stellen nach eigenen Aussagen „sozialverträglich abbauen“. Die Schließung bedeutet auch das Ende der Marke Kaffee Hag in Bremen, unter der Ludwig Roselius 1906 den ersten entkoffeinierten Kaffee der Welt vermarktete und dafür gleichzeitig auch das weltweit erste Corporate Design entwarf.

„Es ist eine Schande“, sagt Dieter Nickel von der Gewerkschaft Nahrung Genuss Gaststätten (NGG). „Gerade dort, wo traditionelle Bremer Marken in Konzernhand sind, stellen wir fest: Es geht nur noch um Gewinnmaximierung.“ Eine Entwicklung, die ihm Sorge macht – vor allem angesichts der sich verschlechternden Arbeitsbedingungen. „Wir führen ständig Gespräche mit Mitarbeitern, die sagen: ‚Ich, als Mensch, interessiere doch gar nicht mehr, es geht nur noch um Zahlen.‘“

Weil die Konzernleitungen meist an anderen Standorten sitzen, sei es auch für die NGG schwer geworden, Forderungen durchzusetzen und auf Augenhöhe zu verhandeln. Das habe man jetzt erst wieder gemerkt, als es um Kellogg ging. „Natürlich, die Schließungspläne waren für uns ein Schock“, gibt Nickel zu. Gerade erst habe man sich auf eine „vergleichsweise moderate“ Lohnanhebung um 1,5 Prozent geeinigt und die Sieben-Tage-Woche im neuen Schichtsystem akzeptiert. „Dass das am Ende nicht gereicht hat, um den Konzern am Standort zu halten, zeigt doch, dass es den Unternehmen egal ist, wo sie produzieren – Hauptsache, die Zahlen stimmen.“ Bei Kellogg stimmten sie nach Angaben des Unternehmens nicht mehr: Statt wie in den 1990er-Jahren um die 90 000 Tonnen produziert das Bremer Werk aufgrund sinkender Nachfrage derzeit nur noch etwa 50 000 Tonnen Cornflakes im Jahr.

An Kellogg zeigt sich ein Problem, mit dem viele große Konzerne der Lebensmittelbranche zu kämpfen haben: Die Markentreue der Deutschen sinkt. Stattdessen wird entweder günstiger gekauft, was Unternehmen wie Kellogg, die ihre Produkte nicht auch für günstigere Handelsmarken produzieren, besonders trifft. Oder aber, und dahin bewegt sich der Trend deutlich, die Verbraucher suchen mehr und mehr nach individuelleren Produkten kleiner, im besten Fall sogar regionaler Anbieter. Gleichzeitig geben die Deutschen im internationalen Vergleich deutlich weniger Geld für Lebensmittel aus. „Die Nachfragemacht im Handel ist ein Riesenproblem“, sagt auch Nickel. „Der Handel drückt die Preise wie verrückt – und die Verbraucher machen mit.“

Wer günstig verkaufen muss, muss auch günstig produzieren. „Der Wettbewerb in der Lebensmittelbranche ist hoch dynamisch“, sagt Frank Thoss, bei der Industrie- und Handelskammer Bremen und Bremerhaven (IHK) für Industrie zuständig. „Da gibt es nicht viele Stellschrauben, an denen die Unternehmen noch drehen können.“ Einen Hochlohnstandort wie Deutschland konkurrenzfähig zu halten, sei ein echter Kampf. „Die industrielle Lebensmittelproduktion ist arbeitsintensiv“, so Thoss. „Vor dem Hintergrund der im Vergleich zum Ausland höheren Lohnkosten setzen viele Unternehmen daher auf eine zunehmende Automatisierung in den Prozessen.“

Aber auch andere Standortkosten fallen mehr ins Gewicht. „Große Konzerne handeln hier sehr rational: Am Ende erhält der Standort mit der insgesamt günstigsten Produktion den Zuschlag.“ Die größten Faktoren nach den Lohnkosten sind die Energie, Steuern und Gebühren. „Gerade bei den kommunalen Steuern und Gebühren liegen wir im Vergleich mit dem Umland zum Teil deutlich höher“, bedauert Thoss. Von den günstigeren Konditionen im Ausland ganz zu schweigen. Die Frosta AG betreibt beispielsweise auch ein Werk für die Verarbeitung von Fisch in Polen. Da in Deutschland zu den vergleichsweise höheren Löhnen auch noch Zuschläge für Sonderschichten hinzukommen, verlegt Frosta arbeits- und energieintensive Arbeiten mittlerweile nach Osteuropa. „Dort sind die Energiekosten gerade einmal halb so hoch wie in Bremerhaven“, rechnet Marggraf vor. „Man hat den Eindruck, dass sich die Kommune hier schon sehr gut an den Unternehmen bedient.“

Nun soll im neuen Jahr auch noch die Schmutzwassergebühr angehoben werden. Sie soll nach Plänen des Senators für Bau, Umwelt und Verkehr von 2,31 Euro auf 2,42 Euro pro Kubikmeter steigen – eine Erhöhung um 4,8 Prozent. „Wir befürchten, dass gerade bei Konzernen, in deren Verbund einzelne Produktionsstandorte untereinander im Wettbewerb um Produktionsmengen stehen, Kapazitäten aus Bremer Werken abgezogen werden“, warnt Thoss. Bereits heute liege die Hansestadt nach einer Erhebung der IHK Bremen-Bremerhaven im oberen Drittel. Zum Vergleich: In Leipzig liegt die Schmutzwassergebühr bei 1,31 Euro, im bundesweiten Durchschnitt bei 2,02 Euro und bei Spitzenreiter Wuppertal bei 2,90 Euro pro Kubikmeter.

Dass eine Anhebung um elf Cent je Kubikmeter Schmutzwasser einen deutlichen Unterschied machen kann, rechnet Oliver Bartelt vor. „Bei uns fallen im Jahr 900 000 Kubikmeter Schmutzwasser an“, so der Sprecher von AB Inbev Deutschland. „Die neue Gebühr führt also zu einer Mehrbelastung von 99 000 Euro im Jahr.“ Da helfe es auch nicht, dass im gleichen Zuge die Niederschlagswassergebühr für versiegelte Flächen um 12,5 Prozent auf 63 Cent pro Kubikmeter gesenkt werden soll. „Dadurch würden wir etwa 12 000 Euro sparen, wodurch die Mehrbelastung aber lediglich auf 87 000 Euro sinkt“, kritisiert Bartelt. „Das ist aus unserer Sicht nicht gerechtfertigt, da wir auch schon eine sehr intensive Abwasservorbehandlung durchführen und unser Abwasser sehr leicht zu reinigen ist, es also unterproportionalen Aufwand bedarf.“ Eine vergleichbar große Brauerei in Frankfurt würde für den Faktor Entwässerung bei den vor Ort anfallenden Kosten von 1,76 Euro pro Kubikmeter Schmutzwasser 200 000 Euro weniger zahlen. „Dieses Geld kann sie dann in Marketing oder Vertrieb einsetzen. Wir haben hier also einen echten standortbedingten Wettbewerbsnachteil innerhalb der Branche“, sagt Bartelt.

AB Inbev gehört zu den Unternehmen, die in jüngster Vergangenheit häufiger Kritik an der Bremer Standortpolitik geäußert haben. Neben der zu erwartenden Abwassergebühren-Anhebung meldete es sich etwa auch zu der vergleichsweise höheren Gewerbesteuer zu Wort. Und auch bei weichen Standortfaktoren, wie etwa dem für die Gewinnung von jungen Fach- und Führungskräften wichtigen Image der Stadt zeigt sich der Konzern nicht zufrieden. „Während auf Bundesebene über die Abschaffung von Betreuungsgebühr gesprochen wird, werden die Kita-Gebühren in Bremen angehoben“, nennt Bartelt ein Beispiel. Er habe das Gefühl, dass Bremen nicht attraktiv genug für die Bewerber sei, das sehe er auch an der Vielzahl der Stellen, die AB Inbev ausschreibe. „Bremen koppelt sich durch solche Maßnahmen langfristig vom Zuzug steuerzahlender Neubürger ab. Und jedes Unternehmen, das Bremen aufgrund der Standortnachteile verlässt, kostet weitere Steuergelder.“ Zwar gebe es auch bei der Brauerei keine Überlegungen, den Standort zu wechseln. „Eine Marke wie Beck‘s steht seit über 140 Jahren für Bremen“, sagt Bartelt. „Die Frage ist nur: Was tut Bremen dafür, seine hier beheimateten Marken zu unterstützen, um im Wettbewerb mit anderen Unternehmen anderer Städte konkurrenzfähig zu sein?“

Auch wenn große Marken wie Kellogg, Könecke und Coca-Cola Bremen verlassen – von einer Flucht der Unternehmen aus Bremen aufgrund vermeintlich schlechter Standortfaktoren könne laut Holger Bruns „keine Rede“ sein. „Bremen hat als Wirtschaftsstandort derzeit einen sehr guten Lauf“, sagt der Sprecher des Senators für Wirtschaft, Arbeit und Häfen. „Die Unternehmen fühlen sich durch die Bank am Standort wohl.“ Es sei „unsinnig“, Veränderungen in der Unternehmenslandschaft als Absage an Bremen zu interpretieren.

Gerade Kellogg sei ein Beispiel dafür, dass die politische Einflussnahme auf Konzernentschlüsse begrenzt ist. „Wir haben bei der Entwicklung der Überseestadt umfassend Rücksicht auf die unternehmerischen Belange genommen“, erinnert sich Bruns. „Und wir haben erst vor Jahresfrist gemeinsam mit dem Konzern erreicht, dass die nicht selbstverständliche Genehmigung der Sonntagsarbeit realisiert werden konnte.“ Die Entscheidung der amerikanischen Unternehmensleitung habe den Senat dennoch vor vollendete Tatsachen gestellt. Das zeige, so Bruns, dass auch bei engen Kontakten zur örtlichen Unternehmensleitung eine direkte Einflussnahme der Politik auf solche unternehmerische Entscheidungen nicht möglich sei. Bei Kaffee Hag und bei Kellogg sei der sinkende Absatz maßgeblich für die Veränderungen, bei Coca-Cola – die, betont Bruns, ebenfalls intensiv von der WFB beraten wurden – habe es an der besseren verkehrstechnischen Anbindung des neuen Standorts in Achim an die A1 und die A27 gelegen. „Hier geht es nicht um monetäre Unternehmensförderung, um Fragen der Infrastruktur oder die Bereitstellung von Gewerbeflächen. Das sind Unternehmensentscheidungen, die in erster Linie mit Marktentwicklungen und der jeweiligen Situation des Betriebes zu tun haben.“

Dennoch stellt man auch im Wirtschaftsressort fest, dass die Lebensmittelindustrie in Bremen hinter dem starken Wachstum anderer Branchen – etwa im Fahrzeugbau – hinterherhinkt. „Das Wirtschaftswachstum in Bremen ist im bundesweiten Vergleich ganz an der Spitze, die Zahl der Arbeitsplätze steigt kontinuierlich“, sagt Bruns. „Diese Erfolgsgeschichte wird in der Lebensmittelbranche derzeit nicht geschrieben.“ Auffällig sei aber die positive Entwicklung bei den jungen Betrieben in der Branche, fügt Bruns hinzu. „Es ist erfreulich, dass die Start-up-Szene in der Bremer Lebensmittelbranche quicklebendig ist und mit erfrischenden Konzepten auf sich aufmerksam macht.“

Eines dieser Start-ups ist Papa Türk. Jan Plewinski und Roman Will haben in Zusammenarbeit mit dem Getränketechnologiestudenten Tobias Balke eine Limonade entwickelt, die durch ihren hohen Chlorophyll-Anteil Essensgerüche bekämpft. 2013 gründeten Plewinski und Will ihr Unternehmen, lieferten erste Chargen an Dönerhändler in der Region aus und verkauften 2015 bereits 530 000 Flaschen. Im Herbst gelang ihnen dann der Durchbruch – nach einem Auftritt in der Show „Die Höhle der Löwen“, bei der Investor Ralph Dümmel in das Unternehmen einstieg. „Seitdem arbeiten wir unter Hochdruck“, sagt Plewinski. „In etwas mehr als einem Monat nach der Show haben wir eine Million Einheiten rausgeschickt.“ Durch die vielen neuen Kooperationspartner und die stärkere Sichtbarkeit habe sich der Verkauf im Vergleich zum Vorjahr mittlerweile verdreifacht.

Die beiden Gründer haben sich bewusst für Bremen entschieden – allerdings weniger aus dem Grund, dass die Lebensmittelbranche hier besonders gut aufgestellt ist. „Bremen ist ein sehr wichtiger Testmarkt“, sagt Will. „Hier gibt es eine gute Zielgruppenvielfalt.“ Damals hatten sie aber auch darüber nachgedacht, nach Berlin zu gehen, wegen der vielen Dönerläden. In Bremen fühlen sie sich aber wohl. „Wir haben hier viel Unterstützung erhalten.“ Jetzt gehe es darum, den Aufwind zu nutzen und die schon entwickelten neuen Produkte schnell auf den Markt zu bringen.

Auch andere Start-ups schreiben gute Zahlen: Reishunger, seit 2011 am Markt, hat mittlerweile 60 Mitarbeiter und wird nach eigenen Angaben voraussichtlich in diesem Jahr fünf Millionen Euro Umsatz machen. Birgitta Schulze van Loon machte mit ihren 2011 erstmals produzierten Piekfeinen Bränden aus der Überseestadt 2015 mehr als eine halbe Million Euro Umsatz. Auch die wiederbelebte Union-Brauerei in Walle kommt der Nachfrage nach ihren Craftbieren kaum hinterher. „Natürlich können vergleichsweise kleine Start-ups in der Lebensmittelbranche zunächst nicht den Beschäftigungsverlust kompensieren, der durch die Abwanderung großer Unternehmen entsteht“, sagt Thoss von der Handelskammer. „Aber für Bremen ist diese Mischung aus weltbekannten Marken und jungen Start-ups dennoch sehr wichtig.“ Schließlich haben auch die großen Traditionsmarken einmal klein angefangen.

So wie Dirk Ahlers 1962 mit der Gründung der Frosta Tiefkühl-Kontor GmbH. Als sein Unternehmen 2003 wegen seiner Transparenzstrategie hohe Verluste schrieb, war er eigentlich schon im Ruhestand. Er kam zurück, kämpfte mit seinem Team für das neue Konzept, gewann das Vertrauen der Kunden. 2012, neun Jahre nach dem schlechtesten Umsatzjahr der Unternehmensgeschichte, wurde Frosta mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis ausgezeichnet. Die Aktiengesellschaft, deren Ende manche in der Branche schon voraussagten, zählt mittlerweile wieder mehr als 1600 Mitarbeiter an vier Standorten, produziert allein in Bremerhaven 100 000 Tonnen Fisch und Fertiggerichte, machte 2015 einen Umsatz von 440 Millionen Euro. Nächstes Jahr sollen in Bremerhaven 30 neue Mitarbeiter angestellt werden, 6,5 Millionen Euro hat das Unternehmen gerade in eine neue Anlage vor Ort investiert. „Wir haben in Bremerhaven gutes Know-how, ein gereiftes Netzwerk, gute logistische Anbindung“, sagt Jürgen Marggraf. „Und die Politik setzt sich sehr für Industrie und Gewerbe ein.“ Vorteile, die die Frosta am Standort halten. Das Unternehmen hätte nach dem Absatzeinbruch auch umziehen können, ins Ausland vielleicht, wo die Standortfaktoren günstiger sind. Ist es aber nicht. Und das ist nur eine von vielen guten Nachrichten unter einigen schlechten aus der Lebensmittelindustrie in Bremen.

„Was tut Bremen dafür, seine hier beheimateten Marken zu unterstützen?“ Oliver Bartelt, AB-Inbev-Sprecher
„Für Bremen ist die Mischung aus weltbekannten Marken und jungen Start-ups sehr wichtig.“ Frank Thoss, Industrie- und Handelskammer Bremen und Bremerhaven
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