Schiff und Design aus Bremen

Von der Kabine bis zur Kuchengabel

Dass das Design für große Luxusjachten aus Deutschland kommt, hat Seltenheitswert. Beim jüngsten Neubau von Abeking & Rasmussen kommt es sogar aus Bremen - von Focus Yacht Design.
17.01.2020, 05:24
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Von der Kabine bis zur Kuchengabel
Von Peter Hanuschke
Von der Kabine bis zur Kuchengabel

Das Innen- und Außendesign für die etwa 70 Meter lange Jacht von Abeking & Rasmussen stammt vom Bremer Unternehmen Focus Yacht Design.

Tom van Oossanen

Bremen und das niedersächsische Umland gehören mit ihren Werften seit Jahrzehnten zu den weltweiten führenden Standorten, wenn es um den Bau von exklusiven Luxusjachten geht. Von der Stange ist keines der Millionen-Schiffe, die häufig von Scheichs und russischen Milliardären geordert werden. Wer der Eigner der etwa 70 Meter langen Superjacht ist, die bei Abeking & Rasmussen in Lemwerder in dieser Woche aus der Halle transportiert wurde, wird bislang unter Verschluss gehalten. Bekannt ist jedoch, von wem das Innen- und Außendesign für die Superjacht stammt: Das kommt vom Bremer Unternehmen Focus Yacht Design – und das ist etwas Besonderes.

Das sei nicht nur für den Jachtbau an der Weser, sondern für ganz Deutschland recht ungewöhnlich, sagt Thomas Mühe, einer von drei Gesellschaftern bei Focus Yacht Design. In den vergangenen vier Jahrzehnten sei kein deutscher Designer mehr bei Abeking & Rasmussen tätig gewesen, sondern vornehmlich englische oder italienische Gestalter, die in der Welt der Superjachten insgesamt sehr präsent seien. Abgesehen davon, sei ihm nicht bekannt, dass es für Projekte dieser Kategorie in Deutschland überhaupt Unternehmen gebe, die das könnten – gerade wenn es auch darum gehe, sowohl fürs Innen- als auch fürs Außendesign verantwortlich zu sein. Die Ausnahme: Focus Yacht Design mit Sitz am Osterdeich. Und wenn Thomas Mühe so etwas erzählt, klingt das überzeugend und keineswegs arrogant.

Dass Focus Yacht Design den Auftrag bekommen hat, liege einfach daran, "weil wir den Eigner und die Werft mit neuen Ideen überzeugt haben", sagt der 57-Jährige. Und überzeugende Ideen hat das Unternehmen schon mehrfach abgeliefert. "Wir haben auch schon für Abeking & Rasmussen kleinere Projekte gemacht." Allein schon der Einstieg der Bremer ins Designgeschäft sei einzigartig gewesen; so etwas habe es in der Szene kein zweites Mal gegeben.

Gleich im Gründungsjahr 2007 gewann Yacht Focus Design die internationale Ausschreibung für einen Riesenauftrag, den es so noch nicht gab in der Jachtbaugeschichte: Dabei ging es um das Exterieur von gleich sechs 75-Meter langen Jachten. „Wir haben diese Ausschreibung sicherlich deshalb gewonnen, weil es uns gelungen ist, dass die Werft den Vorteil nutzen konnte, eine Art Serie zu fertigen, aber durch unterschiedliche Designelemente keiner der Eigner das Gefühl hatte, nicht ein für ihn extra gefertigtes einzigartiges Schiff zu haben.“

Einzigartig und ungewöhnlich ist auch der Weg hin zu Focus Yacht Design. Eigentlich ist Mühe Jurist, fühlte sich aber früh berufen, etwas anderes zu machen: 1993 gründet er die Bremer Werbeagentur Focus. Einer der Kunden gleich zu Beginn: Abeking & Rasmussen. Diese Geschäftsverbindung mit der Werft existiert auch heute noch – und seit ein paar Jahren gibt es eben auf der Designebene eine Zusammenarbeit. "Meine Partner und ich haben vielleicht auch deshalb Erfolg, weil wir an der einen oder anderen Stelle vielleicht einen ganz anderen Blick auf die Gestaltung von Schiffen haben."

Beim aktuellen Auftrag sei auch noch hervorzuheben, dass „wir ein paar Informationen über den Eigner hatten, dann einen Entwurf erarbeiteten, der mehr oder weniger so geblieben ist.“ Normalerweise gebe es vorher erst sehr intensive Gespräche mit dem Besitzer. Dann habe der eigentliche Prozess im Detail begonnen. „Seit drei Jahren haben wir intensiv mit dem Eigner am Interior gefeilt.“ Dieser Austausch sei ein sehr emotionaler Vorgang. „Man erfährt sehr viel Persönliches – etwa über dessen Schlafgewohnheiten.“ Beim Design gehe es auch um die gesamte Ausstattung vom Jacuzzi, der Anordnung der Schlafkabinen bis hin zur Kuchengabel. „Hinzu kommt, dass man im Grunde genommen zwei Häuser in einem plant – es gibt den Bereich des Eigners und den der Crew, der quasi im Verborgenen integriert wird. Ein Beispiel: Es gibt zwei Treppenhäuser, ein sichtbares und ein unsichtbares.“ So ein Schiff werde am Ende immer ein sehr individuelles Einzelstück, das fängt beim Außendesign schon beim Verlauf der Rumpflinie an. „Jeder Eigner möchte in diesem Preissegment ein Schiff mit persönlicher Note bekommen.“

Was und wo an Ausstattung hinkommen soll, werde alles samt Kostenrahmen in einem kleinen schwarzen Buch festgehalten, sagt Mühe. "Und über den Inhalt tauschen wir uns dann intensiv mit der Werft aus." Das Schiff sei voll mit Technik ausgerüstet oder Rohrleitungen gefüllt. "Das, was wir vorhaben, darf die Funktionalität in keinster Weise beeinträchtigen." Der überschaubare Kreis an Werften, die in diesem Bereich tätig seien – der Champions League – wie Abeking & Rasmussen oder Lürssen "bauen keine Schiffe, die nicht funktionieren. Das Ding muss sitzen." Es wäre eine Katastrophe, wenn sich etwa herausstelle, dass das Schiff vibriere. "Alles an Ausstattung und Design muss im Einklang mit der Technik sein." Das zu realisieren, sei die große Herausforderung, aber mache jedes Projekt einzigartig und spannend.

So ein Bau erfordere einen ständigen, regelmäßigen Austausch aller Beteiligten. „Da war natürlich in diesem Fall auch noch sehr angenehm, dass wir dafür nicht wie sonst häufig fliegen mussten.“

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