Systemtechnik made in Bremen Von Lasern und Robotern

Made in Bremen: Schulz Systemtechnik entwickelt Sondermaschinen und Automatisierungslösungen.
16.04.2017, 00:00
Lesedauer: 6 Min
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Von Tobias Meyer

Schulz Systemtechnik made in Bremen. Diese entwickelt Sondermaschinen und Automatisierungslösungen.

Ein Fingertippen, und der Raum verändert sich. Kaum hat Ralf Soltwedel den Präsentationsmodus auf seinem iPad angeklickt, senkt sich ein Beamer aus der Decke, dimmt sich das Licht, fahren die Jalousien herunter. Ein vollautomatischer Prozess, optimiert auf den Anwendungsbedarf. Und Automatisierung – das ist das Kerngeschäft der Firma Schulz Systemtechnik.

Es ist 1954, als die Brüder Heinrich und Walter Schulz einen Elektronik-Laden im niedersächsischen Örtchen Visbek eröffnen. Zehn Jahre später stellt Heinrich Schulz, der mittlerweile alleiniger Inhaber der Firma ist, erste Lüftungssteuerungen für Stallanlagen her. Die Technik dafür muss er zunächst noch aus Amerika importieren. Und schnell merkt er: Automatisierung, Industrie 3.0 – das ist der Markt.

"Dann übernehmen Sie die Geschäftsführung"

Weil er Anlagen für Ställe entwickelt, kommt er zum Tiernahrungsbereich, stellt Maschinen zum Mischen und Dosieren her; weil er jetzt sowieso schon im Tierfuttergeschäft ist, kümmert er sich auch um Lösungen für die Nahrungs- und Genussmittelbranche; weil er sich dafür auch mit Chemie und Explosionsschutz auskennen muss, steigt er ins Pipelinegeschäft ein, und es ist nur logisch, dass der nächste Schritt in die Energiebranche folgt. Eigentlich ist es so: Aus einer Sache, die Schulz anfängt, entsteht eine neue.

Als Ralf Soltwedel 2007 bei Schulz Systemtechnik einsteigt, ist Automotive gerade das große Ding. Der 48-Jährige hat seit seiner Ausbildung bei AEG gearbeitet, ist vom Elektriker zum Vertriebsleiter aufgestiegen, und will jetzt einfach mal etwas anderes machen, mehr mitentscheiden dürfen. Für Schulz soll er sich um das Thema Automotive kümmern, und einer der Kunden ist Daimler.

„Daimler hat zu mir gesagt: Wenn ihr mehr als eine Millionen mit dem Bremer Werk drehen wollt, dann müsst ihr vor Ort in Bremen sein – sonst wird das nichts’“, erinnert sich Soltwedel. Also geht er, der gerade einmal drei Monate im Unternehmen ist, zu seinem Chef und schlägt vor, dass dieser einen neuen Standort in der Hansestadt eröffnet. „Der sagte nur: ‚Ich muss da nochmal eine Nacht drüber schlafen.’ Am nächsten Tag kam er zu mir und meinte: ‚Wir können das schon machen. Aber dann übernehmen Sie die Geschäftsführung.’“ Soltwedel kann es kaum glauben: Eben war er noch in der Probezeit, nun soll er einen ganzen Betrieb leiten – den es noch nicht einmal gibt. „Das war eine unglaubliche Ehre und ein großer Vertrauensvorschuss“, sagt Soltwedel. Ein halbes Jahr später, am 1. Januar 2008, eröffnet im Gewerbepark Hansalinie Schulz Systemtechnik mit 20 Mitarbeitern auf 400 Quadratmetern Fläche.

Stetiges Wachstum

2017 ist die Zahl der Angestellten zehnmal so hoch. 30 Millionen Euro Umsatz, mal mehr, mal weniger, aber stetiges Wachstum. Im vergangenen Jahr hat Schulz Systemtechnik 200 Meter weiter eine neue Produktionshalle gebaut, 2500 Quadratmeter. „Und wir planen jetzt schon für die nächste Erweiterung“, verrät der Geschäftsführer. Automatisierungslösungen sind gefragt, die zunehmende Digitalisierung verändert die Betriebe. Ideale Bedingungen für den Bremer Standort, der auf Industrieautomatisierung und Robotertechnik spezialisiert ist.

Was das heißt, zeigt Soltwedel bei einem Rundgang durch die Firma. Hinten, in der Ecke der Fertigungshalle, steht ein ehemaliges Sushi-Förderband, das Azubis zu einem automatisierten Biertresen für Firmenfeiern umgewandelt haben. Nichts, was in Serie geht, betont Soltwedel lachend. „Aber das zeigt: Unsere Mitarbeiter haben Spaß an der Technik.“ Genau wie der Diplom-Ingenieur selbst, sein ganzes Leben schon: Als Kind experimentierte er mit Fischertechnik, bastelte eine Eierköpfmaschine, die beim Familienfrühstück zum Einsatz kam. Heute baut seine Firma riesige Anlagen, die Eier stapeln können – ohne dass sie zu Bruch gehen.

Ersatz für den Menschen

Der Sondermaschinenbau ist ein besonders wichtiger Umsatzmotor für die Bremer. Soltwedel steht vor einem rechteckigen Kasten, doppelt so hoch, vier Mal so lang wie er, dessen Scheiben mit dunkler Folie beklebt sind. Innen sind zwei Roboterarme installiert, mit speziellen Greifern vorne dran. Über ihnen hängen Kameras, die auf einen großen Drahtkorb gerichtet sind. „Mittels des Vision-Systems und Laser wird ermittelt, welcher Gegenstand im Korb obenauf liegt“, erklärt Soltwedel.

Die Daten werden an den Roboter übertragen, sodass dieser die einzelnen Teile in dem Schüttgut orten und greifen kann. „Eine Arbeit, die in der Regel noch immer von Menschen gemacht wird und unglaublich belastend für den Körper ist.“ Schulz Systemtechnik will mit seiner Griff-in-die-Kiste-Anlage und der ebenfalls im Haus entwickelten Software dafür sorgen, dass diese Aufgabe künftig vollautomatisiert ausgeführt werden kann. Die Zuteil-Maschine soll ein weiteres Roboter-Serienprodukt werden, mit dem das Unternehmen an den Markt gehen will.

Immer einen Schritt voraus sein

Ein weiterer Schritt, um sich gegen Krisen abzusichern. Die haben Schulz Systemtechnik in der Vergangenheit zwar wenig anhaben können, weil die Firma nach eigenen Angaben durch die Branchenvielfalt relativ unabhängig agieren kann, wie Soltwedel betont. „Aber Automatisierung ist ein Markt, der sich schnell bewegt. Man muss immer einen Schritt voraus sein.“ Auch deswegen prescht das Unternehmen beim Thema Industrie 4.0 voran, mit einer eigenen IT-Entwicklungsabteilung, die unter anderem Softwarelösungen für die digitale Fabrikplanung und Datenbrillen schafft.

Aber: Automatisierung ist kein vorbehaltloses Thema, das merkt Soltwedel immer wieder. „Wer Maschinen baut, die menschliche Tätigkeiten übernehmen, ist schnell der Böse“, sagt der Vater von zwei Kindern. „Aber wer genauer hinschaut, der sieht: Durch unsere Anlagen entstehen bessere Arbeitsplätze. Statt einfacher, teils stupider oder körperlich schwerer Arbeit sind dann qualifiziertes Know-how in den Bereichen IT und Technik gefragt und Menschen, die Roboter steuern und kontrollieren.“

In einem Hochlohnstandort wie Deutschland seien Robotik und Automation auch Schlüssel für Wettbewerbsfähigkeit und wirtschaftlichen Erfolg. „Laut einer Studie der London School of Economics gehen etwa zehn Prozent der Zuwächse beim Bruttosozialprodukt und 15 Prozent der Produktivitätsgewinne auf den vermehrten Einsatz automatisierter Lösungen zurück.“ Dem Weltroboterverband IFR zufolge ist Deutschland nach Korea und Japan das Land, in dem die meisten Industrieroboter eingesetzt werden.

Forschen, schulen, entwickeln

Auf 10 000 Arbeitsplätze im verarbeiten Gewerbe kommen im Schnitt 282 Roboter. „Wenn sich Unternehmen entscheiden, in automatisierte Anlagen zu investieren, steigert das meist die Wettbewerbsfähigkeit, und es bedeutet nicht selten, dass es mit einer langen Zukunft und neuen Produkten insbesondere am Standort Deutschland plant“, sagt Soltwedel. Das jedenfalls sei seine Meinung zu dem Thema.

Nicht immer muss Schulz Systemtechnik komplett neue Lösungen finden – oft geht es auch um die Erweiterung von Anlagen oder darum, Maschinen effizienter zu machen. Kunden werden vor Ort im Umgang mit Robotik geschult, und auch Studenten können hier forschen und entwickeln.

Tatsächlich aber gibt es wenige reine Akademiker am Bremer Standort – das habe etwas mit der Philosophie zu tun, aber auch mit der Einsatzfähigkeit der Mitarbeiter. „Sehr gute Erfahrungen haben wir mit Menschen, die eine praktische Ausbildung als Basis haben“, sagt Soltwedel, der selbst erst eine Lehre absolviert und dann studiert hat. „Bei uns gibt es keine Handvoll Leute, die nur studiert haben.“ Das Unternehmen bildet dual aus – für den Eigenbedarf. „Wir haben bislang jeden Azubi übernommen.“

Chance für Mitarbeiter

Und: Die Angestellten sollen sich ausprobieren dürfen. „Schulz Systemtechnik ist nur so groß geworden, weil Mitarbeitern Chancen gegeben werden – so wie mir damals eine Chance gegeben wurde.“ Heute beschäftigt das Unternehmen international mehr als 1000 Menschen an 14 Standorten. „Wir sind zum Beispiel auch nur der größte Hersteller von Biogasanlagen in Europa, weil einer unserer Mitarbeiter die Idee für eine Lösung in der Branche hatte.“ Bislang wurden Patente im zweistelligen Bereich für Mitarbeitererfindungen eingereicht.

Und so ist es nicht unwahrscheinlich, dass Schulz Systemtechnik schon bald den nächsten Geschäftsbereich für sich entdeckt. Derzeit liegt die Digitalisierung im Fokus. „Aber wer weiß, wo wir in ein, zwei Jahren unsere Finger im Spiel haben“, sagt Soltwedel. Man sieht ihm an, dass er selbst kaum abwarten kann, wohin es geht. Und wie schnell sich etwas ändern kann, hat er ja selbst erlebt: damals, als er in der Probezeit zum Geschäftsführer gemacht wurde.

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