Bremen VW-Haustarif trotz Diesel-Skandals

Mehr Verantwortung für die Konzernmarken, bessere Renditen, flachere Hierarchien, Elektromobilität und Digitalisierung: Die geplante neue Konzernstrategie 2025 von Konzernchef Matthias Müller stellt Volkswagen mitten in der Dieselkrise vor eine umfassende Erneuerung. „Wenn wir jetzt die richtigen Dinge tun, und wenn wir sie richtig tun, dann hat unser Unternehmen großartige Chancen für die Zukunft.
21.05.2016, 00:00
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Mehr Verantwortung für die Konzernmarken, bessere Renditen, flachere Hierarchien, Elektromobilität und Digitalisierung: Die geplante neue Konzernstrategie 2025 von Konzernchef Matthias Müller stellt Volkswagen mitten in der Dieselkrise vor eine umfassende Erneuerung. „Wenn wir jetzt die richtigen Dinge tun, und wenn wir sie richtig tun, dann hat unser Unternehmen großartige Chancen für die Zukunft. Davon bin ich überzeugt“, sagte Matthias Müller am Freitag bei einer nicht öffentlichen Managertagung vor Führungskräften in Wolfsburg.

„Ein Unternehmen dieser Größe, dieser Internationalität und Komplexität kann man nicht mit den Prinzipien und Strukturen von gestern steuern – so erfolgreich diese auch gewesen sein mögen“, betonte Müller. Volkswagen müsse schneller, agiler, unternehmerischer werden. Angesichts der drohenden Milliardenkosten infolge der weltweiten Abgasmanipulationen bei mehr als elf Millionen Dieseln müsse vor allem auch die Kosteneffizienz „deutlich verbessert werden“. Grundlage dafür sei es, dass die Marken im Konzern mehr Verantwortung übernehmen.

Zur neuen Strategie zählt auch, dass die Elektromobilität bei VW, wie auch bei anderen großen Autobauern, deutlich mehr Gewicht bekommen soll. Der Konzern steckt sich dazu ein erstes Verkaufsziel. Im Jahr 2025 will Volkswagen mit seinen Marken VW, Audi, Porsche & Co. eine Million reine Elektroautos und Hybridfahrzeuge verkaufen, sagten Unternehmensvertreter. Jedes zehnte verkaufte Auto hätte damit nach heutigem Stand einen Batterieantrieb an Bord.

Die neue VW-Strategie soll die bislang gültige, von Müllers Vorgänger Martin Winterkorn geprägte Marschroute ablösen. Dem Vernehmen nach sollen die Pläne im Sommer vorgestellt werden. Unklar ist aber, ob dies noch vor der Hauptversammlung am 22. Juni in Hannover sein wird.

Unterdessen wies die Dachgesellschaft Porsche SE als VW-Großaktionär einen Bericht über einen angeblichen Machtkampf bei Volkswagen zurück. „Es gibt und gab keinen Machtkampf der Großaktionäre bei Volkswagen“, sagte ein Sprecher der Porsche SE am Freitag in Stuttgart. „Die Porsche SE unterstützt gemeinsam mit den beiden Großaktionären Niedersachsen und Katar den Volkswagen-Vorstand bei der Bewältigung der Abgasthematik und der Neuausrichtung des Konzerns.“

Zuvor hatte das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ berichtet, die Familien Porsche und Piëch hätten die Entmachtung des Landes Niedersachsen bei VW vorbereitet. Das Land hat mit 20 Prozent der Stammaktien ein Vetorecht bei allen wichtigen Entscheidungen. Die Stimmrechte bei der Porsche SE liegen komplett in den Händen der Familien Porsche und Piëch.

Hintergrund ist eine Debatte über die Zahlung einer Dividende für das vergangene Geschäftsjahr. Die VW-Spitze hatte sich trotz der Milliardenbelastungen durch den Abgasskandal dazu entschieden, dennoch eine eine Dividende zu zahlen. Eine Regelung besagt aber, dass die bisher stimmrechtslosen Vorzugsaktien bei VW stimmberechtigt werden, wenn der Autobauer zwei Jahre hintereinander keine Dividende zahlt. Der Anteil Niedersachsens würde sich dadurch laut „Spiegel“ fast halbieren, das Vetorecht wäre weg.

Im VW-Aufsichtsrat hatten die Vertreter der Familien Porsche und Piëch sowie zwei Vertreter Katars dafür gestimmt, dass für 2015 keine Dividende bezahlt wird. Dafür stimmten aber die zwei Vertreter Niedersachsens und die zehn Arbeitnehmervertreter. Der Grund sei aber keine geplante Entmachtung Niedersachsens gewesen. Vielmehr hätten die Familien das Geld in der VW-Kasse behalten wollen. Die Darstellung des Magazins „Spiegel“ sei eine „Überinterpretation“, hieß es in den Konzernkreisen.

Unterdessen erhalten die 120 000 Beschäftigten trotz Diesel-Skandals im VW-Haustarif spürbar mehr Geld. Die Tarifeinkommen steigen in einem ersten Schritt ab September um 2,8 Prozent und ab August nächsten Jahres um weitere zwei Prozent. Damit kopiert Volkswagen im Wesentlichen die jüngst erfolgte Einigung im Flächentarif der Metallbranche. „Die VW-Mitarbeiter zahlen nicht mit für die Krise“, sagte IG-Metall-Verhandlungsführer Hartmut Meine zur Bekanntgabe der Ergebnisse am Freitag in Hannover. Der neue Vertrag läuft 20 Monate bis Anfang 2018 und justiert auch die Regeln der Altersteilzeit neu.

Die Einkommen der 120 000 Haustarif-Mitarbeiter steigen über die gesamte Laufzeit je nach Eingruppierung um mindestens rund 100 Euro brutto pro Monat. In den höchsten Tabellenstufen, etwa für erfahrene Akademiker, ziehen die Einkommen über die zwei Stufen um gut 330 Euro brutto pro Monat an.

Das Ergebnis war mit Spannung erwartet worden, vor allem weil der Konzern mit der Diesel-Affäre in seiner größten Krise steckt. Meine sagte, in den schwierigen Zeiten bei VW sei es ein guter Kompromiss, der das Unternehmen nicht überfordere. IG-Metall-Chef und VW-Aufsichtsrat Jörg Hofmann sagte: „Mit dem erzielten Tarifergebnis ist ein wichtiges Zeichen gesetzt – die Beschäftigten erhalten einen fairen Anteil für ihre gute Leistung und sie müssen nicht für die Fehler des Managements zurückstecken.“

Im Vergleich zum jüngst ausgehandelten Metall-Flächentarif gibt es feine Unterschiede beim VW-Haustarif. So fließt in der Fläche eine Einmalzahlung von 150 Euro, im VW-Haustarif sind es 200 Euro Zuschuss für die Rente. Die Laufzeiten der zweistufigen Entgelterhöhung sind zudem nicht deckungsgleich, ebenso ist die Gesamtlaufzeit bei VW mit 20 Monaten bis Ende Januar 2018 einen Monat kürzer als in der Fläche. Damit rangiert VW bei der nächsten Verhandlung nur noch einen Monat hinter den Kollegen in der Metall- und Elektro­branche. Die Tarifparteien verlängerten die Altersteilzeitregel bis zum Jahr 2022 und setzten teils neue Leitlinien. Das neue Modell greift für die Jahrgänge 1967 und älter.VW-Personalvorstand Karlheinz Blessing sagte, die neue Regel sei nun individueller zuzuschneiden auf den Bedarf des Unternehmens und erhöhe so die Flexibilität.

Der VW-Haustarif ist Deutschlands größter Firmentarif. Er gilt in den sechs westdeutschen VW-Werken Emden, Hannover, Wolfsburg, Salzgitter, Braunschweig und Kassel sowie bei der Finanztochter aus Braunschweig. Die 120 000 Mitarbeiter repräsentieren jede fünfte Stelle im Konzern.

„Unser Unternehmen hat großartige Chancen für die Zukunft.“ Konzernchef Matthias Müller
„Die VW-Mitarbeiter zahlen nicht mit für die Krise.“ Hartmut Meine, IG-Metall
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