Vorbild Italien

Warum das Abschaffen von Kleingeld sinnvoll sein könnte

Italien will die Ein- und Zwei-Cent-Münzen abschaffen. In Deutschland ist dieser Schritt bisher kein Thema - obwohl er Vorteile für Händler und Kunden bringen kann.
29.05.2017, 21:13
Lesedauer: 3 Min
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Warum das Abschaffen von Kleingeld sinnvoll sein könnte
Von Lisa Boekhoff

Italien will die Ein- und Zwei-Cent-Münzen abschaffen. In Deutschland ist dieser Schritt bisher kein Thema - obwohl er Vorteile für Händler und Kunden bringen kann.

Botticellis Geburt der Venus und das Kolosseum haben noch einmal Glück gehabt. Doch für das Castel del Monte und die Mole Antonelliana ist Schluss in Italien. Die Bilanzkommission der Abgeordnetenkammer in Rom hat entschieden, die Ein- und Zwei-Cent-Münzen ab dem 1. Januar 2018 nicht mehr zu prägen. Das Kleingeld mit den Wahrzeichen Turins und Apuliens soll abgeschafft werden, weil es für den Handel zu kostspielig ist. Kritisch werden die Centmünzen, die erfahrungsgemäß öfter verloren gehen, zudem gesehen, weil ihre Herstellungskosten ihren Wert deutlich überschreiten. In Zukunft sollen die Preise in Italien auf den nächsten Fünf-Cent-Betrag gerundet werden.

In den Niederlanden und Finnland ist das bereits gängige Praxis. Produkte und Dienstleistungen für 2,99 Euro oder 6,26 Euro gibt es jedoch weiterhin. Grundlage zum Auf- oder Abrunden ist dabei am Ende jedoch nicht der einzelne Posten, sondern die Summe auf dem Kassenbon oder der Rechnung.

Bei den Geschäftsleuten in Bremen ist der Abschied vom Kleingeld dagegen bislang noch kein Thema, sagt Jan-Peter Halves, Geschäftsführer der Bremer Cityinitiative. Ohnehin: In Deutschland sei das Verhältnis zum Bargeld besonders – bis zum kleinsten Cent. "Wir lieben es eben genau." Doch das könne sich dadurch ändern, dass auch hierzulande vermehrt ohne Scheine und Münzen gezahlt werde. "Bargeldloses Zahlen kann durchaus einen Mentalitätswandel bewirken", sagt Halves. Außerdem könne der Weg in Italien zum Vorbild werden. Für den Kunden habe diese Handhabung keine Nachteile, sondern sei eine Erleichterung. Für die Händler sei der Wechsel oder Kauf von Bargeld bei den Banken dagegen teuer: "Händisches Geld kostet."

In Kleve wird gerundet

Kunden, die bei der Sparkasse Bremen Kleingeld wechseln möchten, zahlen dafür seit dem 1. Januar einen Betrag von 6,50 Euro, sagt Sprecherin Nicola Oppermann. Das liege an gestiegenen Kosten, weil die Bundesbank mittlerweile nicht mehr in Bremen, sondern in Oldenburg sitze. Eine kleine Menge Geld – bis zu einer Handvoll – lasse sich jedoch weiterhin umsonst eintauschen. Schon immer gekostet hätten dagegen die Münzrollen für Geschäftskunden je nach Menge fünf oder zehn Euro. "Münzgeld kostet", bilanziert auch Oppermann.

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In Deutschland gibt es erst ein entsprechendes Experiment, das auch wegen dieser Kosten seinen Anfang nahm. "Liebe Kunden, wir runden" heißt es im niederrheinischen Kleve nahe der Grenze. Viele Händler nehmen dort seit Februar vergangenen Jahres kein Kleingeld mehr an. Anstoß gaben zudem die vielen Kunden aus den Niederlanden, sagt Joachim Rasch von der Wirtschaftsförderung der Stadt. "Sie haben vorher an der Kasse oft die Stirn gerunzelt und sich gefragt, was sie mit den Cents sollen. Wir haben damals gedacht, wir probieren das Runden einfach mal aus."

Mehrheit der Deutschen will Kupfergeld abschaffen

Das Ergebnis sei heterogen, sagt Rasch. Einige Händler seien bis heute skeptisch, ob der Kunde sich nicht vielleicht doch übervorteilt fühlen könnte. Eine Umfrage der Hochschule Rhein-Waal sei jüngst jedoch eindeutig gewesen: "Die Bedenken sind unbegründet. Die Kunden begrüßen diesen Weg." Bisher ist allerdings keine andere Stadt nachgezogen. In Deutschland hatte sich vor zwei Jahren bei einer Umfrage eine knappe Mehrheit dafür ausgesprochen, dass Kupfergeld abzuschaffen. Auf die Cents verzichten können Kunden bereits heute in Geschäften, die bei der Aktion "Deutschland rundet auf" mitmachen. Die kleinen Beträge lassen sich dort auf Wunsch für Kinder in Armut spenden.

"Ein Schneeballeffekt hat sich in Kleve bisher nicht eingestellt", weiß auch Jan König, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbands Nordwest. Er hat sich mit den Kollegen zum Experiment ausgetauscht. Das Problem sei, dass es die Münzen immer noch gebe. Solange müsse es für die Menschen die Möglichkeit geben, das Geld loszuwerden. Zudem sei die Sache komplex: Die Kassen müssten umgestellt werden, um den Vorgang für das Finanzamt genau zu dokumentieren. Jedoch ist König überzeugt: "Wenn das von den Kunden angenommen wird, ist das sicher praktisch."

In Italien könnten die kleinen Münzen dagegen bald vor allem einen Zweck haben: Glücksbringer in einem Brunnen zu sein.

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