VW will in Post-Piëch-Zeit Normalität "Warum das alles?"

Drei Wochen Führungsstreit liegen hinter Volkswagen. Vor der Hauptversammlung demonstrierten Konzernchef Winterkorn und Niedersachsens Ministerpräsident Weil Normalität. Doch kaum etwas war normal an dem Tag.
06.05.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Kristina Läsker

Knallgelb glitzert die Ducati im Licht der Halle. „Das ist unser Café-Racer“, sagt Martin Winterkorn, 67, und deutet auf ein schlankes Motorrad, das junge Männer ansprechen soll. Flotte Kerle eben, die mit ihrer Maschine für einen Kaffee durch die Gegend cruisen. „Es geht ums Genießen.“

Der Konzernchef von Volkswagen lacht, und Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Aufsichtsrat neben ihm, Stephan Weil (SPD), stimmt höflich ein. Es ist Dienstagmorgen, die Männer schlendern durch die Messehalle 2 in Hannover und lassen sich Fahrzeuge aller zwölf VW-Töchter (Marken wie VW, Audi, Porsche, Ducati) zeigen. Gleich soll die Hauptversammlung von Europas größtem Autokonzern beginnen, und diese Schlenderei ist sorgsam geplant. Sie ist Teil einer Dramaturgie. Der Konzern sei zur Normalität zurückgekehrt, soll das heißen. Alles wieder friedlich.

Dabei ist an diesem Tag kaum etwas normal. Hinter VW liegen drei Wochen Führungsstreit. Drei Wochen ohne jeglichen Genuss. Geblieben ist ein verwundeter Konzern ohne Chefkontrolleur.

Denn wenn das hier ein normales Aktionärstreffen wäre, würde Großaktionär Ferdinand Piëch durch die Halle schlendern, eingehakt bei Ehefrau Ursula. 1993 hatte „der Alte“, wie sie ihn im VW-Imperium nennen, die Führung übernommen. Damals gab es Millionenverluste, heute beträgt der operative Gewinn 12,7 Milliarden Euro. 2002 wechselte er an die Aufsichtsratsspitze. Mehr als 20 Jahre war Piëch das Gesicht der Hauptversammlung. Doch jetzt ist er weg. Weil er mit einem einzigen Satz eine Intrige gegen Ziehsohn Winterkorn anzettelte („Ich bin auf Distanz zu Winterkorn“), die ihn selbst aus dem Amt fegte. Betriebsrat, das Land Niedersachsen sowie die Großaktionäre der Familie Porsche hatten zu Winterkorn gestanden.

Piëch - weg und doch da

Piëch also ist weg, und er ist doch da. Ständig wird über ihn gesprochen. „Sein Name ist eng verbunden mit dem Aufstieg von Volkswagen zum Weltkonzern“, diktiert Ministerpräsident Weil in die TV-Kameras, bevor er hinter einer Borte aus weißen Hortensien auf das Podium verschwindet. „Sein Rücktritt ist ein Einschnitt in der Geschichte von Volkswagen.“ Dennoch steht der SPD-Politiker zur Demontage von Piëch. Eine „Klärung“ sei nötig gewesen. Doch wie sehr der Machtkampf geschadet hat, sagt er nur indirekt. „Förderlich war es sicherlich nicht“, sagt Weil. Ein norddeutscher Satz voller Understatement, der von dem entsetzlichen Imageschaden erzählt. Nach innen wie nach außen.

So ist auch Berthold Huber um Ruhe bemüht. Bislang war der Ex-Chef der IG Metall nur Aufsichtsratsvize bei VW. Seit Piëchs Abgang leitet er das Gremium kommissarisch und damit auch dieses Aktionärstreffen. Der Arbeitnehmerführer hat gefühlt Hunderte Gewerkschaftstage geleitet. Jetzt ist der 65-Jährige irgendwie auf die andere Seite der Macht gerutscht. Er leitet erstmals eine Aktionärsversammlung. Ein Gewerkschafter soll aufgeregte Aktionäre beruhigen. Verkehrte Welt.

Zwei neue Aufsichtsrätinnen

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Huber beginnt nüchtern. Auch er lobt die Verdienste von Piëch, viele Aktionäre klatschen. Bloß, wer Piëchs Lücke füllen soll und wie er so einen finden wird, sagt Huber nicht. Auch nicht, wie schnell das gelingen könnte. Eines ist klar: Die Suche nach einem Nachfolger wird schwierig. Verdammt schwierig. Ohne Einigung hatten sich die 20 Aufsichtsräte in ihrer Sitzung am Vorabend getrennt. Ob es überhaupt einen Fahrplan zur Suche gibt, verrät Huber nicht. Denn das Ganze ist kompliziert: Vor einer Lösung müssen sich wohl die Porsches und Piëchs wieder annähern. Beiden Clans gehört VW mehrheitlich, ihre Beziehung ist durch den Rücktritt des Patriarchen kräftig abgekühlt.

Mit dürren Worten stellt Huber die zwei neuen Aufsichtsrätinnen der Familien vor. Nach dem Rückzug von Piëch und seiner Frau sind zwei kaum bekannte Nichten Piëchs in den Aufsichtsrat nachgerückt: die 34-jährige Julia Kuhn-Piëch und die 57-jährige Louise Kiesling. Insgesamt sitzen auf Seite der Kapitaleigner nun drei Frauen im Aufsichtsrat. Damit ist die von 2016 an geltende Zielvorgabe von 30 Prozent Frauenanteil schon heute erfüllt.

Dann beginnt der Vorstandsvorsitzende Winterkorn zu sprechen. Es folgen bemühte Worte, an denen mehrere Schreiber lange gefeilt haben. „Dieser Konzern und seine Menschen und auch ich haben Herrn Doktor Piëch sehr viel zu verdanken“, sagt Winterkorn über denjenigen Manager, der ihm vor drei Wochen über die Medien ein Messer in den Rücken gestochen hat. Er habe „großen Respekt“ vor Piëchs Lebensleistung, fügt Winterkorn hinzu – und es ist allenfalls zu ahnen, wie viel Kraft ihn solche Sätze kosten müssen. Sätze, bei denen Enttäuschung oder gar Hass möglichst zu verstecken sind.

So kommen die wenigen offenen Emotionen dieses Treffens nur von Aktionären. Das Vorgehen von Piëch sei „schrecklich unprofessionell“, tadelt Ulrich Hocker von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Etwa 600 000 Mitarbeiter hätten angesichts des Machtkampfs den Atem angehalten, Aktionäre seien verunsichert gewesen, ruft der Aktionärsvertreter in das Mikro und endet mit einer Frage, auf die kein Manager oder Aufsichtsrat antworten will: „Warum das alles?“

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