Über das SUV-Image

Was die Deutschen die Klimadebatte vergessen lässt

Ein SUV ist bequem, groß und gibt einem das Gefühl von Sicherheit. Die Vorzüge machen die Nachteile schnell vergessen. Keine andere Art von Auto wurde zuletzt häufiger neu zugelassen.
10.09.2019, 22:07
Lesedauer: 4 Min
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Was die Deutschen die Klimadebatte vergessen lässt
Von Jürgen Hinrichs
Was die Deutschen die Klimadebatte vergessen lässt

Herausragend: Ein SUV findet am Dienstagnachmittag im Bremer Parkhaus Pressehaus kaum Platz in der Parkbucht.

Bernd Kramer

Der Wagen ist neu, und er ist schön. Groß, fast dick, ist er auch, aber das passt, so soll es sein. Man sitzt bequem und sieht gut, ein bisschen zwar von oben herab, aber das ist es ja gerade. Ein Gefühl von Sicherheit, das, nur das, und wahrlich keine Geisteshaltung, wie behauptet wird. So sagt es der Fahrer. Hat er recht?

Der Mann steht wie die anderen Besitzer dieser Autos gerade am Pranger, denn ein SUV, was man übersetzen kann, wie man will, weil das Kürzel auch in der Langfassung nicht viel Klarheit bringt, oder was soll das heißen: Sport Utility Vehicle? Ein SUV also gilt als das schlechthin Böse auf deutschen Straßen. ­Deshalb schon, weil er wegen seines Gewichts und des starken Motors die Luft mit mehr Kohlendioxid verpestet, als es andere Autos tun. Aber auch darum, weil er so viel Platz wegnimmt. Und nun birgt diese Gattung obendrein noch tödliche Gefahren, wie flugs aus dem schrecklichen Unfall in Berlin abgeleitet wird.

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Dieser Wagen, dieser eine, ist deswegen aber nicht weniger schön. Und er ist praktisch. Und notwendig. Sport Utility Vehicle – das Utility trifft in diesem Fall zu. Die 195 PS unter der weißen Haube und das robuste Chassis sind zu etwas nütze. Kraft, die Pferde zieht, zwei Tonnen, die regelmäßig bewegt werden müssen.

Ehrlicherweise ist das aber die Ausnahme, eine Seltenheit, denn normalerweise hat ein SUV nur die eine praktische Aufgabe: möglichst bequem und sicher von A nach B zu kommen. Meistens in der Stadt, wo kein Gelände zu bewältigen ist, selten Matsch auf der Straße liegt oder gar Geröll. In diesen Gefilden, das ist wahr, ist so ein Wagen ohne Anhängerkupplung und schwere Last hintendran eigentlich eine Fehlbesetzung.

Steigerung von 11,1 Prozent

Und doch werden sie gekauft und gefahren wie nichts anderes auf dem Automarkt. Nach Zahlen des Kraftfahrtbundesamtes gab es in der Kategorie SUV im August eine Steigerung von 11,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Mehr noch: Das erste Mal wurde die Spitzenposition erreicht. Keine andere Art von Auto ist häufiger neu zugelassen worden. Der SUV-Anteil lag im August bei 22,2 Prozent. BMW verkauft mittlerweile jeden zweiten Wagen in dieser Kategorie. Die Kompaktklasse, das bisher stärkste Segment, verlor dagegen deutlich und belegte im gleichen Monat mit nur noch 18,9 Prozent der Gesamtzulassungen den zweiten Platz.

Irgendetwas muss es sein, was die Deutschen die Klimadebatte vergessen lässt und sie immun macht gegen das negative Image der Autos mit den breiten Reifen. Experten wie Ferdinand Dudenhöfer vom Center Automotive Research (CAR) wissen, das SUVs überwiegend von älteren Fahrern gekauft werden. Naheliegend, dass man dabei vor allem an zwei Aspekte denkt: Komfort und Sicherheit. Der Einstieg ist höher, die Sicht besser. Als Verkehrsrowdys, so Dudenhöfer, fallen solche Fahrer nicht auf. Er bezieht sich auf Statistiken, und in der Tat ist es so, dass SUVs deutlich seltener in Unfälle verwickelt sind als andere Fahrzeugtypen.

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Darauf beschränken lässt sich das Phänomen SUV aber nicht, dass der Wagen seniorengerecht ist. Es gibt andere Aspekte, die von den Fachleuten angesprochen werden. Sie sind nicht wirklich messbar, taugen gebündelt möglicherweise aber als Profil: Wer fährt die SUVs und warum?

Der Wirtschaftspsychologe Rüdiger Hossiep hat sich früh mit dem Thema befasst und im Interview mit der Deutschen Presseagentur (dpa) ein starkes Wort gebraucht: „Man kann das Auto als gepanzertes Selbst verstehen“, erklärt der Wissenschaftler, „ich kann mich mit einem SUV stärker von der Außenwelt abschotten und transportiere gleichzeitig etwas nach außen.“ Der Wagen erzeuge so etwas wie ein Überlegenheitsgefühl.

Statussymbol für die ältere Generation

Letztlich sei das Auto ein Rückzugsort zum Mitnehmen, gerade in Zeiten, in denen der Straßenverkehr immer enger und ruppiger werde. „Fahren Sie mal mit einem Kleinstwagen und anschließend mit einem großen SUV rum. Sie werden völlig andere Erfahrungen im Verkehr machen. Mit dem SUV lassen Sie die anderen Leute ziemlich in Ruhe.“ Schließlich, so Hossiep, sei es auch hier wie schon immer mit den Autos: Sie sind ein Statussymbol, nicht mehr für die junge, wohl aber für die ältere Generation: „Wenn sich Waltraud oder Dieter einen Tiguan kaufen, hätte ich auch gern einen.“

Am Donnerstag beginnt in Frankfurt die Internationale Automobil-Ausstellung, das Hochamt der Branche. Umweltschutzverbände wie Greenpeace haben Proteste angekündigt, für sie ist ohne Zweifel, dass SUVs im Widerspruch zum Pariser Klimaschutzabkommen stehen. „Auf der IAA werden Klimakiller gefeiert“, sagt eine Greenpeace-Sprecherin. Eine klare Front, die da aufgemacht wird, doch es gibt Experten, die dieses Schwarz-Weiß-Bild nicht nachzeichnen wollen.

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Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach plädiert dafür, genauer hinzuschauen. „SUVs, und damit meint man meist die großen, sind Symbole der alten Automobilwelt, die auf Geschwindigkeit, Leistungsstärke und Größe abgehoben hat“, sagte Bratzel am Dienstag in einem Gespräch mit dpa. Unter Umweltgesichtspunkten seien diese Fahrzeuge nicht ideal. Bei kleinen, kompakten SUVs liege der Fall anders. „Wenn das Neufahrzeuge sind, haben sie einen vergleichsweise geringen Verbrauch. Und wenn sie nicht hochgezüchtet sind, ist auch die Leistung nicht so hoch.“

Sinnwidrig das eine, meint Bratzel, wenn die Fahrer sich in brockengroßen Modellen, die ein paar hundert PS auf die Straße bringen, durch die Stadt bewegen. Mit einer Leistung, die sie dort gar nicht abrufen können. „Das ist schon ein Widerspruch, der aber bei vielen Käufern unheimlich gut ankommt.“ Und vertretbar das andere, wenn es kleine SUVs sind, die dem Klima weniger schaden, auch deshalb, weil sie neu sind.

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