Weltraumbahnhof in der Nordsee

Wie Bremerhaven von Raketenstarts profitieren könnte

Der BDI will die Nordsee zum Raketenstartplatz machen. Davon könnte vor allem Bremerhaven profitieren. Die Bremer Politik unterstützt das Vorhaben.
14.09.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie Bremerhaven von Raketenstarts profitieren könnte
Von Stefan Lakeband
Wie Bremerhaven von Raketenstarts profitieren könnte

Viel Platz, wenig Menschen: Die Nordsee sei ideal für Raketenstarts, sagt der BDI. Bremerhaven könnte dabei eine wichtige Rolle spielen.

Oliver Paaske

Die Pläne für einen deutschen Weltraumbahnhof in der Nordsee werden immer konkreter. Davon könnte vor allem Bremerhaven profitieren. Von hier aus könnten die Schiffe starten, die die Raketen an ihren Startplatz bringen.

Möglich wird das durch Bestrebungen des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI), der seit gut einem Jahr für einen deutschen Raketenstartplatz wirbt. Nachdem erst der Flughafen in Nordholz dafür im Gespräch war, wird aktuell eine schwimmende Startplattform auf hoher See favorisiert. „Das hätte Signalwirkung und einen unmittelbaren Nutzen für die lokale Wirtschaft“, sagt Matthias Wachter vom BDI.

Das so etwas möglich ist, hat eine Analyse ergeben, die die Bremerhavener Wirtschaftsförderung BIS zusammen mit dem BDI in Auftrag gegeben hat. „Wir haben die maritime Kompetenz“, sagt Bremerhavens Wirtschaftsförderer Nils Schnorrenberger. In den vergangenen Jahren habe man viel Erfahrung in der Offshore-Windindustrie sammeln können – die könne nun auch Raumfahrtfirmen helfen.

Voraussetzungen für Raketenstart untersucht

Wie das konkret aussehen kann, erklärt Oliver Spalthoff, Geschäftsführer von Tractebel DOC Offshore. Das Bremer Unternehmen hat im Auftrag von BIS und BDI untersucht, was die Voraussetzungen für einen Raketenstart aus der Nordsee heraus sind und wie viel er kosten würde. „Dafür habe wir verschiedene Schiffstypen analysiert und potenzielle Widrigkeiten wie Seegang mit in Betracht gezogen“, sagt Spalthoff. In dem untersuchten Szenario dient Bremerhaven als Startpunkt, von dem aus die Raketen auf See gebracht werden. Fazit: „Kurz- bis mittelfristig kann eine Lösung erarbeitet werden.“

Dazu könne man auf bereits existierende Infrastruktur zurückgreifen. Auch hier hat das Bremer Unternehmen verschiedene Möglichkeiten analysiert. Raketen könnten beispielsweise von einer fest in der Nordsee verankerten Plattform starten, etwa von einer umgebauten Ölbohrinsel. „Dies ist allerdings wahnsinnig teuer und kompliziert“, sagt der Geschäftsführer. Szenario zwei sieht vor, dass ein Errichterschiff zum Startplatz wird. Es fährt an die entsprechende Stelle und stützt sich vor Ort auf den Meeresboden auf – und wird so unabhängig vom Seegang. Solche Schiffe kommen bereits beim Bau von Windparks auf hoher See zum Einsatz. Bei der dritten Variante könnten die Raketen ganz normal von einem schwimmenden Schiff aus starten. Diese Möglichkeit, so geht es aus dem Gutachten hervor, das dem WESER-KURIER vorliegt, wird aktuell favorisiert.

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„Ob ein Startplatz kommt, ist keine technische Frage, sondern muss von der Politik entschieden werden“, sagt Wachter vom BDI. Aktuell prüft das Wirtschaftsministerium das Konzept. Denn neben den technischen Voraussetzungen müssen noch weitere Fragen geklärt werden, bis Raketen von der Nordsee aus starten können. So müssen die Auswirkungen auf die Umwelt untersucht werden, genauso mögliche Probleme mit dem Luftraum, der Schifffahrt und den Nachbarländern. Laut Wachter wurden mögliche Probleme bereits in die Planung mit einbezogen. Der potenzielle Startpunkt, der äußersten Rand der ausschließlichen Wirtschaftszone und damit rund 460 Kilometer von Bremerhaven entfernt, liege außerhalb des Naturschutzgebietes Wattenmeer. Zudem werde der Meeresboden nicht angegriffen, wenn man mit einer schwimmenden Startplattform arbeite.

Neben diesen Aspekten muss auch die finanzielle Seite geklärt werden. Die Ausgaben seien vergleichsweise gering. Laut Studie lägen diese bei 22 bis 30 Millionen Euro auf die nächsten sechs Jahre verteilt. Dafür soll der Bund aufkommen, um den Raketenstartplatz aufzubauen. Betrieben werden soll der Startplatz von einer Privatfirma. Nach der ersten Phase könnten laut Konzept Raketenstarts ungefähr 600.000 Euro kosten.

Drei deutsche Firmen würden profitieren

Von so einem Startplatz könnten vor allem drei deutsche Firmen profitieren: Isar Aerospace, Hyimpulse und die Rocket Factory Augsburg. Sie alle bauen sogenannte Microlauncher, kleine Raketen, die kostengünstig ins All starten sollen. Für sie wäre so ein Startplatz in der Nordsee ideal. Dass der Bedarf wächst, daran lässt der BDI keinen Zweifel. Satelliten werden seit Jahren immer kleiner, gleichzeitig wollen immer mehr Firmen ihre Sonden in den Weltraum bringen. Das hat den Markt für Raketenstarts verändert – und wird es noch weiter tun.

Wenn alles nach Plan laufe, so von Wachter, könnten die ersten Starts bereits Ende nächsten Jahres möglich sein. Unterstützung gibt es dafür aus Bremen. „Für das Land Bremen ist eine Microlauncher-Plattform eine gute Perspektive, weil sich hier Raumfahrtkompetenz mit Offshore Technologie verbindet“, sagt Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke). Insbesondere Bremerhaven verfüge über beste Voraussetzungen für die vorbereitenden Montagearbeiten. Hier würden nicht nur die Schiffe starten, auch die Raketen, die aus Süddeutschland kämen, müssten vorbereitet und mit den Satelliten bestückt werden.

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Auch Volker Heigenmooser, Sprecher von Bremerhavens Oberbürgermeister Melf Grantz (SPD), ist zuversichtlich. „Die Kompetenz ist in Bremerhaven schon vorhanden.“ Die Bremer FDP hatte vergangene Woche bereits eine Aktuelle Stunde zum Thema Weltraumbahnhof in der Bürgerschaft beantragt. „Bremerhaven könnte sich als Heimathafen für echte Innovation anbieten“, sagt FDP-Fraktionsvorsitzende Hauke Hilz.

Das glaubt auch Wachter vom BDI. „Eine Startplattform könnte eine Sogwirkung entfalten.“ Weltweit gibt es zunehmend Anzeichen dafür, dass sich die Hersteller von Kleinsatelliten in der Nähe von Weltraumbahnhöfen ansiedeln, um Exportgenehmigungen und Logistikkosten zu vermeiden. Denn je kürzer die Wege für ein Unternehmen werden, desto geringer werden auch die Kosten.

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