Weltpremiere

Weltweit erster Wasserstoffzug startet in Bremervörde

Am Sonntag hat sich der weltweit erste Wasserstoffzug auf seine erste Fahrt begeben. Von Bremervörde aus fuhr er in das 15 Kilometer entfernte Selsingen.
16.09.2018, 20:42
Lesedauer: 4 Min
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Weltweit erster Wasserstoffzug startet in Bremervörde
Von Aljoscha-Marcello Dohme
Weltweit erster Wasserstoffzug startet in Bremervörde

Der umweltfreundliche Wasserstoffzug (links) soll die Dieselbahn (rechts) ab diesem Montag zwischen Cuxhaven, Bremerhaven und Buxtehude ersetzen.

Christian Platz

Blaue Sitze, WLan und eine fast geräuschlose Fahrt. Diese Merkmale zeichnen den Coradia iLint aus, den weltweit ersten Wasserstoffzug. Am Sonntag hat er sich auf Eröffnungsfahrt begeben, von Bremervörde ins 15 Kilometer entfernte Selsingen. „Herzlich Willkommen im Coradia iLint“, tönt es durch die Lautsprecher. „Wir wünschen Ihnen eine angenehme, emissionsfreie Fahrt“.

Ab diesem Montag ist der Zug im regulären Linienbetrieb zwischen Cuxhaven, Bremerhaven und Buxtehude unterwegs. Die Bahnen fahren nicht nur durch Niedersachsen, sie wurden auch dort gebaut. Die Züge stammen aus dem Alstom-Werk in Salzgitter.

„Wir freuen uns, als weltweit erstes Verkehrsunternehmen einen Wasserstoffzug in Betrieb zu nehmen“, sagt Marcel Frank, Geschäftsführer der EVB. Da die Elektrifizierung der Strecke von Cuxhaven nach Buxtehude in naher Zukunft nicht wahrscheinlich sei und die EVB in Bremervörde einen zentralen Standpunkt hat, sei diese Verbindung ideal, um die neue Technologie zu testen.

„Wie umweltfreundlich die neue Technologie tatsächlich ist, hängt nicht vom Hersteller ab, sondern vom Betreiber“, erläutert Markus Hecht, Professor für Schienenfahrzeuge an der Technischen Universität in Berlin. Entsteht der Wasserstoff etwa mithilfe von Windenergie, sei der Zug deutlich klimafreundlicher, als wenn der Wasserstoff mit Erdöl oder Kohle hergestellt wird.

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Zunächst würden die Züge mit sogenanntem grauen Wasserstoff betankt, der aus der Industrie stammt. „Bis 2021 werden wir die Bahnen mithilfe der On- und Offshore-Energie ausschließlich mit grünem Wasserstoff versorgen“, sagt Enak Ferlemann, Beauftragter der Bundesregierung für den Schienenverkehr.

Technologie ist sicher

Zwischen Cuxhaven und Buxtehude sind schon jetzt Züge des Herstellers Alstom unterwegs, die 2003 in Salzgitter gefertigt wurden. Optisch unterscheiden sich die älteren Dieselbahnen kaum vom iLint. Schließlich dienten die Dieselzüge bei der Entwicklung der Wasserstoffbahnen als Vorbild. Entsprechend ist auch das Fahrgefühl sehr ähnlich. Den größten Unterschied zwischen den beiden Modellen gibt es bei der Anfahrt. Dieselbahnen sorgen für viel Krach, wenn sie ihren Motor anlassen. Der iLint hingegen startet leise. Dazu mischt sich kurze Zeit später ein Surren, das beim Beschleunigen lauter und höher wird. Diese Geräuschkulisse ist jedoch gewöhnungsbedürftig.

„Sie können unbesorgt in den Zug einsteigen“, sagt Ferlemann. Unglücke, wie etwa mit dem Zeppelin „Hindenburg“, dessen Wasserstofffüllung sich 1937 entzündete, seien bei dem Zug ausgeschlossen. 300 Ingenieure hätten die Technologie erforscht und entwickelt. Damit sei der Wasserstoffantrieb so sicher wie jede andere Technologie im Bahnverkehr.

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Der iLint verfügt neben den zwei Brennstoffzellen zusätzlich über zwei große Batterien. Diese speichern die Energie, die beim Bremsen entsteht. Außerdem nehmen die Batterien den überschüssig produzierten Strom aus der Reaktion von Wasserstoff mit Sauerstoff auf. „Ohne die Batterien könnte der Zug im Alltag nicht eingesetzt werden“, sagt Hecht. Die Brennstoffzelle brauche eine gewisse Zeit, bis sie Energie erzeuge. Deshalb würde die Bahn beim Beschleunigen zunächst mit Strom aus den Batterien versorgt, bevor auf die Brennstoffzelle umgeschaltet werden kann. Daneben erfüllen die Batterien noch einen Zweck. „Sollte die Brennstoffzelle einmal nicht funktionieren, reicht die Energie der Batterien, um mit dem Zug zumindest bis zum nächsten Bahnhof zu kommen“, sagt Hecht. Je nachdem, wie gut sie geladen ist, könne die Energie sogar bis zur Endstation reichen.

Mit einer Tankladung könne der Zug etwa 1000 Kilometer zurücklegen. „Diese Distanz schafft die Bahn auch im Sommer oder im Winter, wenn Klimaanlage oder Heizung zusätzliche Energie verbrauchen“, sagt Jörg Nikutta, Alsotm-Geschäftsführer in Deutschland und Österreich.

Die Technologie aus Niedersachsen findet auch in anderen Bundesländern Anklang, etwa in Schleswig-Holstein oder in Nordrhein-Westfalen. „Interesse kommt aber nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Ländern wie den USA, Frankreich oder Großbritannien“, sagt Henri Poupart-Lafarge, Präsident von Alstom.

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Der umweltfreundliche Antrieb hat seinen Preis. Das Land Niedersachsen bezuschusst die Anschaffung von 14 Bahnen mit insgesamt 81,3 Millionen Euro. Weitere 8,4 Millionen Euro kommen vom Bund. „Das ist sehr gut angelegtes Geld“, betont Niedersachsens Wirtschafts- und Verkehrsminister Bernd Althusmann.

Wie viel teurer die umweltfreundlichen Bahnen im Gegensatz zu den Dieselzügen sind, ließ Carmen Schwabl, Chefin der Landesnahverkehrsgesellschaft Niedersachsen (LNVG), allerdings offen. „Auf die gesamte Lebensdauer eines Zuges gesehen ist der iLint im Endeffekt günstiger als eine Dieselbahn, trotz des höheren Anschaffungspreises“. Dies läge daran, dass Wasserstoff billiger als Diesel sei.

Weitere Alternative im Test

Der Brennstoffzellenzug ist nicht das einzige Modell, das derzeit als Alternative zur Dieselbahn getestet wird. Daneben wurden auch sogenannte Batterie-Hybrid-Züge entwickelt, die etwa alle 50 Kilometer über einen Fahrdraht aufgeladen werden müssen. „Beide Technologien sollten parallel weiter gepflegt werden. Anschließend kann geschaut werden, ob der Brennstoffzellenzug oder doch der Batterie-Hybrid-Zug sich am Ende durchsetzt“, sagt Hecht.

Nach gut 25 Minuten hatte der iLint Selsingen erreicht. Anschließend fuhr der Zug wieder zurück nach Bremervörde. Von dort aus startet er an diesem Montag um 8.38 Uhr im regulären Linienbetrieb. Insgesamt werden dann bereits zwei Dieselbahnen ersetzt. Damit ist das Wasserstoffzeitalter im niedersächsischen Zugverkehr offiziell eingeläutet.

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