Borgward-Vorstand Ulrich Walker über Bremer Vergangenheit und chinesische Zukunft „Wenn es passt, zitieren wir alte Modelle“

Herr Walker, was für ein Auto fahren Sie?Ulrich Walker: Ganz aktuell fahre ich einen Porsche Cayenne, davor hatte ich eine Mercedes M-Klasse. Aber ich kann es kaum erwarten, meinen Borgward zu fahren.
19.09.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Herr Walker, was für ein Auto fahren Sie?

Ulrich Walker

: Ganz aktuell fahre ich einen Porsche Cayenne, davor hatte ich eine Mercedes M-Klasse. Aber ich kann es kaum erwarten, meinen Borgward zu fahren.

Sie haben lange Jahre für Mercedes gearbeitet. Bis 2013 waren Sie Vorsitzender von Daimler Nord-Ost-Asien. In dieser Region will Borgward nun als erstes durchstarten. Vor welchen Herausforderungen stehen Sie dabei?

Erst einmal müssen wir die Organisation des Unternehmens ausbauen. Dann müssen wir das Produkt, das wir aktuell auf der IAA zeigen, marktreif machen und für eine stabile Qualität in der Fertigung sorgen. Das gilt im Übrigen für jeden Autobauer und zielt auf die Zusammenarbeit mit den Zulieferern und Herstellern ab. Der nächste Schritt wird sein, die Autos in China und in den anderen Ländern erfolgreich zu verkaufen und die Ziele, die wir uns gesetzt haben, zu erreichen.

Borgward-Gründer Carl F. W. Borgward hat einst gesagt: „Es ist keine Kunst, Autos zu bauen. Autos zu verkaufen – das ist die Herausforderung.“ Ihre Ziele sind ambitioniert: Sie haben als Zielmarke ausgegeben, schon bald weltweit eine halbe Million Autos verkaufen zu wollen. Was heißt das konkret?

Dieses Ziel wollen wir mittelfristig erreichen.

Zuvor hatten Sie von 800 000 Fahrzeugen bis 2020 gesprochen. Sind Sie zurückgerudert?

Die von Ihnen genannte Zahl stammt nicht von mir. Daher bin ich auch nicht zurückgerudert. Ich habe immer wieder betont, dass es unser Ziel ist, mittelfristig 500 000 Fahrzeuge zu verkaufen.

À propos Kritik: Auf der IAA sollen die Türen Ihres dort vorgestellten SUV oft geschlossen gewesen sein. Woran liegt’s?

Dieser Eindruck täuscht. Die Fahrzeuge waren alle meist geöffnet. Davon konnten sich bereits an den ersten Tagen die vielen Tausend Besucher überzeugen.

In Bremen ist der Name Borgward mit jeder Menge Emotionen verbunden. Steckt überhaupt noch Bremen im neuen Auto oder in einem der künftigen Modelle?

Es wird ja immer wieder gesagt, dass wir das „Retro“ vermissen lassen. Wir haben aber auch nicht den Anspruch, eine Isabella 2 aufleben zu lassen. Denn wir sind ein Unternehmen und müssen in attraktive, wachsende Segmente einsteigen – das ist für uns der SUV-Bereich. Deswegen haben wir auch schon zwei weitere SUV-Modelle in der Pipeline. Im aktuellen Modell steckt Bremen im Logo, aber auch im Interieur, zum Beispiel in der geschwungenen Form des Cockpits. Es ist schwierig, in einen SUV die Formen der früheren Borgward-Limousinen einzubringen. Vieles geht heute allein schon wegen der Vorschriften nicht mehr. Es ist aber selbstverständlich, dass wir – wo es Sinn macht und es in unser Designkonzept passt – gerne die alten Modelle zitieren.

Dann darf man sich bei der Limousine, für die Sie vor Kurzem den Grundstein gelegt haben, also Hoffnung machen?

Noch einmal: Es wird keine Isabella 2 geben.

Nostalgiker hätte es mit Sicherheit gefreut, wenn Borgward seinen Firmensitz wieder nach Bremen verlegt hätte. Hier sitzen viele Zulieferer und damit potenzielle Geschäftspartner. Warum hat man sich am Ende für Stuttgart entschieden?

Wir haben uns nicht gegen Bremen, sondern für Stuttgart entschieden. Stuttgart ist eine große und wichtige Automobilstadt: Dort gibt es einfach mehr Zulieferer und mehr Fachkräfte, die uns bei Design und Entwicklung unterstützen können.

Wie ist die Beziehung von Borgward zu Bremen heute?

Wir sind ein nach vorne gerichtetes Unternehmen – auch wenn die Geschichte für uns natürlich eine Rolle spielt. Aber wir fokussieren uns nun auf das Auto und auf die Märkte.

Zwischen Ihrem früheren Arbeitgeber Daimler und Ihrem jetzigen gibt es einen großen Unterschied: Mercedes ist bekannt, Borgward nicht. Wie wollen Sie es schaffen, die Marke Borgward – vor allem auf Ihrem ersten Zielmarkt China – bekannt zu machen?

In den 1970er-Jahren, als VW nach China gekommen ist, kannte die Marke auch kein Mensch – das hat sich bis heute drastisch geändert. Es wäre natürlich vermessen zu sagen, dass jetzt schon viele Chinesen Borgward kennen würden. Daran arbeiten wir. Natürlich stimmt es, dass einige Projekte auf dem chinesischen Markt gescheitert sind. Von solchen Projekten unterscheiden wir uns aber insofern, dass wir keine künstliche Marke sind, sondern wir Geschichte haben und eine deutsche Traditionsmarke sind. Das ist in China, aber auch in anderen Teilen der Welt, wichtig. Denn Deutschland steht für Ingenieurskunst, Qualität und Zuverlässigkeit. Diese Attribute helfen uns.

Die Zahlen geben Ihnen zunächst einmal recht: Das Segment SUV ist das am schnellsten wachsende auf dem chinesischen Automarkt. Gleichzeitig gibt es aber einen harten Verdrängungswettbewerb. Wie wollen Sie im Reich der Mitte gegen längst etablierte Platzhirsche wie VW, BMW, Volvo oder Mercedes bestehen?

Der SUV-Markt wächst weiter rasant, und wir sind uns sicher, dass wir ein Stück von dem Kuchen abhaben können. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass dies das einzige Segment ist, in dem sogar lokale Marken eine Chance haben. Die Kunden – die 30- bis 40-jährigen, wohlhabenden Einzelkinder – wollen im Trend liegen. Und SUVs sind im Trend. Diese Kunden legen Wert auf die Marke und sie sind stolz darauf, eine ausländische deutsche Marke zu fahren. In dieses Feld stoßen wir mit unserem Ansatz „accessible premium“, also erschwingliche Premium-Qualität.

Die Wirtschaft in China schwächelt aktuell. Hat das Auswirkungen auf Ihre Markteinführung, die für 2016 geplant ist?

Keineswegs. Jeder Autohersteller plant mittel- bis langfristig und schaut sich die Marktgegebenheiten genau an. Die Märkte in China normalisieren sich gerade. Außerdem ist das Wirtschaftswachstum im Westen des Landes deutlich höher als im Schnitt. Dort gibt es viele Millionenstädte mit sehr viel Aufholpotenzial.

Um eine neue Marke zu etablieren, muss sehr viel Geld in die Hand genommen werden, Autoexperten sprechen von mehreren Milliarden Euro. Hauptanteilseigner von Borgward ist der chinesische Fahrzeugbauer Foton. Bis wann müssen Sie spätestens die Gewinnschwelle erreicht haben, damit Foton weiter hinter Ihnen steht?

Selbstverständlich ist es unser Ziel, so schnell wie möglich profitabel zu werden. Wir setzen dabei vor allem auf qualitatives Wachstum. Gehen Sie davon aus, dass unser Investor einen langen Atem hat

.

Es gehört viel Mut und sehr viel Zeit dazu, einen global aufgestellten Automobilkonzern aufzubauen. Nach all der Kritik der Vergangenheit: Glauben Sie an die Marke Borgward?

Ich habe mir sehr wohl überlegt, ob ich im Ruhestand bleibe und weiter die Füße auf den Tisch lege. Als ich vor einigen Jahren zum ersten Mal nach China kam, hatte Daimler dort insgesamt 17 000 Autos verkauft, heute sind es in einem Monat mehr als 30 000. Ich nehme die sportliche Herausforderung nun an, wohl wissend, dass eine Herausforderung auch immer mit Risiko verbunden ist.

Das Gespräch führte Maren Beneke.

Zur Person: Ulrich Walker (64) hat 35 Jahre in der Autobranche gearbeitet. Im Verlauf seiner Karriere übernahm er leitende Positionen bei der Daimler AG in Bereichen wie Produktion oder Verkauf. Von 2000 bis 2004 war Walker im Vorstand der Mitsubishi Motors Corporation, dann wechselte er zu Smart. Zuletzt war er als Vorsitzender von Daimler Northeast Asia tätig. Im Mai wurde Walker zum Vorstandsvorsitzenden der Borgward Group AG berufen.

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