Expresskassen, Gesichtserkennung

Wie moderne Technologien den Einzelhandel verändern

Wie sich das Shoppingerlebnis verändern könnte, demonstriert Amazon in einem Supermarkt ohne Registrierkassen in den USA. Aber auch in Deutschland gibt es bereits Läden, die mit Technologien experimentieren.
07.02.2018, 20:56
Lesedauer: 3 Min
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Wie moderne Technologien den Einzelhandel verändern
Von Jan-Felix Jasch
Wie moderne Technologien den Einzelhandel verändern

Seit 2008 gibt es bei Ikea die Expresskassen.

imago

Der Einkauf ist erledigt, der Tag war lang. Und dann das: Die Schlange an der Kasse zieht sich durch große Teile des Supermarkts. Was vielerorts nervig sein kann, ist in einem Geschäft in der US-amerikanischen Stadt Seattle Geschichte.

Der Internetversandhandel Amazon eröffnete dort bereits 2016 einen Supermarkt ohne Registrierkassen – „Amazon Go“. Zuerst durften dort nur Mitarbeiter des Konzerns einkaufen, seit Mitte Januar ist er für die gesamte Öffentlichkeit geöffnet. Ursprünglich sollte der Laden bereits Anfang 2017 allgemein zugänglich sein. Da sich jedoch in der Probephase Probleme zeigten, sobald mehr als 20 Personen in dem Laden einkauften, musste der Eröffnungstermin verschoben werden.

Gesichtserkennung: Datenschützer üben Kritik

Aber was macht den Laden so besonders und wie funktioniert er überhaupt? Wer dort einkaufen möchte, benötigt ein Amazon-Profil und muss sich die Amazon-Go-App auf ein Smartphone oder Tablet herunterladen. Beim Betreten des Marktes müssen Kunden lediglich mit ihrem Handy einen Code scannen. Nimmt man nun ein bestimmtes Produkt aus dem mit speziellen Chips ausgestatteten Regalen, wird das Produkt gezählt und gleichzeitig über eine besondere Art der Gesichtserkennungssoftware dem richtigen Kunden zugeordnet. Beim Ausgang muss der Kunde erneut sein Handy mit der Amazon-Go-App an der Schranke einscannen. Dann wird der Kauf abgeschlossen und das Amazon-Konto des Kunden wird mit dem Betrag belastet. Durch das Ein- und Auschecken mittels Smartphones an der Schranke verknüpft die Videoüberwachung den Einkauf mit dem Kontoinhaber. Der Konzern hat für das Verfahren extra ein Patent angemeldet. So einfach und bequem der Einkauf in dem Supermarkt auch sein mag, es regt sich Kritik unter Datenschützern. „Gesichtserkennung ist immer problematisch“, sagte der Bremer Jurist Conrad Conrad.

Bereits das Erfassen und die Verarbeitung von Gesichtsmerkmalen sind in Europa grundsätzlich untersagt. Nach eigenen Angaben verwendet Amazon jedoch ein Verfahren, das allein dreidimensionale Objekte und den Menschen ohne exakte Gesichtsstrukturen erkennt. Nichtsdestotrotz könnten personenbezogene Daten theoretisch auch dann erfasst werden, wenn also das System die Größe, Figur und sonstige besonderen Merkmale erkennt, sagte Conrad. Er befürchtet vor allem, dass Amazon für jeden Kunden individuelle Preise entwickeln könnte. So könnten Preise manipuliert werden, wenn beispielsweise die Beträge für alkoholische Getränke vor dem Sport-Großereignis plötzlich angehoben werden. „Es wäre also sinnvoll, wenn die Preisentwicklung beobachtet werden würde“, sagte ­Conrad.

Nach eigenen Angaben arbeitete Amazon über vier Jahre an dem Konzept. Im Juni 2017 wurde bekannt, dass Amazon bereits nach weiteren Standorten in den USA und Europa sucht. Es ist daher wahrscheinlich, dass Amazon sein Supermarktmodell weiter ausweitet. Auch die Stellenausschreibungen auf der Seite des Internet-Riesen legen das nahe. Dort werden Mitarbeiter für verschiedene Bereiche des Einzelhandels sowie für den Aufbau weiterer Filialen gesucht.

Ikea bietet Expresskassen seit 2008 an

Amazon ist aber nicht der einzige Anbieter, der mit Bezahltechnologien experimentiert: Das IT-Unternehmen IBM hatte beispielsweise ein Modell mit Funketiketten erprobt, scheiterte aber an den Kosten der Etiketten. In Deutschland ist es in einigen Läden möglich, die Ware selbst zu scannen und dann zu bezahlen. In der Regel geht das schneller und spart Personal ein. Das ist übrigens bei Amazon Go noch nicht der Fall, zur Überwachung der Systeme werden mehr Mitarbeiter benötigt als bei einem herkömmlichen Supermarkt.

Die schwedische Einrichtungskette Ikea bietet ihren Kunden bereits seit 2008 die Möglichkeit, die Ware selbst zu scannen und dann per EC- oder Kreditkarte zu bezahlen. Konventionelle Kassen blieben trotzdem bestehen. „Da auf der Fläche von zwei herkömmlichen Kassen vier Expresskassen eingebaut werden können, erhöhte sich die Kassenanzahl insgesamt um die Hälfte“, sagt Ikea-Sprecher Sven Kleuter. Die Expresskassen – wie das Unternehmen sie selbst nennt – werden „zur Ergänzung von hohen Kundenaufkommen zusätzlich geöffnet“, um die Wartezeit für Kunden zur verkürzen.

Ikea: 40 Prozent nutzen die Expresskassen

Die Erfahrungen des Konzerns sind überwiegend positiv. Etwa 40 Prozent der Kunden nutzen die Expresskassen, sagt Kleuter. Ikea führt die hohe Kundenakzeptanz auf den einfachen Vorgang zurück. Mithilfe eines Bildschirms wird der Kunde angeleitet, seine ausgewählten Artikel zu scannen. Dafür steht an jedem Platz ein eigenes Lesegerät zur Verfügung. Danach kann der Verbraucher per Karte bezahlen. Für Ikea-Besucher mit mehr als 15 Artikeln ist das eigenständige Scannen jedoch nicht gestattet. Mitarbeiter überwachen die Kunden und stehen auch bei Rückfragen zur Verfügung. „Es ist unser Ziel, den Kunden das Einkaufen und auch den Bezahlvorgang so einfach und angenehm wie möglich zu machen“, sagte Kleuter. Laut dem Sprecher führen die Expresskassen zu einer schnelleren Abwicklung des Bezahlens für alle Kunden, da es insgesamt mehr Kassen gebe.

Nach eigenen Angaben setzt Ikea die zusätzlichen Mitarbeiter im Verkauf und zur Beratung ein. Also seien durch die Einrichtung der Expresskassen keine Arbeitsplätze in Deutschland weggefallen. Tatsächlich steige die Zahl der Mitarbeiter seit Jahren kontinuierlich.

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