Nachhaltigkeit Wie umweltbewusstes Reisen gelingen kann

Je weiter das Reiseziel entfernt ist, desto schädlicher ist dies für das Klima. Tourismus ist jedoch grundsätzlich eine ökologische Belastung. Wer die Natur schonen möchte, sollte bewusster reisen.
13.09.2019, 22:33
Lesedauer: 5 Min
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Wie umweltbewusstes Reisen gelingen kann
Von Olga Gala

Die Deutschen verreisen gerne – und immer öfter. Im vergangenen Jahr waren so viele Menschen im Urlaub wie noch nie. Mehr als 70 Millionen Urlaubsreisen wurden von den Bundesbürgern unternommen. Laut einer Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen war das eigene Land das beliebteste Ziel. Der Anteil der Deutschland-Urlaube lag 2018 bei 27 Prozent. Aus ökologischer Sicht ist das eine gute Nachricht. Denn wer weit wegfährt, verursacht mehr klimaschädliche Treibhausgas-Emissionen.

Grundsätzlich gilt aber: Tourismus ist eine ökologische Belastung für die jeweilige Region. Zusätzlicher Wasserverbrauch, Gewässerverschmutzung, Veränderungen der Landschaft und Versiegelungen von Flächen sind nur einige der Folgen der boomenden Tourismus-Industrie. „Man kann das nicht auf CO₂ reduzieren“, sagt Ulrike Wachotsch vom Umweltbundesamt. Verreisen ist trotzdem nicht per se schlecht. Für viele Regionen ist die Branche ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Wachotsch betont: „Wir sollten bewusster reisen.“

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Wer die Natur schonen möchte, sollte sich daher überlegen, wohin die Reise geht. Nachhaltig zu verreisen ist mehr als jedem zweiten Deutschen wichtig, Tendenz steigend. Geht es jedoch um die konkrete Urlaubsplanung, sinkt das Umweltbewusstsein. Nur für vier Prozent der Befragten hat die Nachhaltigkeit den Ausschlag bei der Entscheidung des Reisezieles gegeben, heißt es in der Analyse.

Umweltbewusstes Reisen beginnt schon vor der Abfahrt. Beim Gepäck gilt: weniger ist mehr. Schwere Koffer brauchen viel Platz und verursachen durch ihr Gewicht zusätzliche Emissionen. Vor allem sperrige Gegenstände, die mit einem Außengepäckträger am Auto befestigt werden, sorgen für einen höheren Spritverbrauch. „Man kann sich vor der Reise überlegen und nachfragen, was man vor Ort leihen kann“, sagt Wachotsch. Fahrräder, Babybetten, Kinderhochstühle und Wanderausrüstungen gibt es häufig am Urlaubsziel.

Zertifikate können bei der Suche nach einer Unterkunft helfen

Bei der Suche nach der passenden Unterkunft können Zertifikate helfen. Sie stehen für verbindliche Standards etwa beim Umgang mit der Ressource Wasser oder der Entsorgung von Abfall. Das Problem: Es gibt sehr viele dieser Zertifikate am Markt. „Wir können von einer Siegelflut sprechen“, sagt Dirk Dunkelberg vom Deutschen Tourismusverband. Der Verbraucher könne schnell die Übersicht verlieren. Ein gemeinsames Dachsiegel für nachhaltigen Urlaub gebe es bislang nicht. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit steige aber Stück für Stück, betont Dunkelberg. „Wir sind auf einem guten Weg, es gibt viele nachhaltige Angebote.“ Für die Betriebe lohne sich umweltbewusstes Handeln: „Für die Hoteliers rechnet es sich auch wirtschaftlich.“ Webseiten wie „Label-online“ können helfen, sich einen Überblick über die unterschiedlichen Zertifikate zu verschaffen.

Wer Lust hat, neue Menschen kennenzulernen, kann Sharing-Angebote nutzen. Auf der Plattform Couchsurfing etwa bieten Einheimische einen Schlafplatz in der eigenen Wohnung an. Im Gegensatz zu kommerziellen Angeboten wie Airbnb kostet die Schlafgelegenheit in der Regel nichts. Das vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) unterstützte Projekt „Dachgeber – von Radler für Radler“ bietet denjenigen, die sportlich unterwegs sind, die Gelegenheit, bei Gleichgesinnten unterzukommen. Bei kommerziellen Angeboten sei es hingegen wichtig, darauf zu achten, dass die Unterkünfte nicht dem regulären Wohnungsmarkt entzogen wurden, erklärt Wachotsch.

Aus ökologischer Sicht ist die Fahrt zum Urlaubsziel das größte Problem. Laut der Umweltstiftung WWF entfallen auf den Tourismus rund fünf Prozent aller Treibhausgas-Emissionen weltweit. Drei Viertel davon verursacht der Verkehr. Die Zahl der Auslandsreisen und damit auch die der Flugreisen steigt. Dabei ist Fliegen die klimaschädlichste Art, sich fortzubewegen. Das liege nicht nur an dem Ausstoß von CO₂, sagt Daniel Rieger, Verkehrsexperte beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu). Bei der Verbrennung von Kerosin werden weitere Stoffe freigesetzt, die zum Treibhauseffekt beitragen. Keine Frage: Flugzeuge sind ein echter Klimakiller. Ein Linienflug etwa von München nach New York verursacht – je nach Maschinentyp und Auslastung – rund ein bis zwei Tonnen Kohlendioxid pro Fluggast. Zum Vergleich: Mit dem Zug kann ein Reisender 450.000 Kilometer zurücklegen, bis er einen ähnlichen sogenannten CO₂-Fußabdruck hinterlässt.

Wer umweltfreundlicher unterwegs sein möchte, sollte lieber in die Bahn oder in den Fernbus steigen. Sie sind gute Alternativen für Inlandsflüge. Vor allem Billigflüge-Anbieter wie Ryanair stehen wegen ihrer Preispolitik in der Kritik. Einige Politiker, allen voran CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt, fordern, eine Art Strafsteuer auf die Dumping-Preise zu erheben. Im Gegenzug gibt es Überlegungen, Fernreisen mit der Bahn durch eine geringere Mehrwertsteuer billiger zu machen.

CO₂-Ausstoß durch längeren Aufenthalt kompensieren

Wer trotzdem fliegen möchte, sollte länger vor Ort bleiben, erläutert Wachotsch. Häufige Kurztrips hingegen seien eine enorme Belastung für das Ökosystem. Der Reisende hat aber auch die Möglichkeit, den CO₂-Ausstoß seiner Reise zu kompensieren: Er zahlt einen zusätzlichen Beitrag für das Ticket und unterstützt damit bestimmte Klimaschutzprojekte. Das Umweltbundesamt rät aber dazu, sich die Anbieter genau anzuschauen. Die Treibhausgas-Emissionen sollten realistisch berechnet sein und die Projekte entsprechende Qualitätsstandards aufweisen. Das Siegel „Gold Standard“ kann bei der Orientierung helfen. Rieger hält von solchen Angeboten wenig. „Das kaschiert, dass an dieser Stelle echte Maßnahmen fehlen“, sagt der Nabu-Experte. CO₂-neutral werde das Reisen so nämlich nicht.

Doch nicht nur An- und Abreise können das Klima schädigen. „Auch die Mobilität vor Ort kann eine Belastung für die Umwelt sein, wenn sie vor allem mit dem Pkw erfolgt“, sagt Wachotsch. Daher gilt: Möglichst viel zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sein, den ÖPNV nutzen und auf Sharing-Angebote zurückgreifen. Das empfiehlt auch Dunkelberg vom Tourismusverband. Im Schwarzwald etwa gebe es das Angebot, mit einem Ticket für Bus und Bahn die gesamte Region zu bereisen. Solche Angebote sollten ausgebaut werden – im Sinne der Nachhaltigkeit.

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Nachholbedarf bei Kreuzfahrtschiffen

Der Urlaub auf hoher See ist bei den Deutschen so beliebt wie nie. Im vergangenen Jahr reisten 2,26 Millionen Urlauber an Bord von Kreuzfahrtschiffen. Allerdings sind die Touren vor allem in ökologischer Hinsicht ein großes Problem. Die Schiffe fahren überwiegend mit sehr umweltschädlichem Schweröl. Die Stiftung Warentest benotete bei einer Untersuchung der Branche Ende 2018 die Maßnahmen zur Emissionsvermeidung mit „mangelhaft“.

Die Schiffe stoßen große Mengen an Schwefel-, Stickoxid- und Ruß-Emissionen aus. Auch das diesjährige Kreuzfahrt-Ranking des Nabu zeigt: Die meisten Schiffe verzichten auf den Einsatz von Abgastechnik. Auch Rußpartikelfilter, wie sie etwa bei Dieselfahrzeugen zum Einsatz kommen, fehlen in aller Regel. „Auf hoher See haben wir erheblichen Aufholbedarf“, sagt Daniel Rieger, Verkehrsexperte beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu). In den vergangenen Jahren habe sich die Branche zwar weiterentwickelt – die Kreuzfahrtschiffe seien aber nach wie vor eine enorme Belastung für die Umwelt.

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