Verfassungsschutz: Neben IT-Angriffen ist der Faktor Mensch nicht zu unterschätzen

Wie Wirtschaftsspione Firmen überrumpeln

Die deutsche Wirtschaft wird weltweit bewundert. Ihre Geheimnisse und Erfindungen locken aber auch Geheimdienste und Konkurrenten an. Die erfolgreichsten Wirtschaftsspione seien frustrierte Mitarbeiter oder Gäste aus Fernost, sagt der Verfassungsschutz.
29.08.2013, 00:00
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Von Tim Braune
Wie Wirtschaftsspione Firmen überrumpeln

Das Ausspähen von Firmengeheimnissen richtet nach Angaben von Bundesinnenminister Hans-Peter-Friedrich in Deutschland jährlich einen Schaden von etwa 50 Milliarden Euro an. FOTO: DPA

Daniel Reinhardt, dpa

Die deutsche Wirtschaft wird weltweit bewundert. Ihre Geheimnisse und Erfindungen locken aber auch Geheimdienste und Konkurrenten an. Die erfolgreichsten Wirtschaftsspione seien frustrierte Mitarbeiter oder Gäste aus Fernost, sagt der Verfassungsschutz.

Berlin. Der Chinese ist freundlich, schickte tolle Zeugnisse. Das deutsche Forschungsinstitut muss nicht lange überlegen, um den Wissenschaftler aufzunehmen. Nach ein paar Wochen wird der Institutsleiter stutzig. Der junge Kollege ist in seinem Fachgebiet ahnungslos, schleicht in fremden Abteilungen herum, macht viele Überstunden und verlässt auch am Wochenende das Labor nicht. Als der Direktor herausfindet, dass der Forscher systematisch Datenbanken durchsucht, ist es zu spät. Der Verfassungsschutz findet heraus, dass der Gast aus China längst zwei Metall-Werkstücke mit einer neuartigen Beschichtung samt Produktionsdaten in seine Heimat geschickt hat. Adressat: vermutlich der chinesische Geheimdienst.

Nur ein krasser Einzelfall aus der Welt der Wirtschaftsspionage, gepaart mit übler Nachrede zulasten Chinas? Nein, sagt Hans-Georg Maaßen. Der Chef des Inlandsgeheimdienstes schilderte gestern bei einer Konferenz in Berlin den Spitzen der deutschen Wirtschaft am Beispiel aus der Praxis, dass neben IT-Angriffen auf Netzwerke, Computer und Handys der Faktor Mensch nicht zu unterschätzen ist.

Er sei weit davon entfernt, einen Generalverdacht gegen alle 27000 Gastwissenschaftler, Ingenieure und Trainees aus China zu erheben, betont Maaßen diplomatisch. Chinas Nachrichtendienste suchten aber gezielt nach Landsleuten, um sie in Firmen oder an Universitäten einzuschleusen.

Die chinesische Community in Deutschland sei gut organisiert. In ihren Vereinen gelte die Satzung, erworbenes Wissen zur Stärkung der Wirtschaftskraft des Heimatlandes zu nutzen. Peking setze gern Wissenschaftsjournalisten oder Delegationen ein, die beim Firmenbesuch in der Produktion hochauflösende Videos machen. Auch Russland schätze seit Jahrzehnten klassische „Innentäter“, um Behörden und Firmen auszuspähen.

Das hört sich sehr nach Kaltem Krieg an – Amerikaner oder Briten haben kein Interesse an Geheimnissen deutscher Weltmarktführer? Vom obersten Verfassungsschützer kommt ein klares Nein – trotz wochenlanger Enthüllungen über die vermeintliche Internet-Allmacht des US-Geheimdienstes NSA und seiner britischen Pendants. Bis heute gebe es keine Belege für die These, dass westliche Partner Wirtschaftsspionage in Deutschland betrieben, sagt Maaßen. Vielleicht gibt es keine Belege, weil sie so gut sind?

Bei Hacker-Angriffen über das Internet räumt Maaßen nämlich ein, dass oft nicht klar sei, ob Konkurrenzfirmen oder ausländische Geheimdienste dahinterstecken. „Sie hinterlassen im Netz regelmäßig keine Spuren.“ Sicherheitsexperten halten es deshalb sehr wohl für möglich, dass gerade die Militär-Supermacht USA im Flugzeug- und Rüstungsbereich großes Interesse am Airbus-Konzern EADS habe.

Vieles findet im Verborgenen statt. Nur jedes fünfte Unternehmen, das Ziel eines Spionage-Angriffs wurde, zeigt den Vorfall an, fand eine Studie heraus. Die Firmen fürchten Imageschäden und Regressforderungen ihrer Kunden. Oft sind es frustrierte Mitarbeiter, die zu Spionen werden. Es winkt viel Geld – so wurde ein österreichischer Ingenieur, der Steuerungssoftware für Windräder an China lieferte, mit 1,7 Millionen US-Dollar entlohnt. Später kam die dreijährige Haftstrafe.

Regierung und Geheimdienst kritisieren, dass die Wirtschaft weiter sorglos mit ihren „Kronjuwelen“ umgeht. Maaßen erteilt den anwesenden Managern eine kleine Lektion. Er hält sein Nokia-C6-Handy hoch. „Bei Ebay Sofortkaufen für 45,99 Euro.“ Die Kamera ist zerstört worden. Ins Internet kommt das Teil auch nicht. Es hat trotzdem 2000 Euro gekostet. Die Firmenchefs mit ihren teuren Smartphones lächeln mitleidig. Maaßens Modell hat aber einen unschlagbaren Vorteil: es ist abhörsicher. So ein Crypto-Handy kann manchen Deal retten, wenn ein Vorstand im Ausland vertraulich mit seiner Zentrale reden oder simsen kann, ohne dass Geheimdienste oder Konkurrenten live dabei sind.

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