Der Freispruch für den ehemaligen Porsche-Chef ist eine klare Niederlage für die Staatsanwaltschaft

Wiedekings Triumph

„Ich muss jetzt erst mal runterkommen.“ Wendelin Wiedeking, Ex-Porsche-Chef Stuttgart.
19.03.2016, 00:00
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Von Wolf von Dewitz
Wiedekings Triumph

Nach 22 Prozesstagen freigesprochen: Mit einem Einkommen von 100 Millionen Euro jährlich war Wendelin Wiedeking der bestbezahlte deutsche Manager.

Bernd Weissbrod, dpa

Für Wendelin Wiedeking ist es also wohl doch kein juristischer Totalschaden, sondern bloß ein Imagekratzer. Fünf Monate lang saß der Ex-Porsche-Chef immer wieder auf der Anklagebank des Stuttgarter Landgerichts. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft hatten er und sein früherer Finanzvorstand Holger Härter beim Versuch einer Übernahme von Volkswagen 2008 mit gezinkten Karten gespielt. Damals hatte der VW-Börsenkurs heftig geschwankt, Anleger verloren Milliarden. Doch das Gericht sprach die beiden am Freitag vom Vorwurf der Marktmanipulation frei.

22 Prozesstage hatte Wiedeking weitgehend schweigsam neben seinen Anwälten gesessen – der Druck auf den mit 100 Millionen Euro Jahressalär einst bestbezahlten angestellten deutschen Manager muss immens gewesen sein. „Erhebliche Kaltschnäuzigkeit und kriminelle Energie“ hatte ihm die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer vorgeworfen. Wiedeking hörte zu – und schwieg.

Als der 63-Jährige nach dem ungewöhnlich deutlichen Freispruch vor die Presse trat, war ihm die vorherige Anspannung anzumerken. Mit etwas zittriger Stimme berichtete er von seiner Erleichterung. „Heute ist klar geworden: Mein Kollege Holger Härter und ich sind unschuldig gewesen. Wir sind froh, dass jetzt dieses Kapital abgeschlossen ist.“ Nachfragen wich er aus: „Ich muss jetzt erst mal runterkommen.“

Das im Oktober vergangenen Jahres begonnene Verfahren gab einen Einblick in die Übernahmeschlacht zwischen Porsche und VW in den Jahren 2008 und 2009. Damals explodierte der Kurs der VW-Aktie plötzlich, er stieg innerhalb von zwei Tagen von 200 auf über 1000 Euro. Das machte den Autobauer zeitweise zum teuersten Unternehmen der Welt. Der Grund: Der relativ kleine, aber überaus lukrative Sport- und Geländewagenbauer Porsche wollte sich den Konzern aus Wolfsburg einverleiben.

Knackpunkt des Stuttgarter Strafprozesses war die Frage, wann genau die Entscheidung zur Dreiviertel-Übernahme fiel – lange Zeit war Porsche Vermutungen entgegengetreten, man wolle VW beherrschen. Das wäre bei einem Anteil von 75 Prozent im Bereich des Möglichen gewesen, dann hätten Wolfsburger Gewinne nach Stuttgart abgeführt werden können. Heute ist es genau andersrum, Porsche überweist Jahr um Jahr Milliarden-Profite nach Niedersachsen.

Ende Oktober 2008 kam dann doch die Bestätigung des Plans. Der Aktienkurs von VW verfünffachte sich daraufhin binnen zweier Tage. Laut Staatsanwaltschaft hatten Wiedeking und Härter ihr Vorhaben zunächst verschleiert, dann nur unvollständig offengelegt und dadurch den Kapitalmarkt manipuliert.

Die zweistündige Urteilsbegründung des Vorsitzenden Richters Frank Maurer kommt einer schallenden Ohrfeige für die Ankläger gleich. Ein Argument nach dem anderen zerpflückte der Richter in seinem Vortrag. Die vernommenen Zeugen hatten das angebliche Falschspiel der Porsche-Chefs zwar nicht bestätigen können. Aber Wiedeking und Härter hätten ihren Übernahmebeschluss nun einmal unter sich – vielleicht gar „beim Feierabendbierchen“ – getroffen, hatte Ankläger Heiko Wagenpfeil gesagt. Kopfschüttelnde Entgegnung des Richters: Dann wären die Dementis der Angeklagten ja einer „Kabarettvorstellung“ nur um des schönen Scheins willen gleichgekommen.

Wagenpfeil hatte in seinem Plädoyer auf Cäsar verwiesen: Wie der römische Feldherr seine Entscheidung zum Krieg gegen Pompeius noch vorm Überschreiten des Rubikon gefällt habe, so hätten sich Wiedeking und Härter frühzeitig für die Übernahme entschieden. Der Richter machte klar, was er von dem Vergleich hielt: „Das würde ja bedeuten, Julius Cäsar zieht in den Krieg, und keiner bekommt es mit.“

Und drohten Ende Oktober 2008 wirklich Verluste von 14 Milliarden Euro? Nicht nachvollziehbar und eine fehlerhafte Berechnung, so der Richter. Wurde bei der Veröffentlichung der strittigen Mitteilung am 26. Oktober 2008 wirklich „in Panik“ gehandelt, wie die Ankläger behaupten? Das habe kein einziger Zeuge „auch nur im Ansatz“ bestätigt. „So wenig, wie es einen geheimen Plan gab, gab es eine geheime Panik.“

Der Mitangeklagte Härter zeigte sich nach dem Urteil ebenfalls erleichtert. Mit Blick auf die Staatsanwaltschaft sagte der Ex-Finanzchef: „Wenn Sie noch ein bisschen Anstand haben, verzichten Sie auf die Revision.“ Diesen Wunsch wollte ihm Chefankläger Wagenpfeil indes vorerst nicht erfüllen – er will das erst prüfen und dann über das weitere Vorgehen entscheiden. Wagenpfeil hatte der zweistündigen richterlichen Schelte mit geschlossenen Augen zugehört, als wollte er die strengen Blicke bloß nicht sehen.

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