Berlin

Wir brauchen einen neuen Generationenvertrag

Der gesetzlichen Rentenversicherung droht der Kollaps. Nicht heute, nicht morgen, aber spätestens 2045.
13.12.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Wolfgang Steiger
Wir brauchen einen neuen Generationenvertrag

Wolfgang Steiger, Generalsekretär Wirtschaftsrat

Picasa und Fr, FR

Der gesetzlichen Rentenversicherung droht der Kollaps. Nicht heute, nicht morgen, aber spätestens 2045. Dann werden jährlich 784 Milliarden Euro an die Rentner ausgekehrt – dreimal so viel wie heute. Die Beitragseinnahmen steigen aber nur auf 606 Milliarden Euro, sodass der Bund jährlich 177 Milliarden Euro zuschießen muss. Wir werden immer älter, die Menschen beziehen immer länger Rente. So schön diese Aussicht ist, so schlecht ist sie für unser umlagefinanziertes Rentensystem. Insbesondere dann, wenn die zweite Entwicklung diametral entgegenläuft: der Rückgang der Beitragszahler durch den demografischen Wandel. Immer weniger Arbeitnehmer müssen immer mehr Rentner länger finanzieren. Prognosen sehen für 2045 einen Beitragssatz von über 25 Prozent vor gegenüber 18,7 Prozent heute. Gleichzeitig wird das Rentenniveau weiter absinken.

Der Befund ist klar, aber wie sieht die Therapie aus? Leistungsausweitungen darf es nicht geben. Eine Nahles’sche Solidarrente zur Bekämpfung einer Altersarmut, die es derzeit kaum gibt, darf genauso wenig kommen wie die Ausweitung der Mütterrente. Und die sogenannte Nahles-Haltelinie für das Rentenniveau bei 46 Prozent würde zusätzliche Milliarden verschlingen.

Der zweite Hebel setzt an der Einnahmenseite an: Wenn wir immer länger leben und zudem nicht ausreichend Nachwuchs geboren wird, muss die Lebensarbeitszeit erhöht werden. Im besten Fall wird das Renteneintrittsalter an die Lebenserwartung gekoppelt. Dann hätten wir es nicht mit einer Einbahnstraße zu tun: Sollte sich die demografische Entwicklung umkehren und mehr Kinder geboren werden, würde die Verknüpfung von Lebensarbeitszeit und Lebenserwartung wieder ein früheres Renteneintrittsalter erlauben. Flankiert werden müssen diese Maßnahmen durch mehr betriebliche und private Altersvorsorge. Von der gesetzlichen Rente allein wird niemand seinen Lebensstandard halten können.

Wir brauchen außerdem mehr Transparenz über unsere individuellen Ansprüche. Eine App, in der gesetzliche, private und betriebliche Rentenansprüche zusammengeführt werden, und die jedem sagt, wie er im Alter dasteht, würde dem allzu sorglosen Umgang mit diesem Thema entgegenwirken. Auch wenn man nicht in Panik verfallen sollte – immerhin lagen die Rentenerhöhungen in den letzten Jahren durch die Kopplung an die Lohnentwicklung konstant höher als die Preissteigerung – müssen wir jetzt die Zukunft unseres Rentensystems gestalten. Das ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe, die Sprengstoff in sich trägt. Wir brauchen einen neuen Generationenvertrag, damit sich auch in Zukunft die Generationen vertragen.

Zur Person

Unser Gastautor ist Unternehmer und Generalsekretär des Wirtschaftsrates der CDU in Berlin. Der Rat ist ein von Unternehmern getragener Verband und repräsentiert rund 12 000 Mitglieder. Der 52-Jährige stammt aus Urberach in Hessen.
Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+