Herr Scharping, die meisten Menschen kennen Sie als Verteidigungsminister – mit China oder der neuen Seidenstraße bringt man Sie nicht in Verbindung. Wie sind Sie dazu gekommen?
Rudolf Scharping: Ich habe seit mehr als 30 Jahren Kontakte zu China. Das Unternehmen, das ich gegründet habe und führe, konzentriert sich unter anderem auf wirtschaftliche und unternehmerische Kooperationen zwischen Deutschland und China – und damit auch auf die neue Seidenstraße.
Mit der Initiative soll ein Handelskorridor zwischen China, Zentralasien, Afrika und Europa entstehen. Wie viel davon ist wirtschaftliche Initiative und wie viel Außenpolitik?
Außenpolitik hat immer eine außenwirtschaftliche und Wirtschaftspolitik immer eine außenpolitische Dimension. Allein die Zahl der Züge, die zwischen China und Europa fahren, zeigt, dass die wirtschaftlichen Aspekte sehr deutlich im Vordergrund stehen.
China investiert Milliarden in die Seidenstraße, 64 Staaten sind schon an Bord, die Handelszüge fahren bereits. Wann wird die Seidenstraße sich bis nach Deutschland erstrecken?
Das ist doch heute schon der Fall! China war Deutschlands Handelspartner Nummer eins im Jahr 2016, knapp vor den USA und Frankreich. Natürlich sind das wesentlich ältere Handelsbeziehungen, die auf die Modernisierungspolitik Chinas zurückgehen. Weil China als Handelspartner so wichtig ist, spricht alles dafür, den Kontakt weiter zu intensivieren. Die guten Handelsbeziehungen aus der Vergangenheit sind dafür die Grundlage. Beide Länder haben ein Interesse daran, dass der Welthandel weiter funktioniert, möglichst frei ist und nicht von Protektionismus oder anderen Formen von wohlstandsgefährdenden Handelsschranken geschädigt wird. Die Seidenstraße soll Perspektiven öffnen.
Ein Ziel der chinesischen Regierung ist auch, anderen Ländern in ihrer Region einen Anreiz zu geben, ihre Wirtschaft auf Vordermann zu bringen. Welche Vorteile könnte aber Deutschland haben?
Ohne China wäre eine Bewältigung der Finanzkrise auch für Deutschland deutlich schwieriger gewesen. Viele deutsche Unternehmen haben China in der Finanzkrise als Stabilitätsanker wahrgenommen. Das wird in der heutigen Zeit und in der Zusammenarbeit hoffentlich so bleiben. Nicht vergessen werden darf dabei aber, dass China vor gewaltigen Herausforderungen steht, etwa im Umgang mit seinen Finanz- und Kapitalmärkten oder mit der Umwelt. Deutschland kann hier Erfahrungen, Technologien, Produkte und Wissen beisteuern. Solange Deutschland nicht auftritt wie der Oberlehrer, sondern ein vernünftiger und fairer Partner ist, ergeben sich daraus enorme wirtschaftliche und auch politische Chancen.
Ist es nicht gefährlich für Europa, wenn chinesische Massenware so rasant auf unsere Märkte gebracht wird? Macht das nicht unsere Industrie kaputt?
Nein, das sehe ich nicht so. Deutschland und China haben sehr viel gemeinsam, nicht nur wegen ihrer starken Exportwirtschaft. Die Länder verfügen über gute industrielle Wertschöpfungsketten. Und deswegen sind wir beides: Wir sind wirtschaftliche Konkurrenten, und wir sind wirtschaftliche Partner. So lange der Wettbewerb auf einer fairen Grundlage geschieht, ist das auch völlig in Ordnung. Allerdings: An diesen fairen Grundlagen muss kontinuierlich gearbeitet werden. Denn wenn es um Fragen von Rechtsstaatlichkeit, den Schutz geistigen Eigentums oder andere Formen von Innovation geht, müssen wir gemeinsam besser werden. Da müssen sich auch die Verhältnisse in China weiterentwickeln.