Interview mit Dirk Roßmann „Wir sind nicht wie Dagobert Duck“

Reiche Menschen sollten sich mehr in öffentliche Debatten einmischen, sagt Dirk Roßmann. Der Unternehmer liest in Bremen und spricht im Interview über Verantwortung, Entscheidungen und schlechte Rezensionen.
01.02.2020, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir sind nicht wie Dagobert Duck“
Von Stefan Lakeband
Herr Roßmann, wie hätten Sie als Sechsjähriger reagiert, hätte man Ihnen damals gesagt, dass Sie mal eine internationale Drogeriekette gründen werden?

Dirk Roßmann: Das hätte ich wahrscheinlich gar nicht verstanden, weil ich noch viel zu jung war. Als Sechsjähriger habe ich im Wald gespielt und mich über eine Tafel Schokolade gefreut. Dass ich mir über die Zukunft Gedanken gemacht habe, kam erst später.

Wann denn?

Als ich etwa zwölf Jahre alt war. Zu Hause ging es immer ums Geld. Wir hatten nicht viel, das habe ich mitbekommen. Meine Mutter ist zum Beispiel immer böse geworden, wenn wir vergessen haben, das Licht auszuschalten. Es gab viel Streit. Damals habe ich beschlossen, irgendwann an dem Punkt zu sein, an dem solche Alltagssorgen keine Rolle mehr spielen.

Geld war Ihr Antrieb?

Wir hatten damals eine kleine Drogerie, von deren Gewinn meine Großeltern, meine Eltern, mein Bruder und ich gelebt haben. Das war hart. Deswegen wollte ich so viel Geld verdienen, dass ich unabhängig und frei von Zwängen bin.

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Das haben Sie geschafft; mittlerweile sind Sie Milliardär. Haben Sie denn jemals überlegt, mit der Arbeit aufzuhören?

Nein, der Moment kam einfach nicht. Ich hatte zwar den ersten Drogeriemarkt Deutschlands eröffnet, später gab es aber etliche Mitbewerber. Da musste mein Geschäft wachsen, um nicht unterzugehen. In den 80er- und 90er-Jahren habe ich immer mehr Läden aufgemacht, allerdings kamen auch immer mehr Schulden hinzu. Deswegen habe ich weitergemacht. Natürlich hätte ich jeder Zeit verkaufen können und ausgesorgt gehabt. Ich war aber zu ehrgeizig und wollte unbedingt im Konzert der Großen mitspielen.

Ist Ehrgeiz eine wichtige Eigenschaft für erfolgreiche Unternehmer?

Ohne Ehrgeiz geht gar nichts. Gerade in der Aufbauphase ist ein Unternehmen nicht gerade das reine Lebensglück. Man hat Angst, ist voller Sorgen, frustriert. Damals gab es jeden Tag neue Probleme in meinem Unternehmen. Es gehört ein starker Wille dazu, um durchzuhalten.

Vor eineinhalb Jahren haben Sie Ihre Biografie veröffentlicht, aus der Sie am Sonntag in Bremen lesen werden. Haben Sie in der Rückschau auf Ihr Leben noch etwas Neues über sich selbst erfahren?

Nein, aber im Laufe des Lebens vergisst der Mensch viel. Dadurch, dass meine Co-Autoren alles auf Papier gebracht haben, ist mir noch mal bewusst geworden, was ich schon alles erlebt habe. Neue Erkenntnisse über mich selbst habe ich aber nicht bekommen.

Wer im Internet liest, stößt auch auf Kritik an Ihrem Buch. Ein Rezensent schreibt etwa, es sei „selbstgefällig, arrogant, besserwisserisch, gönnerhaft“ und dass Sie besser Unternehmer hätten bleiben sollen.

Das war ein Shitstorm. Das Buch kam am­ 8. Oktober raus und war für drei Monate im Internet das bestbewertete Buch überhaupt. Mitte Januar waren nur vier von 100 Kritiken schlecht. Mein Buch wurde mit fünf Sternen bewertet, das von Michelle Obama hatte 4,5. Dann kamen innerhalb weniger Tage 30 ­extrem negative Bewertungen hinzu. Natürlich darf man mein Buch kritisieren, aber man sollte es schon gelesen haben – das war bei vielen nicht der Fall. Davon abgesehen gab es auf direktem Weg nur wenig schlechtes Feedback: Von den 6000 Briefen und Mails, die ich bekommen habe, waren keine zehn negativ.

Sie haben in einem Interview mal gesagt, dass sie im Jahr ungefähr 30 Bücher kaufen. ­Welche können Sie empfehlen?

Aktuell lese ich „Schöne neue Welt“ von Aldous Huxley – schon zum zweiten Mal. Er hat es 1931 geschrieben, nimmt viele Entwicklungen vorweg. Das ist spannend, aber auch unheimlich, weil es so real ist. Außerdem liegt noch „Factfulness“ von Hans Rosling bei mir auf dem Nachttisch, ein Sachbuch.

Sie sind 73 Jahre alt, aber immer noch unternehmerisch aktiv. Rossmann ist mittlerweile ein großer, erfolgreicher Konzern. Gibt es trotzdem etwas, das Sie im Rückblick gerne anders gemacht hätten?

Die 90er-Jahre waren sehr hart für mich und mein Unternehmen. Wir sind rasant expandiert und hatten Schulden. Mir blieb aber eigentlich keine andere Wahl. Wäre ich damals nicht diese Risiken eingegangen, wären wir nie so groß geworden – und darauf kommt es im Handel an. Man muss groß sein, um die besten Einkaufspreise zu bekommen.

Was würden Sie als Ihre beste Entscheidung bezeichnen?

1996 hatte ich einen Herzinfarkt, weil ich völlig überdreht war. Ich hatte das Unternehmen, aber auch Beteiligungen an anderen Firmen und habe an der Börse spekuliert. Das wurde mir zu viel, sodass ich beschloss, mich nur noch auf meine Drogeriekette zu fokussieren. Zehn Jahre habe ich das gemacht, und es ging mir besser.

Wie treffen Sie Entscheidungen?

In diesem Fall war die Sache klar: Ich lag mit einem Herzinfarkt im Krankenhaus und musste die Weichen neu stellen. Generell ist mir die Meinung anderer Leute wichtig. Heute arbeiten in Europa rund 56 000 Menschen für Rossmann. So ein Unternehmen können Sie nur im Team führen. Ich habe schon früh gelernt, dass die Gemeinschaft viel wichtiger als der Einzelne ist. Wenn man etwas aufbauen will, geht das nur zusammen.

Ihre zwei Söhne arbeiten mittlerweile mit in Ihrem Unternehmen.

Die meisten Entscheidungen trifft mittlerweile Raoul, mein jüngster Sohn. Er ist 34. Schon als er zehn Jahre alt war, hat er gesagt: ‚Papa, entweder werde ich die Nummer eins, oder du kannst es vergessen.‘ Daniel, mein anderer Sohn, hatte kein Interesse daran. Sobald man so einen Job übernimmt, ist man gedanklich und emotional extrem eingebunden – das muss man wollen.

War überhaupt von Anfang an klar, dass Ihre Söhne mal übernehmen werden?

Raoul sprach mal davon, Regisseur zu werden. Meine Frau hat die Söhne darin bestärkt, das zu machen, was sie wollen. Bei beiden war dann aber das Interesse an der Firma größer. Auch, weil wir nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch aktiv sind. Wir wollen zeigen, dass wir nicht wie Dagobert Duck sind und nur Geld verdienen wollen.

Damit sind Sie aber einer von wenigen Unternehmern in Deutschland, die öffentlich zu politischen und gesellschaftlichen Fragen Stellung beziehen.

Ich finde es falsch, wenn Unternehmer für Tausende Menschen Verantwortung haben, dann aber so tun, als wären sie gar nicht da. Ja, ich bin Milliardär, aber ich bin genauso wie jeder andere auch. Ich bin ein Teil der Gesellschaft und kein finsteres Monster, das auf einer Luxusjacht im Mittelmeer rumkreuzt. Wenn irgendwelche reichen Fußballer ein mit Gold verziertes Steak für 1200 Euro essen, finde ich das grausam und primitiv. Aus meiner Erfahrung ist aber nur ein kleiner Teil der Vermögenden so. Ich kenne viele Reiche, die verantwortungsbewusst leben, aber die Öffentlichkeit scheuen. Das finde ich schade.

Das Gespräch führte Stefan Lakeband.

Info

Zur Person

Dirk Roßmann ist gelernter Drogist und eröffnete im Alter von 25 Jahren 1972 in Hannover den ersten Drogerie-Selbstbedienungsladen Deutschlands. Das Unternehmen hat mittlerweile rund 2200 Filialen in der Bundesrepublik. Der 73-Jährige ist noch immer im Konzern aktiv, auch seine Frau und seine beiden Söhne arbeiten mit.

Info

Zur Sache

Lesung im Ratskeller

Im Oktober 2018 veröffentlichte Dirk Roßmann seine Biografie „… dann bin ich auf den Baum geklettert“. An diesem Sonntag liest er im Rahmen der Reihe „Poesie im Bremer Ratskeller“ daraus. Die Veranstaltung ist bereits ausverkauft.

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