Auszeichnung für Präsidentin der Jacobs University / Katja Windt: Schulterschluss mit der Wirtschaft „Wir wollen positive Signale setzen“

Die diesjährige Verleihung des Kieserling Logistikpreises war ungewöhnlich, denn die Preisträgerin Katja Windt, seit Ende 2013 Präsidentin der Jacobs University, ist nicht nur für ihre bisherige Leistung im Bereich der Logistik ausgezeichnet worden, sondern auch für die Herausforderungen, die noch auf sie warten. Maren Beneke sprach mit der Wissenschaftlerin über ihren Werdegang, ihre Leidenschaft für die Logistik und wie Wirtschaft und Forschung in Zukunft noch enger zusammenarbeiten können.
04.07.2014, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir wollen positive Signale setzen“
Von Maren Beneke

Die diesjährige Verleihung des Kieserling Logistikpreises war ungewöhnlich, denn die Preisträgerin Katja Windt, seit Ende 2013 Präsidentin der Jacobs University, ist nicht nur für ihre bisherige Leistung im Bereich der Logistik ausgezeichnet worden, sondern auch für die Herausforderungen, die noch auf sie warten. Maren Beneke sprach mit der Wissenschaftlerin über ihren Werdegang, ihre Leidenschaft für die Logistik und wie Wirtschaft und Forschung in Zukunft noch enger zusammenarbeiten können.

Frau Windt, die Auszeichnung mit dem Kieserling Logistikpreis muss nach den ganzen Turbulenzen rund um die Restrukturierungsmaßnahmen an der Jacobs University für Sie eine willkommene Abwechslung gewesen sein, oder?

Katja Windt:

Das ist in der Tat so. Wir wollen in der Zukunft positive Signale für die Entwicklung der Jacobs University und ihrer Mitarbeiter setzen. Ich freue mich sehr über den Preis und möchte das Preisgeld zukunftsbringend einsetzen: Ich will damit einem jungen Menschen aus Bremen-Nord, der es sich eigentlich nicht leisten kann, an unsere Uni zu kommen, ein Stipendium ermöglichen.

Sie sind im Alter von 13 Jahren nach Bremen gekommen und haben vor 14 Jahren nach einem Maschinenbau-Studium am Institut für Fabrikanlagen und Logistik in Hannover promoviert. Woher kommt Ihre Leidenschaft für die Bereiche Technik und Logistik?

Jedenfalls nicht ausschließlich aus der Schule, sondern durch ein Praktikum bei der Bremer Vulkan-Werft. Dort habe ich gesägt, gefräst, gedreht – und nach dem Praktikum dann beschlossen, dass ich Maschinenbau studiere.

Bevor Sie an die Jacobs University gekommen sind, waren Sie unter anderem Mitglied im Sonderforschungsbereich „Selbststeuerung Logistischer Prozesse“ an der Universität Bremen. Gerade in diesem Bereich ist in den vergangenen Jahren viel passiert. Sind wir heute dort, wo Sie damals dachten, dass wir es wären?

Ich würde das Projekt als Vorreiter von Industrie 4.0 bezeichnen, ein hoch aktuelles Thema. Bernd Scholz-Reiter (Anm. d. Red.: jetziger Rektor der Uni Bremen) hatte die Projektidee vor ungefähr 13 Jahren. Während der Projektlaufzeit haben wir zum Beispiel für einen Autohersteller versucht, Autositze mit RFID-Tags zu versehen, sodass sichergestellt werden kann, dass der richtige Sitz ins Auto eingebaut wird. Aber auch heute birgt das Thema noch unglaublich viel Potenzial. Schwierig ist nach wie vor etwa die Realisierung in der Technik, weil diese oft mit hohen Kosten verbunden ist. Und auch die Schnittstelle zwischen Technik und Mensch bedarf weiterer Innovationen.

In Porträts über Sie schwingt immer Ihre Begeisterung für interdisziplinäre Forschungsprojekte mit. Warum ist die Zusammenarbeit unterschiedlicher Wissenschaftsbereiche gerade in der Logistik von Vorteil?

Das kann ich am einfachsten anhand eines Beispiels erklären. Wir forschen hier an der Jacobs University zum Thema Metabolismus und Logistik. Das bedeutet: Wir schauen uns zusammen mit einem Systembiologen an, wie der Stoffwechsel einer Zelle funktioniert. Warum tun wir das? Weil eine Zelle transportiert und produziert und es dabei schafft, trotz Fluktuationen konstant Biomasse zu produzieren. Erkenntnisse darüber, wie dies die Zelle schafft, wollen wir dann in neue Planungs- und Steuerungsmethoden der Logistik übertragen, um die Produktion effizienter zu machen.

An der Jacobs University waren Sie mitverantwortlich für den Auf- und Ausbau des Studiengangs „International Logistics Engineering and Management“. Haben Sie trotz der Umstrukturierungen Pläne, den Bereich Logistik weiter auszubauen?

Wir sind mitten in Überlegungen, in Zukunft nicht nur mit der Wirtschaft, sondern auch mit anderen Institutionen kooperativ tätig zu werden. Das wird eine unserer großen Aufgaben für die Zukunft sein. Und auch die Kooperation „Logistics Ambassador“ mit Via Bremen wollen wir ausbauen. Hier ziehen unsere Studierenden als Botschafter für Bremen in die Welt. Ein Vorteil der Kooperation ist, dass wir die Wirtschaft miteinbeziehen können.

Wie eng ist die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft bereits?

Wir haben einige Projekte, bei denen wir zu verschiedenen Themen Unternehmensberatung anbieten – immer auch in der Kombination mit der Weiterentwicklung von Methoden aus der Sicht verschiedener Disziplinen. Sogenannte Think Tanks sollen zukünftig solche strategischen Partnerschaften mit Unternehmen voranbringen.

Wer mit Logistikstudenten der Jacobs University spricht, bekommt oftmals zu hören, dass diese Bremen wieder verlassen werden, um in einer anderen Stadt weiterzustudieren, oder auch, um in ihrer Heimat zu arbeiten. Dabei fehlt gerade in der Logistik qualifizierter Nachwuchs...

Von den ausländischen Studierenden bleiben 39 Prozent hier in Deutschland. Ein hoher Anteil davon in Bremen. Einige Studierende kommen aus armen Ländern und kehren auch dorthin zurück. Positiv dabei, dass wenn sie dorthin zurückgehen, dann haben wir einen Teil zum Fortschritt dieser Länder beigetragen, in denen es oftmals an Bildungskonzepten fehlt. Insgesamt wird damit auch Bremen als Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort in der Welt bekannter.

Und was kann die Wirtschaft tun, um die Studenten hier zu halten?

Unternehmen können Praktika anbieten, auch für Studierende, die vielleicht erst einmal nur Englisch sprechen. Und natürlich interessante Arbeitsplätze für Berufseinsteiger offerieren. Darüber hinaus können Unternehmen uns verstärkt ansprechen, wenn es darum geht, spezifische Fragestellungen im Rahmen einer Case Study Competition zu bearbeiten, also einer Fallstudie, in der Teams von Studierenden im Wettbewerb antreten und einfach „out of the box“ an komplexe Problemstellungen herangehen. Es ist uns ausgesprochen wichtig, dass die Studierenden auch praxisnahes Wissen erwerben, um intensiv auf den Arbeitsmarkt vorbereitet zu sein.

Sie sitzen unter anderem in den Aufsichtsräten der Deutschen Post AG und der Fraport AG, haben damit also einen engen Kontakt in die Wirtschaft. Wie wichtig sind solche Posten vor dem Hintergrund der Verzahnung von Wissenschaft und Wirtschaft?

Durch meine Tätigkeit in Aufsichtsräten erhalte ich Einblicke, die man sonst nicht bekommen würde und auch neue Ideen, was wir in der Forschung neu oder anders denken können. So kann ein Schulterschluss von Wirtschaft und Forschung entstehen. Gleichzeitig sind wir als Universität auch ein Unternehmen. Die Ansätze, die ich dort kennenlerne, kann ich somit auch aus unternehmerischer Perspektive einbringen, um die Zukunft unserer Universität nachhaltig zu gestalten.

Im Internet sind Ihre Forschungsinteressen etwa in den Bereichen logistikgerechte Konstruktion oder Verbesserung der Liefertermintreue angegeben. Kommen Sie heute noch dazu, sich mit diesen Bereichen auseinanderzusetzen?

Ich versuche zumindest ab und an in einige der Industrieberatungsprojekte und teilweise auch in Forschungsprojekte reinzuschauen und Feedback zu geben.

Zur Person

Katja Windt (45) forscht seit 2008 an der Jacobs University, Ende 2013 übernahm sie die Leitung. Die dreifache Mutter ist mit diversen Preisen ausgezeichnet worden, etwa als Hochschullehrerin des Jahres.

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