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Kontaktpolizist Jochen Frese im Interview
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„Hier ist der Nachbar das Problem oder der ruhende Verkehr“

Annika Mumme 12.08.2016 0 Kommentare

Jochen Frese arbeitet seit 2006 als KoP: Kontaktpolizist. Für seinen Standort, das Polizeirevier Schwachhausen im Bürgerpark, ist er Ansprechpartner für die Bürger im Gete-Quartier. Im Interview mit Annika Mumme verrät er mehr über seinen nicht alltäglichen Job. 

Herr Frese, wo ist Ihr liebster Platz in Schwachhausen?

Jochen Frese: Der Bürgerpark selbstverständlich. Man kann hier Fahrrad fahren, Bier trinken, Musik hören; das ist nicht nur für Schwachhausen, sondern für alle Bremer eine tolle Sache. Sehr sehenswert ist auch der Riensberger Friedhof. Da liegen die ganzen Menschen, nach denen hier die Straßen benannt wurden.

Was genau macht denn ein Kontaktpolizist?

Kontaktpolizist Jochen Frese
Jochen Frese ist seit 2006 Kontaktpolizist im Gete-Quartier.  (Jonas Völpel)
Ein Kontaktpolizist macht, was nicht über „110“ läuft. Zunächst ist er Ansprechpartner für alle Bürger im Stadtteil. Wir sind in der Regel mit dem Fahrrad unterwegs. So sieht man die Umgebung ganz anders und ist ansprechbarer als mit Auto. Wir knüpfen auch Netzwerke: mit den Beiräten, mit Geschäftsleuten, Schulen – wir machen mit den Schulanfängern Verkehrsausbildung. Mit der vierten Klasse machen wir eine ausgiebige Fahrradausbildung und Gewaltprävention. Auch der ruhende Verkehr, vor allem das Parken auf Geh- und Radweg oder im Bereich der Schulen, da achten wir sehr drauf.

Mit welcher Art Problemen kommen die Menschen zu Ihnen?

In Schwachhausen ist in der Regel der Nachbar das Problem oder der ruhende Verkehr. Was wir in Schwachhausen aber auch verstärkt haben, sind Straftaten zum Nachteil älterer Menschen: Zum Beispiel der sogenannte Enkeltrick. Und ich hatte gerade erst eine Geschichte – der war noch nicht so alt, Mitte 60 – der ist auf den Dachdeckertrick hereingefallen. Dabei hatte ein angeblicher Dachdecker dem Opfer gesagt, sein Dach wäre nicht in Ordnung und er wollte das für 500 Euro reparieren. Dann kostete es auf einmal 2500 Euro. Das Opfer hat insgesamt einige 10000 Euro versenkt. Demenz ist auch ein wichtiges Thema. Ich war ein paar Jahre bei einer älteren Dame zum Tee, jeden Freitag um 14, 15.00 Uhr. Sie konnte dann ihre Probleme schildern; dadurch ist es nicht zu Polizeieinsätzen gekommen. Heute ist so etwas vom Zeitmanagement her gar nicht mehr zu regeln.
 

Welche Sachverhalte überfordern Sie als Kontaktpolizist vielleicht auch mal, die Sie dann an andere Stelle weiterleiten müssen?

Häufig kommt es über den Streifendienst zu den Kontakten. Die Streife bekommt einen Einsatz und dann schreiben sie eine sogenannte „Soziale Krise“. Ein Bericht, der an das Amt für Soziale Dienste geht, aber in Kopie auch an den Kontaktpolizisten. Und da haben wir hin und wieder Geschichten, wo wir uns ein wenig überfordert fühlen. Zum Beispiel im Bereich häuslicher Gewalt. Oder wenn es um Sprachbarrieren geht. Und da warten wir eigentlich auf eine Reaktion seitens des Amtes für Soziale Dienste. Gerade auch, wenn Migranten betroffen sind, die möglicherweise einen Dolmetscher brauchen. 

Schwachhausens Kriminalität ist im Vergleich zu Stadtteilen wie der Neustadt, Gröpelingen oder der Innenstadt eher gering. Wie versuchen Sie zum Beispiel Wohnungseinbrüchen oder Fahrraddiebstählen noch besser vorzubeugen?

Wir führen Präventionsveranstaltungen durch, zum Beispiel im April auf dem dritten Schwachhauser Fahrradtag. Wir haben mit dem Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) Fahrräder registriert. Die bekommen dann Aufkleber; das soll abschrecken, ein Fahrrad wegzunehmen. Wir informieren auch über vernünftige Schlösser: Ich sage mal diese „normalen“ Kringelbänder, das sind höchstens Geschenkbänder, keine Schlösser. Auf unserer Homepage – unter Prävention – kann man sich vernünftige Schlösser angucken. Auch zum Einbruchschutz machen wir Präventionsveranstaltungen. Es gibt ja auch die künstliche DNA, womit man seine Wertsachen schützen kann. Und da sage ich immer: Alles, was einem lieb und teuer ist – außer Familienangehörige und Haustiere – kann man damit markieren.

Wie sorgen Sie genau dafür, dass sich die Schwachhauser nach einer Straftat in ihrem Quartier wieder sicherer fühlen können?

In letzter Zeit ist eine der Hauptaufgaben die Opfernachsorge nach Wohnungseinbrüchen. Wir bieten an, dass wir dort hingehen und Infomaterial mitbringen, wir gucken Wohnung oder Haus auf mögliche Schwachstellen an. Dann geben wir Tipps in Sachen Einbruchschutz, Beleuchtung, Sicherung. Es gibt natürlich auch viele Dinge, die man nachträglich machen kann, gerade, wenn man ein Altbremer Haus hat. Man müsste im ganzen Haus Widerstandsklasse-2-Fenster montieren. Zu 95 Prozent nehmen die Schwachhauser diese Beratungen gerne an.

Inwieweit stellt das immer weiter ausgedehnte Parkverbot ein Problem im Stadtteil dar?

Dieser sogenannte ruhende Verkehr ist tatsächlich ein Problem in Schwachhausen. Wenn man in Schwachhausen wohnt, braucht man sein Auto eigentlich gar nicht. Und wenn man schon mal einen Parkplatz gefunden hat, behält man den auch tunlichst. Es gibt in angrenzenden Gebieten auch Anwohnerparken, Barkhof zum Beispiel. Das wird aber nicht ausgeweitet. Es gibt immer mal Straßen, die in Fahrradstraßen umgewandelt werden. Dann wird es vielleicht ein bisschen schlechter mit der „Parkerei“. Aber es ist jetzt nicht so, dass Parkraum in großem Ausmaß verschwinden würde. Was allerdings stimmt: Es gibt immer wieder Probleme. Da gilt es auch für uns Kontaktpolizisten zu sanktionieren.

Haben Sie als KoP Verständnis für manche Taten?

Ich fahre selber Auto, Motorrad, Fahrrad, kenne also alle Sichten der Verkehrsteilnehmer. Aber ich denke, man ist ja nicht allein auf der Welt. Wenn andere betroffen sind – gerade Kinder – das geht nicht! Oder auch bei Radfahrern, wo der gesamte Radweg bei einem Parkvergehen blockiert wird. Nein, da habe ich dann kein Verständnis mehr.

Wie lässt sich die Gemeinschaft in Schwachhausen in Worte fassen?

Die würde ich als „gut“ bezeichnen. Es gibt Straßenzüge, wo regelmäßig Kinder- und Straßenfeste gefeiert werden. Es gibt natürlich auch Wohnblöcke, wo Bewohner sich gegenseitig nicht kennen. Aber gerade in den Nebenstraßen finden regelmäßig Feste statt. Die Menschen von dort sprechen auch bei dem Beirat im Ortsamt vor, um zu beeinflussen, was mit den Straßen geschieht. Aus polizeilicher und aus meiner Sicht ist Schwachhausen ein behüteter Stadtteil mit überwiegend netten Menschen. Ich sage mal, hier in Schwachhausen ist die Welt noch in Ordnung. Ich war in meiner beruflichen Laufbahn in vielen verschiedenen Stadtteilen. Der Umgang in Schwachhausen ist schon ein anderer. Natürlich gibt es auch hier mal körperliche Auseinandersetzungen, aber das ist hier eher die Ausnahme. Nichtsdestotrotz gibt es auch in anderen Stadtteilen einen vernünftigen Umgang miteinander.

Apropos ansprechen... Wie funktioniert die Kommunikation im Stadtteil, die Verknüpfungen einzelner Institutionen wie Ortsteile, Beirat, Ortsamt, Anwohner, Schulen, Polizei?

Die Kommunikation funktioniert sehr gut; alle sind vernetzt. Es gibt immer wieder Treffen, wo alle Institutionen eingeladen werden. Gerade auch der Beirat engagiert sich da sehr. Ich hatte ein paar „Runde Tische“ zu einem Übergangswohnheim für Flüchtlinge, wo auch Anwohner sehr stark vertreten waren. Das empfinde ich als sehr positiv, weil die Leute sehr interessiert sind; sie haben für ihren Stadtteil Interesse und für die Gestaltung in diesem.

Gibt es Dinge, die sich in Ihrem Zuständigkeitsbereich Gete dringend ändern müssen?

Da gibt es in Schulnähe, in der Straße An der Gete, einen Radweg, der eigentlich zum Parken freigegeben werden müsste; der ist schon lange nicht mehr benutzungspflichtig und auch schon relativ kaputt. Da würde ich mir wünschen, dass die Behörde möglicherweise etwas schneller reagiert und so die Parkraumnot etwas entzerrt, indem sie solche Wege freigibt.

Was hat sich in den letzten Jahren in der Struktur Schwachhausens verändert?

Viele der alten Häuser werden abgerissen und diese großen Blöcke gebaut. Wo dann ehemals eine Villa gestanden hat, wo eine Familie drin gewohnt hat, kommt ein Gebäude hin, wo zehn Wohnungen oder mehr drin sind.

Sprechen wir über die Zukunftspläne für den Stadtteil: Was wird sich durch den Umbau des Sterns im Mai 2017 ändern?

Der Stern ist ein Unfallschwerpunkt und wird es vermutlich auch bleiben. Das hat vor allem mit der Struktur des Sterns zu tun: Da treffen fünf Straßen aufeinander und da fährt eine Straßenbahn durch. Mit ein bisschen mehr Disziplin der Verkehrsteilnehmer, würde das deutlich entzerrt. Nichtsdestotrotz ist es als Autofahrer, wenn man da reinfährt, relativ unübersichtlich und gefährlich. Ich glaube kaum, dass durch bauliche Maßnahmen – es sei denn es werden Radfahrertunnel- oder Brücken gebaut – die Situation so erheblich verbessert werden kann. Ich lasse mich gerne eines besseren belehren, aber ich denke, es wird auch danach eine schwierige Örtlichkeit.

Eine Anekdote aus dem KoP-Nähkästchen...

Unser Revier nennt sich ja „Eichhörnchen Wache“; wir haben das Eichhörnchen sogar als Wappentier – in Stein gemeißelt. Sie wird Eichhörnchen Wache genannt, weil sie im Bürgerpark ist und dort nicht nur Polizisten sind, sondern eben auch Eichhörnchen. Und einmal hatten wir sogar Pfauen: Drei der Tiere, die im Bürgerpark leben, hatten sich selbstständig gemacht und waren dann der Eichhörnchen Wache auf das Dach gestiegen. 

Zur Person:

Jochen Frese ist seit 2006 Kontaktpolizist (KoP) für das Quartier Gete in Schwachhausen. Sein Standort ist das Polizeirevier Schwachhausen im Bürgerpark. Geboren in Bremen, wohnt Jochen Frese heute in Weyhe und fährt von dort fünf Tage in der Woche in die Wache an der Parkallee.

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Leserkommentare
peteris am 22.10.2019 11:19
Ach die "armen Landwirte". Monokultur,Massentierhaltung und Grundwasserverseuchung, sind das Markenzeichen der so "armen Landwirte", was auch noch ...
reswer am 22.10.2019 11:17
Verkehrswende ....ohne Verbesserungen im ÖPNV und der Bahn das wird nichts werden.

Erst diese verbessern.......dann werden auch viele ...
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