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Hinter den Kameras eines Streamingkonzerts

Wie sich Kameraleute, Techniker und Bandmitglieder auf eine Streamingkonzert vorbereiten. Ein Blick hinter die Kulissen des Auf- und Abbaus des Club100.
23.05.2021, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Hinter den Kameras eines Streamingkonzerts
Von Frieda Ahrens

Die Band Provinz steht auf der Bühne, ihr erster Song verklingt – und es brandet kein Applaus auf, im Saal ist es still. Der gerade gesungene Text „Mach Platz, mach Platz, mach Platz für uns“ scheint ein wenig skurril, denn vor der Bühne ist ganz viel Platz: bis auf ein paar Menschen, die eine Kamera halten, ist das Pier 2 leer.

„Das wird der schwierigste Moment für die Band“, sagt Martin Benedix, Produktionsleiter der Firma Sendefähig, einige Stunden zuvor. Sendefähig produziert den Stream für die Veranstaltung im Club 100, der Konzerte live in viele Wohnzimmern in Bremen, aber auch bundesweit überträgt. Sieben Kameras nehmen dafür die Band aus verschiedenen Perspektiven auf. Hinten im Studio koordiniert und schneidet Thomas Lippick live die Einstellungen zusammen. Über Kopfhörer gibt er den Kameraleuten Ansagen wie „Kamera fünf in drei, zwei, eins.“ – die Kamera, die gerade live ist, leuchtet rot.

Seit elf Uhr morgens bereiten Helfer und Techniker alles vor. Einen Tag zuvor gab die Band Von Wegen Lisbeth ihr Streamingkonzert – mitten im Zuschauerraum. Provinz möchte auf der Bühne spielen, also bauen die Helfer um. Mike Grupe ist schon ab 10.30 Uhr im Pier 2 und zimmert vor der Bühne Plattformen zusammen. Kamerafrau Henrike Böttcher und Techniker Lennart Liedtke bereiten ab 11 Uhr die Interviewkulisse vor. Lichttechniker Finn Schott trudelt mit seinem Kollegen gegen 11.30 Uhr ein, um die Lichttraverse auszustatten. „Wir bereiten alles vor, mit den Technikern der Band wird dann der Rest abgestimmt“, sagt Benedix. Jeder wird vor dem Eintreten des Clubs auf Corona getestet, es herrscht Maskenpflicht. Ab 12 Uhr liegt Spannung in der Luft, viele Teams arbeiten parallel: Kabel werden verlegt, Kameras werden justiert, die Lichttraverse hochgezogen.

Um 13 Uhr trifft die Band ein. Alle kommen zusammen, die Kameraleute stellen sich vor, Thomas Lippick versucht die Band in das richtige Mindset für ein Streamingkonzert zu bringen: Die Bandmitglieder sollen bei Ansagen direkt in die Kamera sprechen. „Für euch wird sich das abstrakt anfühlen, aber es funktioniert – die Menschen denken, ihr schaut sie direkt an.“ Außerdem kommen die Kameraleute nah an die Bandmitglieder ran. Sie könnten natürlich auch zoomen, aber die Erfahrung zeigt: Die Distanz macht auch im Stream einen Unterschied. „Das spürt man, so fühlt sich der Zuschauer näher am Geschehen“, so Lippick.

Nach dem Interview, das vor dem Stream abgespielt wird, ist Soundcheck. Gegen 16 Uhr übt die Band zwei Lieder mit dem richtigen Licht und den Kameras auf der Bühne – also im Originalsetting. So kann die Band sich an die Kameras gewöhnen und Lippick hinten im Studio kann sich etwas mit der Dynamik der Band bekannt machen. Bis dahin das größte Problem: Das weiße Shirt des Sängers. Das sei später wegen der Lichteinstellungen nur ein weißer Fleck.

Außerdem hört sich der Ton wie nicht richtig zusammengemischt an – das muss aber so. Die beste Tonqualität wird nicht durch die Boxen in den Club getragen, sondern direkt durch den Stream in die Zimmer daheim. „Die Dynamiksprünge sind auch reduziert“, sagt Tontechniker Timo Hollmann. Damit der Zuschauende am Endgerät, beispielsweise am Laptop, nicht die ganze Zeit lauter und leiser schalten muss, verdichten sie die Musik.

„Auch für uns ist das Merkwürdigste: Ein Song ist vorbei, und es passiert nichts“, sagt Sven Rolfes, Veranstaltungstechniker und für das Hygienekonzept verantwortlich. Das sei wie bei der Probe. Doch die Band hält während des Auftritts gut durch, macht auch allein ordentlich Stimmung auf der Bühne und verbeugt sich am Ende des Konzerts außer Atem und etwas durchgeschwitzt vor den Kameras. Die Krankamera schwenkt in die Totale, der Bildschirm wird schwarz und zeigt den Abspann, auch die Kameraleute legen ihre Instrumente zur Seite und fangen an zu klatschen. Die Bandmitglieder lachen, bedanken sich bei den Kameraleuten, verlassen die Bühne. Direkt fängt das Team an, abzubauen.

Um 22 Uhr spätestens müssen die Helfer damit fertig sein – das ist in einer Stunde. In der kommenden Woche geht es wieder von vorne los.

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