Auf der Suche nach der Elternrolle

Hannah hat zu ihrer Geburt ein Bilderbuch geschenkt bekommen, es trägt den Titel „Vorher – Nachher“. Und sie liebt es, das Buch mit uns anzugucken.
26.11.2017, 00:00
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Auf der Suche nach der Elternrolle
Von Kathrin Aldenhoff

Hannah hat zu ihrer Geburt ein Bilderbuch geschenkt bekommen, es trägt den Titel „Vorher – Nachher“. Und sie liebt es, das Buch mit uns anzugucken. Auf dem ersten Vorher-Bild sind ein Mann und eine Frau zu sehen, die Frau hat einen dicken Bauch. Auf dem Nachher-Bild hat die Frau einen flachen Bauch und der Mann ein Baby auf dem Arm. Vorher ein Liebespaar, nachher ein Liebespaar mit Baby – auf der Suche nach der Elternrolle, das fällt mir dazu ein.

Eltern werden – unsere Hebamme hatte uns ja vorhergesagt, dass das Zeit brauchen werde. Und das tut es, immer noch. Mein Freund und ich suchen sie noch, unsere neuen Rollen. Wir sprechen oft mittels Hannah miteinander, sagen so was wie: „Soll der Papa dir jetzt mal die Windeln wechseln?“ oder „Die Mama bringt dich jetzt ins Bett.“ Wir kommen uns etwas albern dabei vor, lassen es aber auch nicht bleiben, vielleicht weil es uns dabei hilft, diese neuen Rollen zu verstehen: Wir sind jetzt nicht mehr nur ­Kathrin und Toni, wir sind jetzt auch Mama und Papa.

Eine Mutter weiß, was ihr Kind braucht, das sagt man oft so. Inzwischen weiß ich das wirklich in vielen Fällen, Hannah hat es mir beigebracht. Ich verstehe ihre Zeichen, wenn sie trinken will, wenn sie müde ist, wenn sie spielen will, wenn sie Ruhe braucht. Und mein Freund? Der versteht es nicht immer. Singt noch laut und lustig auf sie ein, während Hannah auf seinem Arm immer lauter brüllt, weil sie müde ist. Was tun? Ihm das Kind wegnehmen und ins Bett bringen – das ist eine Lösung, die aber nur für eine der drei Beteiligten befriedigend ist, nämlich für Hannah. Mein Freund fühlt sich als Vater nicht ernst genommen und ich bin früher oder später frustriert, dass ich als Mutter alles alleine machen muss. Vorsichtig darauf hinweisen, dass das Kind müde sein könnte? Stellt auch nur Hannah und mich zufrieden. Ihn einfach machen lassen? Verlangt Kraft von allen dreien, macht im besten Fall aber alle glücklich.

Jedes Paar muss seinen Weg finden, sagt unsere Hebamme. Mein Freund sagt, ich solle Vertrauen in ihn haben. Vertrauen in ihn als Vater – auch wenn ich ihn in dieser ­Rolle noch nicht lange kenne. Ich arbeite dran. Hannah ist da schon weiter, sie vertraut uns beiden. Sie kennt uns ja auch nur so: als ­Vater und Mutter.

Kathrin Aldenhoff ist Redakteurin des ­WESER-KURIER. Im Sommer hat sie ihr erstes Kind bekommen. Jeden Sonntag schreibt sie an dieser Stelle über ihre Erlebnisse als Mutter.

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