Fachsimpeln im Lilienthaler Fachgeschäft Weinprobe mit den Profis

Sie kennen sich seit Jahren: Der Winzer und Lilienthaler Weinhändler Jörg Dieter Rings und der Borgfelder Kaufmann und Siebenbürger Weinbergbesitzer Helmuth Gaber. Beide mögen Weine - jeder auf seine Art.
16.10.2021, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Weinprobe mit den Profis
Von Petra Scheller

Borgfeld/Lilienthal. Seit mehr als zehn Jahren baut der Borgfelder Helmuth Gaber in seiner alten Heimat Bogeschdorf Weine an. Der Ort liegt im Zentrum von Siebenbürgen, im Herzen Rumäniens, und hat eine lange Winzertradition. 220 Hektar bewirtschaftet er dort, unter anderem mit Reben. "Es ist eine Leidenschaft, die eng mit meiner Familiengeschichte verknüpft ist", erklärt der Geschäftsmann, der gerade von der Weinlese zurückgekehrt ist. Nun steht er mitten im Lilienthaler Weinladen von Jörg Dieter Rings, der noch schnell abschließt, bevor er Gabers Weine verkostet. Die beiden kennen sich seit vielen Jahren. Der Betriebswirt Gaber bittet den gelernten Winzer Rings um Rat. Eine Weinprobe mit Tipps und Trendprognosen vom Profi.

Als Jugendlicher nippte Jörg Dieter Rings zum ersten Mal am Weinglas seines Vaters und wusste genau, dass die Eltern die gleiche Sorte schon eine Woche zuvor getrunken hatten. Der gebürtige Rheinländer machte "Weintrinken, und alles, was damit zu tun hat", zu seinem Beruf. Er ließ sich als Weinbauer ausbilden, wurde Weinkaufmann, führte über 25 Jahre lang einen bekannten Weinimport in Bremen und bereiste in dieser Zeit unzählige Anbaugebiete auf der ganzen Welt. Seit sechs Jahren verkauft der Lilienthaler seine Lieblingstropfen in einem eigenen Geschäft – "keinen dieser Weine findet man im Lebensmitteleinzelhandel, alle Sorten sind von mir handverlesen und verkostet", unterstreicht der 59-Jährige. Seine Expertise ist bundesweit gefragt. Doch am liebsten sitzt der Weinkenner in geselliger Runde in seinem Laden mit Gästen zusammen und unterhält sich über Cuvée, Bouquet, Lagerung und die richtige Temperatur.

Endlich wieder treffen

"Endlich ist das wieder möglich", sagt Rings, während er die erste Flasche öffnet. Terra Regis, übersetzt "Königsboden", steht in Großbuchstaben auf dem Etikett eines Siebenbürgischen Chardonnay von 2017. Gaber verkauft seine Weine unter dieser Marke über ein Online-Portal. "Ja, der hat schon eine leichte Reifenote", kommentiert Experte Rings nach dem ersten Schluck. "Chardonnay in dieser Klasse würde man jung trinken", erklärt der Winzer. "Die jüngeren Jahrgänge sind schon verkauft", berichtet Gaber. 8000 Flaschen insgesamt. "Da ich im Rheingau geprägt wurde, ist der Riesling mein Lieblingswein", erzählt der 58-Jährige, der im Alter von elf Jahren von Siebenbürgen nach Eltville an den Rhein zog, wo seine Eltern in einem Weinbaubetrieb arbeiteten. 

"Rieslinge trinkt man aus dem aktuellen Jahrgang, der muss knackig frisch sein", erklärt Rings im Allgemeinen. "Eventuell noch aus dem Jahrgang davor. Mit Riesling hat man es am deutschen Markt sehr schwer, denn deutsche Rieslinge sind einfach Weltklasse. Rheingau und Mosel sind absolut top". Der Wein aus Siebenbürgen habe es da nicht so leicht. "Aber mit der Vermarktungsstrategie, die Herr Gaber fährt, ist das natürlich möglich", räumt Rings ein.

Gaber hat sich für seine Produkte eine Nische aufgebaut. Er lässt seine Trauben in Rumänien lesen und am Rhein weiterverarbeiten. Auf seinem Portal wirbt er mit Weinen aus Siebenbürgen. Kunden gebe es viele. "Es leben ungefähr 240.000 Siebenbürger Sachsen in Deutschland und die kaufen unseren Wein als Heimatwein für besondere Anlässe – für Hochzeiten, Jubiläen und runde Geburtstage", berichtet der Betriebswirt. Noch sei der Anbau ein Zuschuss-Geschäft. "Aber man muss Geduld haben", so der Kaufmann.

Geduldig war auch Rings während der Corona-Zeit. Seine Weinverkostungen musste er über eineinhalb Jahre absagen. "Nun geht es wieder los", freut sich der Rheinländer. Alle drei Wochen lädt er zur Verkostung in seinen Laden. "In diesem Jahr gibt es keine Plätze mehr", räumt er ein. Doch wer dringend ein paar Wein-Tipps braucht, bleibt beim Winzer nicht auf dem Trockenen sitzen.

Gibt es Trends?

Rings empfiehlt einen Grauburgunder vom Löss aus dem vergangenen Jahr vom Weingut Josef Michel. "Ein Allrounder, toll zu Sushi und leichten Speisen, aber auch zu Wild. Ich selbst würde zum Wild lieber einen Roten trinken, aber wer keinen Roten mag, ist damit gut bedient." Er sei jedoch eigentlich kein Fan von Wein-Empfehlungen zu bestimmten Gerichten. "Mir ist wichtig, was für Weine die Kunden wirklich mögen. Soll das ein älterer Wein sein, ein trockener oder lieblicher?"

Er selbst trinke gerne Rotweine im Holzfass gereift. Rings zieht einen Ribera del Duero von 2018 aus dem Regal. Zurzeit einer seiner Lieblingsweine. "Aber wenn Sie mich morgen fragen, würde ich vielleicht schon einen anderen wählen." Gibt es Trendweine? "Nach wie vor der Grauburgunder. Manche sagen, dass er zukünftig vom Weißburgunder abgelöst werden könnte. ,In' sind weiche Weine, der Primitivo gehört dazu. Er ist gefällig, weil er ein wenig mehr Restzucker in sich trägt. Aber Trends sind nicht meine Sache", sagt Rings.  "Jede und jeder sollte seinen eigenen Weintrend setzen – erst dann ist der Genuss vollkommen."

Zur Sache

Gelebte Solidarität für Flutopfer

Seit vielen Jahr bezieht der Lilienthaler Gastronom Jürgen Geffken seine Weine unter anderem von der Winzergenossenschaft Mayschoß-Altenahr, die in diesem Jahr von der Flutkatastrophe heftig getroffen wurde. Hunderttausende Flaschen wurden durch die Wassermassen in Mitleidenschaft gezogen, zum größten Teil aber nur äußerlich. Sie sind verdreckt und die Etiketten zerstört, ihr Inhalt aber sei nach wie vor tadellos, wie Geffken betont.

Er hat sich selber vor Ort über die Lage informiert und spontan 300 Flaschen Rosé aufgekauft. Die bietet er nun in seinem Gasthaus Zur Schleuse am Truperdeich 35 im Außer-Haus-Verkauf an, zum Einkaufspreis von neun Euro pro Flasche. Für Geffken ist das ein Stück gelebte Solidarität mit seinen Geschäftspartnern. In der zweiten Novemberwoche erwartet er eine weitere Lieferung „Flutwein“, dann sollen noch einmal 300 Flaschen Rotwein dazukommen.

Die meisten kaufen im Supermarkt

Nach einer repräsentativen Umfrage des Marktforschungsinstituts Nielsen ist der Anteil der Haushalte, die deutschen Wein kaufen, auf 49 Prozent gestiegen. Der Nielsen-Befragung zufolge bezogen die privaten Weintrinker ihren Wein im vergangenen Jahr zu 66 Prozent im Lebensmitteleinzelhandel und zu zwölf Prozent direkt bei Winzern. Jeweils neun Prozent der Haushalte bezogen ihren Wein über den Online-Handel sowie den Weinfachhandel.

Ein weiterer Trend: "Wir registrieren, dass Weintrinker ihr Portemonnaie weiter aufmachen, wenn sie beim Winzer oder beim Fachha?ndler einkaufen", berichtet Monika Reule, Gescha?ftsfu?hrerin des Deutschen Weininstituts (DWI). Sie führt die Entwicklung in erster Linie darauf zurück, dass sich der Weinkonsum von der coronabedingt zeitweise geschlossenen Gastronomie auf das Weintrinken in den eigenen vier Wänden verlagert habe.

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