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Biker-Brummi-Hilfe
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„Ein Mix aus Akutkrankenhaus und Asyl“

Gerald Weßel 06.03.2019 0 Kommentare

Hermann Munzel kennt Rumänien von seinen Touren mit der "Biker-Brummi-Hilfe". Zuletzt 2017 fuhren sie mit mehreren Lastkraftwagen in das in Teilen verarmte osteuropäische Land. 2019 ist es nun erneut soweit.
Hermann Munzel kennt Rumänien von seinen Touren mit der "Biker-Brummi-Hilfe". Zuletzt 2017 fuhren sie mit mehreren Lastkraftwagen in das in Teilen verarmte osteuropäische Land. 2019 ist es nun erneut soweit. (Marvin Ibo Güngör)
Was sollte man als deutscher Bürger über Rumänien zuvorderst wissen?

Hermann Munzel: Ja, Rumänien ist schwer zu beschreiben. Es ist ein schwieriges Land, das, wie so viele Länder in Osteuropa, mit sich selbst zu kämpfen hat. Wo die Bürger aber so langsam wach werden, was Korruption und verwandte Dinge angeht. Aber eben auch, wie sie klein gehalten werden und dass es eben nicht nur einige wenige sehr Große sind, die sich Protzpaläste hinstellen. Nein, es sind eben einige Taschen mehr, in denen das Geld Schritt für Schritt versickert, aber eben auch ohne, dass es bei ihnen, den kleinen Leuten, ankommt. So gibt es nach wie vor einen großen Hilfsbedarf, vor allem, wenn es sich um sozial- und gesundheitsbezogene Dinge handelt. Aber gefeit sind wir da auch nicht.

Was meinen Sie damit?

Naja, was Rumänien nie hatte und wir uns lange aufgebaut haben, das sparen wir uns in den letzten Jahrzehnten kaputt. Wir bewegen uns auf einem anderen Niveau, aber grundsätzlich ist es vergleichbar.

Sie erkennen Tendenzen aus Rumänien bei uns in Deutschland wieder?

Ja, durchaus. Und nicht nur ich. Viele, die bei unseren Fahrten dabei sind sagen, dass wir hier von anderen Größenordnungen sprechen, aber dieser oder jener Aspekt durchaus auch bei uns auftritt. Wir haben zum Beispiel ebenfalls Korruption bis zum Abwinken in Deutschland. Nur läuft sie bei uns weitaus subtiler ab. In Rumänien passiert sie offen. Aber abseits der offensichtlichen Probleme, die das Land hat, faszinieren mich viele Dinge an Rumänien.

Was zum Beispiel?

Eine ganz tolle Landschaft. Rumänien ist ein sehr schönes Land mit sehr viel Geschichte und die Menschen sind eigentlich durchweg sehr freundlich, offen und vor allem gastfreundlich.

Also trotz aller Probleme?

Ja, so erlebe ich das. Natürlich gibt es da auch historisch gewachsene Probleme in der Gesellschaft. Wer das Nachsehen hat – wie überall in den Ostländern – sind die Sinti und Roma.

Wie äußert sich das?

Das wird einem einerseits erzählt. Andererseits: Wenn man dort vereinzelt Menschen sieht, bei denen ein Unterschied in der Ärmlichkeit zu beobachten ist und fragt, wer das sei, dann bekommt man diese Information.

Es gibt also Arme und unterhalb der Armen die Sinti und Roma?

Ja, es gibt da leider Extra-Benachteiligte. Aber auch abseits dieser Extremfälle erleben wir in unserer Hilfsarbeit auch die Armut in vielerlei Form. Vor allem, wenn es um die Versorgung von Waisen und Geflüchteten geht. Hier sprechen wir von Leben in Erdlöchern oder auf der Straße, nur um ein Beispiel zu nennen. Aber staatliche Organe und Hilfsorganisationen versuchen hier durchaus, zusammenzuarbeiten. Dagegen ist unsere Arbeit sicher ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber es geht dabei natürlich auch darum, für Aufmerksamkeit zu sorgen. Natürlich wollen wir vor allem helfen. Wir fahren jetzt auch nach Arad, um beispielsweise an das deutsche Hilfswerk „Rumänien-Soforthilfe“ einen Auflieger voll mit Schulmöbeln, Kinderkleidung und Kinderspielzeug zu übergeben.

Rumänien ist seit 2007 Mitglied in der EU. Bewirkt das etwas?

Ja, das bewirkt etwas, aber nicht so viel, wie man erwarten sollte. Es gibt vieles, was nicht direkt befördert werden kann. Und dann wirkt es manchmal so, als würde die EU manche Normen gezielt so setzen, dass ein armes Land wie Rumänien diese niemals erfüllen kann. Das ist nicht das Ziel, ist nicht gewollt, aber es geschieht zum Beispiel bei medizinischen Geräten. Wir bringen Geräte, die in Deutschland aufgrund unserer sehr strengen Vorschriften ausgemustert werden, aber noch gut funktionieren, nach Rumänien, wo sie dann aber aufgrund ihres Alters nicht eingesetzt werden dürfen, weil sie zu alt sind. Die Geräte, die wir zur Spende bekommen, sind geprüft, funktionieren, sind aber öfter älter als 15 Jahre.

Ein Dilemma.

Ja, ein waschechtes Dilemma. Aber das ist der EU auch bewusst. Und so ist Hoffnung da, dass es Änderungen geben wird und Anpassungen vorgenommen werden. Über politische Kontakte, die wir haben, wird auch uns zu verstehen gegeben: Wir sind uns des Problems bewusst.

Und wie sieht es bei Ihrem Projekt und der EU aus? Hilft sie?

Ja, abseits der offensichtlich offenen Grenzen für Menschen und Waren, die für uns natürlich hilfreich sind, sind es auch die Investitionen seitens der EU in die Infrastruktur. Die bewegten Mittel bewegen etwas. In Rumänien wird zum Beispiel eine neue Autobahn gebaut, die von Ungarn aus quer durch das Land führen soll. Aber leider gibt es im Land nur wenige, die sie auch nutzen können. Dafür geht es vielen Menschen einfach wirtschaftlich zu schlecht. Und leider sieht man neben den modernen Autobahnen dann verarmte Siedlungen. Der Kontrast steht hier schon deutlich zutage.

In welchem Zustand ist das Gesundheitssystem in Rumänien?

Es ist materiell sehr schlecht ausgestattet. In meinem Fachbereich, also schwerpunktmäßig der Psychiatrie, liegt Rumänien knapp 40 Jahre hinter Deutschland. Ich war da in Kliniken drin, da schauert es mich. Das ist eine reine Aufbewahrungs-Psychiatrie. Ein Mix aus Akutkrankenhaus und Asyl. Die Körpermedizin leidet zudem – genau wie die Psychiatrie – unter Personalmangel, da viele Ärzte abwandern. Sie sind unzufrieden mit der Bezahlung und sie sehen auch beruflich unter diesen geschilderten Umständen keine Zukunft für sich und ihre Familien. Ich helfe dann auch, wenn Sie mich vor Ort ansprechen und um Rat bitten.

Worauf stellen sie sich bei der nächsten Tour unter anderem zu den rumänischen Städten Arad und Resita ein?

Es gibt immer Unterschiede, aber viele Probleme erwarte ich nicht. 2017, als wir zuletzt in Rumänien unterwegs waren, lief alles sehr gut. Transitregeln, die uns zum Beispiel 2018 bei Ausfahrt aus der EU auf den Balkan neu präsentiert wurden, also wenn man in einem Land nicht ablädt, sondern nur durch das Land hindurch fährt, wird es bei Einfahrt nach Rumänien nicht geben. Eben EU-Land. Eine lange und komplizierte Geschichte. Ich blicke optimistisch nach vorne, das ist meine 18. Tour und wie sagt man so schön: Irgendwas ist ja immer.

Haben Sie den Eindruck, dass Ihnen manchmal aktiv Steine in den Weg gelegt werden?

Ja, durchaus. Wir haben das schon ein paar Mal gehabt. Auf der letzten Reise war es schon drastisch. Im letzten Jahr wurden wir unter fadenscheinigen Gründen mehrfach in Mazedonien behindert. Hier spürte man, dass da jemand etwas gegen uns hatte. Sie wollten vielleicht nicht eingestehen, dass ihr Gesundheitssystem schlecht und die Krankenhäuser verarmt sind. Das kam von ganz oben. Nur mithilfe höchster Politik in Mazedonien und Deutschland wurden die Steine weggeräumt und wir konnten abladen und die Hilfsgüter so abliefern. Sobald Druck von oben kam, ging auch alles ganz schnell.

Was ist Ihr größter Wunsch für Rumänien, damit es vielleicht irgendwann in näherer Zukunft kein Problemland mehr ist?

Ich weiß nicht, was man da vonseiten der EU oder international machen kann. Ich würde den Rumänen wünschen, dass sie das Problem der Korruption in den Griff bekommen. Das hemmt nämlich alles im Land. Dies sollte von der EU unterstützt werden. Und zurzeit rumst es da richtig. Sie gehen viel auf die Straße. Die Mittel, die zur Verfügung stehen, sind vielfältig, aber sie müssen angewendet und durchgesetzt werden. Und eine Sache würde ich mir für ganz Europa wünschen.

Ja, was genau?

Diese Nationalisten, egal von wo, ob England, Deutschland oder von sonst wo her, die sollten mal mit uns mitfahren und sich einmal anschauen, was es heißt die EU zu haben. Die sollten sich ansehen, was es bedeuten würde, vor geschlossenen Grenzen zu stehen. Die Folgen eines Europas ohne Europäische Union müssten jedem klar werden.

 

Das Interview führte Gerald Weßel.

Zur Person

Hermann Munzel (65)

ist Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie und Vorsitzender des Vereins Biker-Brummi-Hilfe (BBH) mit Sitz in Weyhe. Zusammen mit Vereinskollegen und Unterstützern ist er jedes Jahr mit einer LKW-Biker-Kolonne voll beladen unterwegs, um Armen in Europa zu helfen. 2017 ging es zuletzt nach Rumänien, nun ist es 2019 wieder soweit. Es geht Ende Mai/Anfang Juni unter anderem in die Städte Arad und Resita.

Zur Sache

„Rumänien – ein europäisches
Problemland?“

Die Veranstaltung findet statt am Donnerstag, 7. März, ab 19.30 Uhr im Spieker des Cafés Alte Posthalterei. Pastor Friedrich Strauß schildert knapp die aktuelle Situation in Rumänien. Hermann Munzel berichtet im Anschluss über den Zustand der Krankenhäuser und erzählt von der Biker-Brummi-Hilfe. Als Abschluss wird die Syker Bürgermeisterin Suse Laue über ihren Besuch der Gemeinde Agris im Kreis Satu Mare in Rumänien berichten sowie von ihren Kontakten und den Besuchen ihrer Kollegin Zsuzsanna Marton aus der Gemeinde Agris erzählen.

Weitere Informationen

Biker-Brummi-Hilfe sucht Spender: Geld oder Kraftstoffe für Laster (Diesel von Unternehmen). Weitere Informationen, Kontakt und Kontoverbindung: www.bb-hilfe.eu/


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Leserkommentare
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