Livestream zur Einführung

BSAG lässt neue Straßenbahn „Nordlicht“ fahren

Die neue Straßenbahn kommt, und das wird gefeiert: Am 30. August gibt es eine Internet-Livesendung vom Bremer Marktplatz, wenig später steigen die ersten Fahrgäste ein.
11.08.2020, 14:30
Lesedauer: 4 Min
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BSAG lässt neue Straßenbahn „Nordlicht“ fahren
Von Jürgen Hinrichs
BSAG lässt neue Straßenbahn „Nordlicht“ fahren

120 Jahre Unterschied: die neue Straßenbahn und „Molly“, ein Wagen, der zwischen Horn und der damaligen Börse verkehrte.

Christina Kuhaupt

Die Bahn fährt los und nimmt das erste Mal Fahrgäste mit. Eine Minitour rund um die Reparaturhallen der Bremer Straßenbahn AG (BSAG) am Flughafendamm. Das Vorprogramm sozusagen, denn die eigentliche Premiere wird es erst in gut einem Monat geben, wenn die GT8N-2, so die technische Bezeichnung für den neuen Typ, regulär im Straßenbahnnetz eingesetzt wird. Feiern will die BSAG das am 30. August, allerdings unter Corona-Bedingungen: eine kammerspielartige Veranstaltung auf dem Marktplatz, die live im Internet zu sehen sein wird. Am Montag hat die BSAG das Programm vorgestellt, garniert mit einer Probefahrt.

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Vorher waren es in der Bahn nur Säcke, schwarz und mit Sand gefüllt. Die BSAG hat das Zeug palettenweise geordert, sie durfte bei den Tests nicht an Gewicht sparen, denn auch wenn das während der Pandemie kaum noch vorstellbar ist – es gab die Zeit, dass Menschen sich in der Bahn wie in einer Sardinenbüchse fühlten, so voll waren die Wagen, wenn Werder spielte und die Leute zum Stadion wollten. Auch diese Situation musste simuliert werden, die Techniker nennen es „Klötzchenfahrt“. Angenommen werden maximale Beladung und starker Seitenwind. Und dann muss man eben schauen: Neigt sich das 37 Meter lange und 48 Tonnen schwere Fahrzeug so sehr, dass Haltstellendächer, Masten oder Werbetafeln berührt werden könnten?

35 Zentimeter breiter

Bei der Fahrt auf dem Betriebsgelände besteht keine Gefahr. Wind gibt's keinen, noch nicht einmal ein Lüftchen, und die Fahrgäste sind ein paar Journalisten, BSAG-Chef Hajo Müller und Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne), die in dieser Funktion zugleich Aufsichtsratsvorsitzende der BSAG ist. Eine sehr übersichtliche Besatzung in einer Straßenbahn, die andere Proportionen hat als das Vorgängermodell. „Die neuen Bahnen sind 35 Zentimeter breiter und bieten deutlich mehr Platz und Komfort,“ hebt Müller hervor. Der Fahrer hat in seiner Kabine eine Rundumsicht, auch dies gehöre zu den Verbesserungen.

Am Schaltpult sitzt an diesem Tag jemand, der das sonst nicht mehr tut, er kann es aber noch. Matthias Zimmermann ist Betriebsleiter bei der BSAG. Er fing vor 20 Jahren als Fahrdienstleiter in dem Unternehmen an. Zimmermann lobt an der neuen Bahn die Federung, butterweich soll sie sein. „Außerdem ist das Anfahrverhalten anders, sechs der insgesamt acht Achsen in den vier Wagenteilen werden angetrieben, mit dem Vorteil, dass die Kraft besser auf die Schienen gebracht wird.“ Alles Eigenschaften, die auf so einem kurzen Stück Fahrt kaum zu spüren sind. Auch dies nicht: Die neue Bahn, so Zimmermann, bleibe in den Kurven stabil und mache keinen Schlenker wie das alte Modell.

Vorstellung neue Straßenbahn BSAG

Matthias Zimmermann am Schaltpult der neuen Straßenbahn. Der Betriebsleiter lobt die Federung des Fahrzeugs und erklärt, dass es die Kurven besser nimmt als das Vorgängermodell.

Foto: Christina Kuhaupt

Zwei der ultramodernen Bahnen gibt es bereits in Bremen, eine dritte kommt bald dazu, kündigt Müller an. „Wir wollen in diesem Jahr weitere 15 Fahrzeuge geliefert bekommen“, so der BSAG-Chef. Das wäre im Ganzen ein knappes Viertel des Gesamtpakets – bestellt sind 77 Straßenbahnen im Wert von 210 Millionen Euro. Die alten aus den 1990er-Jahren werden peu à peu ersetzt und landen in der Schrottpresse. Sie sind nach Einschätzung der BSAG in einem Zustand, der es dringend nötig macht, Ersatz zu besorgen.

Es hat seine Zeit gebraucht und wurde von Pech und Pannen begleitet. Seit acht Jahren beschäftigt sich das Verkehrsunternehmen nach Müllers Angaben mit der Neuanschaffung. 2016 ging die Ausschreibung raus, ein Jahr später gab's den Zuschlag, bekommen hat ihn Siemens. Für Mai 2019 war die Auslieferung geplant, doch dann begann das, was Müller „Turbulenzen und Friktionen“ nennt. Probleme in der Fertigung, offenbar auch in der Kommunikation. An der neuen Bahn wurde endlos herumgepfriemelt, die Änderungen betrafen nicht nur Kleinigkeiten, sondern auch die Konstruktion. Es gab auch Ärger mit den Türen und der Software, berichtet Müller. Letztlich seien mit Siemens aber einvernehmliche Lösungen gefunden worden.

Rollout live im Netz zu sehen

So schiedlich-friedlich ist das Verhältnis, dass Siemens die Hälfte der Kosten trägt, wenn am 30. August die große Sause steigt. "Das ,Nordlicht" kommt. Erster Halt in Deinem Wohnzimmer!", lässt die BSAG ihre Pressemitteilung beginnen. Das sogenannte Rollout der neuen Straßenbahn mit dem Namen "Nordlicht" ist als Stream im Netz zu sehen. Den roten Faden der 90-minütigen Übertragung vom Marktplatz bildet eine Schau der Bremer Straßenbahnen. Angefangen mit einem Pferdewagen aus dem Jahr 1888, der in einem Kleingartengebiet entdeckt wurde und beim Verein Freunde der Bremer Straßenbahn nun in guten Händen ist. Das Fundstück wird gerade restauriert. Die nächste Entwicklungsetappe ist bereits elektrisch: Ein Wagen der Linie 4 – "Molly" genannt, keiner weiß, warum –, der zwischen Horn und der Börse verkehrte. Lange her, 120 Jahre. Wo am Marktplatz die Börse war, steht heute das Gebäude der Bremischen Bürgerschaft.

Jede der Bahnen aus den unterschiedlichen Epochen wird bei der Präsentation von Prominenz begleitet. Das sind zum Beispiel Ex-Bürgermeister Henning Scherf (SPD), der Sänger Flo Mega, Pago Balke mit seinen Zollhausboys, Tänzer des Grün-Gold-Clubs und Vertreter der Bremer Philharmoniker. Es gibt diverse Einspieler und einen Trailer, der am Montag vorab gezeigt wurde. Der Videoclip inszeniert die neue Bahn als eine Art Märchen. Ein Kind, das im Bett aufwacht und sich den Traum erfüllt, in diesem schönen und großen Gefährt durch die Stadt zu gondeln. Der Märchenonkel bittet in die Bahn hinein und verspricht etwas: „Wir fahren, wohin Du willst.“ Und dann geht es los, die Bahn fährt los.

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Weitere Informationen

Der Livestream ist am 30. August ab 20 Uhr unter nordlicht.bsag.de zu sehen.

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