Teilnahme an Ausgrabungen Praktikum für syrischen Archäologen

Somar Alshaar hat ein sechswöchiges Praktikum bei der Landesarchäologie Bremen gemacht. Während dieser Zeit war er auf zwei Ausgrabungsstätten tätig.
22.07.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Praktikum für syrischen Archäologen
Von Jan-Felix Jasch

Somar Alshaar hat ein sechswöchiges Praktikum bei der Landesarchäologie Bremen gemacht. Während dieser Zeit war er auf zwei Ausgrabungsstätten tätig.

Somar Alshaar bekommt leuchtende Augen, wenn er von seinem sechswöchigen Praktikum bei der Landesarchäologie Bremen erzählt. Während dieser Zeit war er auf zwei Ausgrabungsstätten in Bremen tätig und hat archäologische Materialien und Arbeitsweisen kennengelernt, die ihm in seiner syrischen Heimat nicht begegnet sind.

Der 29-Jährige floh im September 2015 aus seiner Heimatstadt Salamiyah und machte sich auf den gefährlichen Weg Richtung Deutschland. Salamiyah liegt etwa eine Autostunde nördlich von der immer wieder umkämpften Stadt Homs in der Mitte Syriens. Sein Weg führte Alshaar zunächst zu Fuß bis in die Türkei. Von dort gelangte er dann schwimmend über eine Meerenge von 15 Kilometern auf die griechische Ferieninsel Samos. Kurz vor der Küste wurde er von der dortigen Polizei aufgegriffen und entkräftet und dehydriert ins Krankenhaus gebracht.

Zur Stabilisation trug er einen Schwimmring um den Bauch, in einem weiteren hatte er persönliche Gegenstände verstaut. Vor Erschöpfung musste er den zweiten Ring jedoch loslassen. Über Athen kam Somar Alshaar mit restlos überfüllten Bussen und Bahnen nach Deutschland. Er wusste schon damals, dass er unbedingt nach Bremen wollte. Sein Cousin, der selbst in Hamburg lebt, hatte ihm die Hansestadt empfohlen. „Vielleicht wollte er mich auch einfach nicht bei sich haben“, scherzt Alshaar.

Studierter Archäologe

In Bremen angekommen, lebte der studierte Archäologe zunächst in einem Zelt an der Universität mit fünf weiteren Menschen, ehe es für ihn weiter in ein Flüchtlingsheim nach Vegesack ging. „Dort ist es gut, nur lernen kann man nicht, weil es immer laut ist", berichtet er. Alshaar hatte zu Hause in Syrien viel gelernt, er besitzt einen Abschluss in Archäologie und arbeitete sechs Jahre bei einer syrischen Fachbehörde.

Er nahm auch an Ausgrabungen in Damaskus teil. Später begann er sogar ein Masterstudium in Tourismus, musste es aber nach einem Jahr aufgrund der beginnenden Unruhen abbrechen. Um nicht selber zur Armee eingezogen zu werden, entschied er sich für die gefährliche Flucht nach Deutschland.

Als Alshaar nach Deutschland kam, nahm er zunächst an einem Integrationskurs für Flüchtlinge teil. Dieser besteht aus einem schulischen Teil, in dem Deutschkenntnisse und einige rechtliche Grundlagen vermittelt werden, und eben einem sechswöchigen Praktikum. Durch das Engagement eines Lehrers konnte Alshaar dieses Praktikum bei der Landesärchäologie Bremen absolvieren und wurde sogleich mit offenen Armen empfangen.

Kompetente Hilfe

„Er ist der erste Flüchtling, der ein Praktikum bei uns macht", erzählt Uta Halle, die Leiterin der Landesarchäologie. „Es gab zwar kleinere Verständigungsschwierigkeiten, aber es war toll, dass wir jemanden mit Erfahrung bekommen konnten“, so Halle weiter. In dem sehr knapp besetzten Kollegium könne sie jede kompetente Hilfe gebrauchen.

Probleme mit der Anerkennung des Universitätsabschlusses aus Damaskus erwarten Halle und Alshaar nicht: „Herr Alshaar hat fast alle relevanten Dokumente mit nach Deutschland bringen können“, so Halle. Diese sind gerade bei Geflüchteten der Hauptgrund für das Scheitern der sogennanten Gleichwertigkeitsanträge. „Etwa zwei Drittel der eingereichten Anträge in Bremen erhalten die komplette Gleichwertigkeit, beim letzten Drittel kommt nur eine teilweise Gleichwertigkeit zustande, diese kann aber jederzeit durch Kurse und weitere Nachweise erhöht werden“, berichtet Björn Reichenbach von der Handelskammer Bremen.

„Allerdings gilt das für Ausbildungsberufe und duale Studiengänge. Hochschulabschlüsse werden bei der Zentralstelle für ausländisches Bildungswesen in Bonn geprüft“, so Reichenbach weiter. Es müssten die Existenz der Universität, die Dauer des Studiums und die Leistungen genau geprüft werden.

Andere Arbeitsweise

Somar Alshaar ist jedenfalls froh über die Chance, die er bei der Landesarchäologie bekam. „Ich habe viele neue Dinge kennengelernt“, berichtet er. In Syrien sind archäologische Funde in der Regel aus Stein. Bei den Grabungen im Stephaniviertel und in Mahndorf lernte er auch Holz und Keramik als neue Materialien kennen. Auch eine ganz andere Arbeitsweise musste er sich angewöhnen.

Im Gegensatz zu Syrien mussten die Grabungen in Bremen mit sehr viel feinerem Werkzeug durchgeführt werden, um die Reste einer Siedlung aus der Antike in Mahndorf und der mittelalterlichen Packhäuser im Stephaniviertel nicht zu beschädigen. Sowohl Halle als auch Alshaar berichten von einer lehrreichen und spannenden Zeit. „Es war eine tolle Zeit für beide Seiten“, so Halle. Die Landesarchäologie zieht es sogar in Betracht, weitere Geflüchtete als Praktikanten einzustellen, sofern sie über fachliche Vorkenntnisse verfügen, berichtet Halle.

Wie es bei Alshaar weitergeht, weiß im Moment noch niemand. Ab Montag stehen zunächst zwei weitere Wochen Schule im Rahmen des Integrationskurses an. Für die Zeit danach hofft der 29-Jährige auf eine Anstellung bei einer bremischen Grabungsfirma, mit der die Landesarchäologie eng zusammenarbeitet. Es wäre ein wichtiger Schritt zurück ins Berufsleben. Somar Alshaar überlegt auch, in Bremen weiter zu studieren. Aber für beides fehlt ihm noch das Wichtigste: die Bewilligung seines Asylantrages.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+