Beispiel Albanien Weiter Weg für Psychiatrie-Reform

Beim Talkabend in der Kulturambulanz über die Versorgung von Patienten sprechen sich Bremer Fachleute für den Ausbau ambulanter Betreuung aus.
05.02.2020, 19:57
Lesedauer: 4 Min
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Weiter Weg für Psychiatrie-Reform
Von Christian Hasemann

Ohne stationäre Betten wird es nicht gehen, aber eine bessere Versorgung von psychisch kranken Menschen ist möglich – das ist das Ergebnis eines Gesprächsabends mit dem Titel „Heilt Freiheit?“ in der Galerie im Park der Kulturambulanz auf dem Gelände des Klinikums Bremen-Ost.

Inmitten der Ausstellung „Madness“ mit Bildern von Künstlern, die sich des Themas Wahnsinn und psychische Erkrankung annahmen, sprachen Kathrin Lange, bei der Senatorin für Gesundheit zuständig für die Umsetzung der Psychiatriereform in Bremen, und Axel Kelm, Geschäftsführer des Arbeiter-Samariter-Bundes Bremen (ASB), mit Achim Tischer, Leiter der Kulturambulanz, über die Vergangenheit und die Zukunft der Psychiatriereform.

Die Reformen in der Psychiatrie gingen in Europa von Italien, genauer Triest, aus. Ende der 70er-Jahre änderte sich die Psychiatrie dort radikal: Die psychiatrischen Kliniken wurden aufgelöst und durch eine gemeindenahe Versorgung ersetzt. Ziel war es, die psychisch Erkrankten wieder in die Gesellschaft einzugliedern.

Schluss mit Einschluss

Die Übertragung dieser Ansätze auf ein gänzlich anderes System hat Kathrin Lange Anfang der 2000er-Jahre in Albanien verfolgt. Mehr noch: Als Projekt-Koordinatorin hat sie daran mitgewirkt. An ihr war es also, zunächst den Blick in die Vergangenheit zu werfen.

„Wir haben versucht umzusetzen, was in den 70er-Jahren in Italien passiert ist“, sagte Lange. Sie stieß auf ein System, das noch ganz auf Wegschließen ausgelegt war. „Alle Stationen waren abgeschlossen, das war ganz selbstverständlich.“ Es habe nicht mal Schränke für eigene Kleidung der Häftlinge gegeben und die psychiatrische Klinik sei rettungslos überbelegt gewesen. Anschaulich konnte Kathrin Lange das mit Fotos machen, die Menschen hinter Gitter zeigten, in Krankenhauskleidung, die eher an Sträflingsuniformen erinnerten. Zwei Jahre sollte das Projekt, das mit Entwicklungsgeldern finanziert wurde, den Umbau begleiten.

Kathrin Lange bewertete diese Art von Unterbringung nicht. „Das war eben die Vorstellung davon, wie man psychisch Kranke behandelt, und die Begründung war immer: Die Menschen sind doch so krank.“ Natürlich seien dort auch Menschen mit schweren Depressionen oder Psychosen gewesen. „Mit diesen Menschen rauszugehen und mit ihnen etwas zu machen, das erschien den Mitarbeitern unmöglich und ungeheuerlich.“

Eine erste Maßnahme sei gewesen, Krankenhauspersonal und Patienten gemeinsam in den Urlaub zu schicken. „Die radikalste Lösung mit monatelangen Diskussionen“, wie Lange sagte. Wichtig sei gewesen, dass sich Pfleger und Patienten neu kennenlernten. Und noch etwas sei essenziell gewesen: „Fundamental wichtig bei der Psychiatrie-Reform war, dass man sagt, das sind Bürger unserer Stadt.“ Es gehe darum, den Patienten Bürgerrechte wiederzugeben, normale Aktivitäten möglich zu machen.

Schließlich wurden die Stationen geöffnet, ein Aufnahmestopp verhängt und Gesundheitszentren in den Gemeinden eingerichtet. Allerdings: Die Reform ist nach einem politischen Wechsel in Albanien steckengeblieben. Langes Fazit: „Solche Konzepte funktionieren nur, wenn Politik und die gesundheitlichen Führungskräfte das möchten und auch gegen Widerstände durchsetzen.“

Axel Kelm hat früher in der stationären Abteilung des Krankenhauses Bremen-Ost gearbeitet. Seine Einschätzung zum Klinikalltag: „Ich glaube, dass wir in der Klinik Probleme lösen, die Menschen mit Menschen in der Klinik haben und nicht so sehr die tatsächlichen Probleme der Menschen.“ Soll heißen: Die Institution Klinik mit ihrem geschlossenen und beengten System bringt selbst Probleme hervor, die die eigentlichen Schwierigkeiten von Patienten überlagern oder sogar erst verursachen. Auch Kelm sieht in einem stärkeren Ausbau der ambulanten Versorgung die Zukunft der Psychiatrie. „Ich glaube, dass man zwar weiterhin ein Krankenhaus in einem bestimmten Maß braucht, aber daneben viel mehr psychische Zentren und vernetzte Einrichtungen in den Stadtteilen.“

Einig sind sich Kathrin Lange und Axel Kelm auch darin, dass die Behandlung aus einem Zusammenspiel verschiedenster Akteure, wie zum Beispiel Sozialarbeitern, Psychologen, Medizinern und Therapeuten bestehen muss. Lange gibt außerdem zu bedenken, dass nur mit einem Abbau von Krankenhausbetten der Geist in der Behandlung sich nicht automatisch wandele. „Wenn man den psychisch Kranken auf seine Rolle als psychisch Kranken reduziert, ist das doch auch wieder eine Hospitalisierung.“

Axel Kelm sieht für einen möglichen Aufbau von Gemeindezentren nach Vorbild Italiens in den Stadtteilen große Schwierigkeiten. „Wenn ich so etwas in der Nachbarschaft bauen möchte, dann gibt es da gleich zwei Bürgerinitiativen mit Bedenken.“ Es müssten Ideen entwickelt werden für eine Gesellschaft, die einen großen Wunsch nach Sicherheit habe. „Sie sollen nicht hinter Gitter sein, aber auch nicht in meiner Straße wohnen“, fasste Kelm die mutmaßlichen Gedanken von potenziellen Nachbarn zusammen.

Letztlich, da sind sich Klein und Kelm einig, bräuchte es die ganze Nachbarschaft und ein Zusammenspiel vieler Partner, um eine wohnortnahe Versorgung von psychisch Kranken umzusetzen.

Weitere Informationen

Die Ausstellung „Madness“ mit Bildern von Christian Fogarolli, Simone Haacke und Per Morten Abrahamsen ist bis zum 16. Februar in der Galerie im Park, Gelände Klinikum Bremen-Ost, zu sehen. Am 16. Februar, um 15 Uhr ist die Finissage mit einer Kuratorenführung von Uwe Goldenstein.

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