Handballverbände Bremen und Niedersachsen

Verständnis für die Absetzung

Es war keine Überraschung, dass sich die Handballverbände Bremen und Niedersachsen jüngst dazu entschieden hatten, den gemeinsamen Verbandspokal für die Zukunft abzusetzen.
15.03.2021, 14:56
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Von Olaf Kowalzik
Verständnis für die Absetzung

Im Endspiel rollten die Fans des SV Beckdorf ein Transparent mit der Aufschrift „Wir angeln uns den Pokal" aus.

Olaf Kowalzik

Die Trauer hielt sich bei den betroffenen Nordvertretern in Grenzen. Es war für sie keine Überraschung, dass sich die Handballverbände Bremen und Niedersachsen jüngst dazu entschieden hatten, den gemeinsamen Verbandspokal für die Zukunft abzusetzen (wir berichteten). „Ich kann das verstehen“, äußerte sich Henning Schomann, mit den Oberliga-Männern der HSG Schwanewede/Neuenkirchen der ranghöchste Trainer dieser Region, zum Pokal-Aus. „Was soll der Verband auch veranstalten, was zuletzt nur noch wenige mochten.“

Fast fünf Jahre ist es her, dass die „Schwäne“ im Final Four mit Heimrecht in der Halle in der Heideschule besonders präsent waren. 455 überwiegend Schwaneweder Zuschauer klatschten ihre Farben zunächst zum 20:19-Halbfinalsieg über den hohen Favoriten MTV Braunschweig. Im Endspiel rollten die Fans des SV Beckdorf ein Transparent mit der Aufschrift „Wir angeln uns den Pokal“ aus und hielten selbst gemachte Angeln in die Luft.

Tatsächlich gewann der Ligarivale aus Beckdorf mit einem 22:18-Erfolg den Cup, weil die HSG Schwanewede/Neuenkirchen im Endspiel gleich fünf Siebenmeter verwarf. So schön das Ereignis auch war, so zäh empfanden offenbar viele Klubs den Weg zum Cup. Zumal sich die „Belohnung“ für den Pokalsieg geändert hatte. Früher hatten sich die Verbandspokalgewinner direkt für die DHB-Pokal-Hauptrunde qualifiziert, mit der Chance, auf einen Gegner aus der Bundesliga zu treffen.

Zu zäher Weg

Seit der Saison 2014/15 müssen die Männer zunächst gegen die Sieger der anderen deutschen Landesverbände im DHB-Amateurpokal antreten, ehe sich deren Finalisten für den DHB-Pokal qualifizieren. Das stellt für die Klubs während der Saison eine zusätzliche sportliche und finanzielle Belastung dar, sodass einige Landessieger auf den Start im Amateurpokal verzichten.

„Ohne richtigen Anreiz, ohne ein greifbares Ziel, macht es den Spielern keinen Spaß, sich auf den Pokal vorzubereiten“, erklärt Henning Schomann das Dilemma. Bei den Frauen ergatterten die beiden Verbandspokal-Finalistinnen weiterhin Tickets für die Teilnahme an der DHB-Pokal-Hauptrunde.

Marcel Hägermann ist hinsichtlich des Pokal-Aus zwiegespalten. Der Landesliga-Trainer des SV Grambke-Oslebshausen (Männer) „fand den Pokal als Saisonvorbereitung eigentlich gut. Wenn ich aber an die vergangenen Jahre denke, dann bin ich mit einer immer geringeren Anzahl an Spielern im Pokal angetreten. Daher konnte ich nicht einmal mehr das wirklich als Test ansehen“, ergänzt er.

Eine Belastung weniger

„In gewisser Weise ist die Absetzung des Pokals schade, da man sich auch einmal gegen bessere Gegner ausprobieren konnte“, meint Niko Wachowiak, Landesliga-Männer-Trainer der HSG Schwanewede/Neuenkirchen II. Im Gegenzug sieht er aber auch gerade bei den Fällen, in denen sein Team weitergekommen wäre, nun „eine Belastung weniger“.

Viele andere Übungsleiter nahmen den Pokal gerne als ersten Vorbereitungstest unter Wettkampfbedingungen mit, sie sahen das Weiterkommen dann aber eher als Übel an. Der SVGO-Trainer Stephan Rix hat mit seinen Landesklasse-Frauen „immer gerne im Pokal gespielt, da man dort auf andere Mannschaften aus anderen Ligen trifft.“ Zuletzt hatten seine Gelb-Blauen darin dem klassenhöheren Landesligisten SV Werder Bremen III beim 30:35 lange Zeit Kopfzerbrechen bereitet. Sein Vereinskollege Jörg Rutenberg, der das zweite Männerteam des SV Grambke-Oslebshausen in der Landesklasse trainiert, rückt zunächst einmal ein ganz anderes Thema in den Fokus. „Für mich ist wichtig, dass wir hoffentlich bald wieder trainieren können. Und wenn es zunächst nur draußen ist“, betont er. Er fand es aber gut, im Pokal auch einmal gegen andere Mannschaften spielen zu können – sich größeren Herausforderungen stellen zu können. „Aber da haben wir als unterklassige Mannschaft sicherlich auch einen anderen Blickwinkel“, gibt er zu verstehen.

Nachvollziehbare Entscheidung

In der Tat fördert Schwanewedes Trainer Henning Schomann auch gleich die andere Perspektive zutage. „Als ich früher als Verbandsligaspieler im Pokal weitab vom Schuss bei unterklassigen Gegnern antreten musste, hielt sich meine Begeisterung in Grenzen. Vor allem dann, wenn dort auch noch die Backe verboten war“, blickt er auf seine damalige Gefühlslage zurück. Insofern kann er es nachvollziehen, dass der Deutsche Handballbund in der Saison 2014/15 die DHB-Pokal-Hauptrunde der Männer deutlich verkleinerte, um den Bundesligisten mehr Freiraum zu verschaffen. Als Zwischenstation wurde für die Landespokalgewinner der DHB-Amateurpokal eingeschoben.

An der Begeisterung im Verbandspokal hatte es aber auch schon früher des Öfteren gemangelt, als dort noch die Drittligisten die Endspiele dominiert hatten. Da sahen die unterklassigen Teams den Pokalstart in anderer Hinsicht als nicht immer erstrebenswert an, weil er ihnen aussichtslos erschien. Letztendlich gelang dem Verband die Quadratur des Kreises nicht, jetzt ist der Pokalwettbewerb in Bremen und Niedersachsen erst einmal Geschichte.

Der BHV und der HVN schließen eine Rückkehr eines Tages zum Pokal aber nicht aus, wenn die Vereine das denn jemals wieder wünschen.

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Zur Sache

Erfolglose Reformversuche

Reformversuche starteten die Handballverbände Bremen (BHV) und Niedersachsen (HVN) einige, um die Akzeptanz ihres Pokals zu erhöhen. 2014 wurde er als ein Pokal über das ganze Spielgebiet der beiden Verbände ausgedehnt, nachdem in den Jahren zuvor noch zwei regional begrenzte Pokale ausgespielt worden waren. Vorrunden im Turniermodus sollten den Event-Charakter erhöhen. Um die Anreisen für die Teams dennoch möglichst gering zu halten, wurden zunächst regionale Auslosegruppen gewählt, die von Runde zu Runde immer weiter ausgedehnt wurden. Die Teilnahme wurde 2014 für die Teams von der Oberliga bis hinunter zur Landesliga zur Pflicht erklärt. Die Klubs setzen sich gegen diese Zwangsteilnahme passiv zur Wehr, indem sie unterklassige Spieler beziehungsweise Teams ins Rennen schickten, was 2019 wiederum zur Einführung der freiwilligen Pokalteilnahme führte. Mittlerweile war die Turnierform längst wieder abgeschafft und durch Final-Four-Runden oder durch Einzelspiele ersetzt worden.

Um aus einem größeren Pool an potenziellen Teilnehmern schöpfen zu können, erhielten auch die Teams aus der Landesklasse eine Startberechtigung für den Verbandspokal. All das half nicht: „Nach der Abschaffung der Pflichtteilnahme am Pokal ist die Resonanz sehr gering geworden. Der Wettbewerb konnte nur noch durch die Teilnahme der Mannschaften aus der Landesklasse Weser-Ems sinnvoll durchgeführt werden“, sagt Jens Schoof, Vizepräsident Spieltechnik im BHV und im HVN. Und da die Landesklassen mit dem Saisonende 2021/22 aufgelöst wird, fällt ein weiterer Kreis an möglichen Pokalteilnehmern weg. „Mit der zu erwarteten Anzahl der Meldungen ist ein sinnvoller Pokalwettbewerb nicht aufrechtzuerhalten“, begründet Schoof das Aus.

Die Abschaffung des Verbandspokals hat aber auch für die Klubs Folgen: „Da kein Verbandspokalsieger mehr ausgespielt wird, kann aus diesen Reihen auch kein Teilnehmer mehr zum DHB-Pokal der Frauen, beziehungsweise zum Amateurpokal der Männer gemeldet werden“, klärt Jens Schoof auf.

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