Unsere Vereine: der TV Grohn Von Porzellanmalern gegründet

TV Grohn hat sich in seiner 137-jährigen Geschichte vom Turn- zum Sportverein gewandelt
19.03.2021, 13:43
Lesedauer: 4 Min
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Von Klaus Grunewald

Als „Turnvater“ Friedrich Ludwig Jahn vor gut 200 Jahren die Turnbewegung anschob, war die Resonanz enorm. Überall in Deutschland gründeten sich Vereine, um die sportliche Betätigung für den Bürger zu organisieren. In Grohn waren es die Porzellanmaler der Norddeutschen Steingutfabrik, die am 21. Oktober 1883 den TV Grohn aus der Taufe hoben, der heute rund 480 Mitglieder zählt, die in elf Sparten die körperliche Ertüchtigung pflegen, wie es Jahn formulieren würde.

Die Aktivitäten des TV Grohn, den der langjährige Vorsitzende Uwe Harm als große Familie bezeichnet, verlaufen in ruhigen Bahnen – momentan natürlich auch wegen der Corona-Pandemie. Dennoch war die öffentliche Wahrnehmung des Turnvereins schon zuvor geringer als die des wesentlich kleineren SV Grohn. Dort wird ausschließlich Fußball gespielt. Und der ist medienwirksamer als Prellball, Nordic Walking oder Geräteturnen.

Bis 1956 besaß allerdings auch der größte Grohner Sportverein eine Fußballsparte. Er hieß damals noch TSV Grohn. Grund: Die Besatzungsbehörden hatten 1945 alle bestehenden Vereine aufgelöst, um die nationalsozialistischen Spuren zu tilgen. So war 1946 zunächst die Sportgemeinschaft (SG) als einziger Großverein in Grohn genehmigt worden, die sich später auf Antrag der Turnsparte in TSV Grohn umbenannte. Erinnert sich Karl Wilhelm Busch, von 1985 bis 1997 Vorsitzender des SV Grohn und jetzt Pressesprecher des TV Grohn: „Als ich 1956 an meinem zehnten Geburtstag auf dem damaligen Grohner Sportplatz an der Schönebecker Straße zu den Fußballern stieß, waren sie noch Mitglieder des TSV Grohn.“ Im selben Jahr trennte sich die Kicker-Sparte jedoch nach Auseinandersetzungen über die Verwendung des Vereinsbeitrags vom Großverein und gründete den SV Grohn. Dort mussten sich die Jugendlichen vom TV Grohn zusätzlich anmelden, wenn sie Fußball spielen wollten.

Freilich begeisterten sich in den 1950er Jahren auch viele Grohner Jungen für den Handball. „Damit wir auf dem Feld und später in der Halle Handball spielen durften, mussten wir also auch Mitglied beim TV Grohn sein“, erzählt Busch. In den 1980er Jahren verflachte das Interesse am Handball jedoch erheblich und der TV Grohn gab die Sparte auf.

Karl Wilhelm Busch hat später als Chef des SV Grohn mehrmals versucht, beide Vereine „wieder zueinander zu bringen“. Aber sein ehemaliger Schulfreund Jürgen Burneleit habe ihm damals als Vorsitzender des TV Grohn wenig Hoffnung gemacht. Zwar gab es auch später immer mal wieder Überlegungen, beide Vereine zu fusionieren. Doch das sei schon lange kein Thema mehr, sagt Uwe Harm (83), der seit 15 Jahren an der Spitze des TV Grohn steht und zuvor als Chef des MTV Eiche Schönebeck sowie des Kreissportbundes Bremen-Nord (KSB) fungierte. Auf der nächsten Jahreshauptversammlung will er nicht wieder kandidieren. Wann sie stattfindet, ist wegen der Corona-Pandemie ungewiss.

Wesentlicher Auslöser für die Gründung von Turnvereinen in Deutschland war seit Anfang des 19. Jahrhunderts der gesundheitliche Aspekt. Turnen, darunter verstand man alle geläufigen Sportarten, sollte die körperliche Leistungsfähigkeit stärken – in erster Linie die der Männer. Der TV Grohn zum Bespiel hob erst 37 Jahre nach seiner Vereinsgründung eine Frauenabteilung aus der Taufe (1920). Heute gibt es auch zahlenmäßig die Gleichberechtigung im Verein. Von den rund 480 Mitgliedern sind etwa 50 Prozent weiblichen Geschlechts.

Der einst reine Turnverein habe sich inzwischen zu einem Sportverein mit breiter Angebotspalette gewandelt, erläutert Karl-Wilhelm Busch. Aktuell bietet der TV Grohn elf Sportsparten an: Tennis, Tischtennis, Turnen, Schwimmen, Prellball, Nordic Walking, Radwandern, Volleyball, Gesundheitssport, Gymnastik und Fitness. Besonders erfolgreich waren bis zum Corona bedingten Lockdown die Tischtennisdamen, die in der Bezirksliga West ungeschlagener Tabellenführer sind. Überhaupt, so Karl-Wilhelm Busch, verfüge der TV Grohn unter 34 Vereinen mit Tischtennissparten im kleinsten Bundesland nach Werder Bremen und SG Findorff über die drittgrößte Tischtennisabteilung.

Die TVG-Leistungsgruppe der Geräteturner gehört in der Weser-Liga mit ihrem Coach Wolfgang Koschuch ebenfalls zu den dominierenden Teams. Überhaupt ist die Turnabteilung mit rund 160 Frauen, Männern, Jugendlichen und Kindern laut Koschuch die mitgliederstärkste des Vereins, gefolgt von den Tennisspielern mit 95 Aktiven. Und die vor allem bangen gegenwärtig um ihre angestammte Spielstätte auf dem Oeversberg. Denn weiterhin ist ungewiss, wann und wie die geplante Neugestaltung des Grohner Sportzentrums realisiert wird.

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Zur Sache

Spielbetrieb an verschiedenen Stätten

Sportler müssen flexibel sein, auch was die Örtlichkeiten ihrer Aktivitäten betrifft. Als der TV Grohn 1883 gegründet worden war, wurde mittwochs und sonnabends ab 18 Uhr in einem Lokal geturnt, das auf dem Gelände des Toom-Baumarktes an der Vegesacker Heerstraße/Ecke Hermann-Fortmann-Straße stand. Ein Jahr später zog man zum Schützenhof im Aumunder Heerweg um, wo sich jetzt das Jugendheim befindet. Erst 1923 verlagerte sich das sportliche Geschehen in die neu gebaute Grohner Turnhalle, die im Zweiten Weltkrieg allerdings als Kornspeicher dienen musste. Nach dem Krieg und vor allem in den 1980er Jahren wandelte sich der einst reine Turnverein zu einem Sportverein mit breiter Angebotspalette. Zentrale Übungsstätte ist seitdem die von der Stadt gepachtete und inzwischen modernisierte Halle an der Straße Am Grohner Schulhof, wo 2006 auch ein Vereinsheim entstand. Während die Tennisspieler auf der Oeversberg-Anlage zuhause sind, aber auch verschiedene Hallen im Umland nutzen, wird in der eigenen Halle zum Beispiel geturnt und Volleyball gespielt. Derweil trainieren und spielen die Tischtennis- und Prellballspieler in der Schulturnhalle Am Wasser in der Tidemannstraße, und die Schwimmer ziehen ihre Bahnen im St. Magnuser Bad neben dem Oeversberg.

Corona bedingt ruht gegenwärtig natürlich auch beim TV Grohn der Sportbetrieb. Deshalb wollte der Vorstand auf einen Teil der Mitgliedsbeiträge verzichten, ist allerdings aufgrund der Vereinssatzung gezwungen, einen Beschluss der Jahreshauptversammlung abzuwarten. Wann die stattfinden kann, ist ungewiss. Sicher ist nur, dass der langjährige Vorsitzende Uwe Harm und seine Stellvertreterin Susanne Kuipel nicht wieder kandidieren wollen. Jörg Lackner und Martin Kotschote haben sich nach Vereinsangaben bereit erklärt, diese Aufgaben zu übernehmen.

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