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Robert Atzorn spielt die Hauptrolle im TV-Film "Stilles Tal" (Mi., 07.09., ARD, 20.15 Uhr)

Kai-Oliver Derks 05.08.2011 0 Kommentare

Robert Atzorn lebt mit seiner Frau im Chiemgau. Nach 30 Jahre langer Auszeit kehrte er kürzlich ans Theater zurück.
Robert Atzorn lebt mit seiner Frau im Chiemgau. Nach 30 Jahre langer Auszeit kehrte er kürzlich ans Theater zurück. (MDR / Conny Klein)

In seinem Garten steht er tatsächlich: jener Zirkuswagen, der Robert Atzorn und seine Frau Angelika nun schon seit zwei Jahrzehnten begleitet. Ein Ort, um sich zurückzuziehen, vielleicht mal Texte zu lernen. Aber sicher kein Symbol im tieferen Sinne. Atzorn ist angekommen, lebt in einem Ort im Chiemgau fern des städtischen Trubels und wählt sorgsam aus unter dem weiterhin zahlreichen Angeboten. "Nord Nord Mord" hieß ein sympathischer, leichter Film des ZDF, in dem er einem Kommissar spielte und der demnächst fortgesetzt werden soll. Für "Terra X" bereist er als sogenannter "Presenter" die Welt auf den Spuren von deutschsprachigen Entdeckern. Zunächst aber ist er in dem TV-Film "Stilles Tal" (Mi., 07.09., ARD, 20.15 Uhr) zu sehen. Atzorn spielt einen Wessi, der sich im Osten ein Haus zurückerstreiten will. Doch dort hat inzwischen ein Einheimischer, gespielt von Wolfgang Stumph, ein Ausflugslokal errichtet. Eine Fehde beginnt. Bis die Jahrhundertflut kommt und die beiden zusammenschweißt.

Gemeinsam mit Wolfgang Stumph (links) spielt Robert Atzorn in dem TV-Film
Gemeinsam mit Wolfgang Stumph (links) spielt Robert Atzorn in dem TV-Film "Stilles Tal". Es ist ihre erste Zusammenarbei (MDR / Conny Klein)

teleschau: "Stilles Tal" ließe sich als der kleinste Katastrophenfilm aller Zeiten bezeichnen.

Robert Atzorn: Eine gute Beschreibung. Es ist eine Art Kammerspiel unter Wasser.

"Stilles Tal": Die Flut ist über den sächsischen Ort hereingebrochen. Konrad Huberty (Robert Atzorn) wird gerettet. (MDR / Conny Klein)

teleschau: Aber wasserscheu durften Sie beim Dreh nicht sein.

Atzorn: Bin ich auch nicht, ich liebe das Wasser. Ich wurde in Hamburg groß, und nun lebe ich am Chiemsee. Außerdem drehten wir im Sommer. Es war immer feucht, aber gefroren haben wir nicht. Wolfgang Stumph hat mal im Scherz gemeint, es sei wie in einer Badeanstalt gewesen.

Die Katastrophe scheint unausweichlich und schweißt die verfeindeten Familien zusammen, von links: Barbara Stille (Ulrik
Die Katastrophe scheint unausweichlich und schweißt die verfeindeten Familien zusammen, von links: Barbara Stille (Ulrik (MDR / Conny Klein)

teleschau: Erinnern Sie sich an Ihre ersten schauspielerischen Erfahrungen mit den neuen Kollegen nach der Einheit?

Atzorn: Sie waren von Anfang an positiv, schon damals, als wir die Serie "Unser Lehrer Dr. Specht" drehten, für die einige Darsteller aus dem Osten verpflichtet wurden. Das Schöne an ihnen war: Sie waren keine Einzelkämpfer. Diese Jeder-gegen-jeden Mentalität, die es im Westen schon damals gab, existierte bei ihnen nicht. Inzwischen ist das anders geworden. Aber damals strahlten die Ossis immer ein Gemeinschaftsgefühl aus - vermutlich entstanden aufgrund der Notwendigkeit, als Künstler denen da oben in ihrem Land immer auf verklausuliertem Weg in den Texten eins mitzugeben. Das schweißte zusammen. Eine positive Solidarität.

teleschau: Wo waren Sie, als die Mauer fiel?

Atzorn: In Berlin, ich drehte dort. Da bekam ich von Euphorie einiges mit. Eine tolle Erfahrung.

teleschau: Sie wurden im Februar 1945 in Bad Polzin in Pommern geboren. Schon nach wenigen Tagen flohen Ihre Mutter und Ihre Großmutter mit Ihnen Richtung Westen. Haben Sie sich je gefragt, was aus Ihnen geworden wäre, wenn Sie im Osten Deutschlands groß geworden wären?

Atzorn: Interessante Frage. Hätte ich mich wohlgefühlt? Wäre ich Schauspieler geworden? Ehrlich, ich weiß es nicht. Wir hatten Verwandte in Bad Polzin, deswegen wurde ich da 1945 geboren, weil meine Familie glaubte, da wären wir sicher. War es aber nicht. Der Rest meiner Familie lebte im Westen. Insofern stellte sich die Frage nach dem Wohin für uns nicht.

teleschau: Wer in die Geschichte blickt, muss schlussfolgern, dass es stets einer Katastrophe bedarf, damit der Mensch zusammenrückt.

Atzorn: Es scheint so zu sein. Man denke nur an die Erzählungen der älteren Generation: wie man sich nach dem Krieg half, wie man gemeinsam alles wieder aufbaute, wie man zusammenstand. Eine solche Situation beschreiben wir auch in "Stilles Tal". In der Not geht es nicht mehr um Klassenunterschiede, es geht nur noch um die reine Existenz. Unser Film zeigt das recht gut. Der Mensch ist an sich ja nicht klug. Er lebt seine Sinne aus, bis er an die Grenzen stößt. Wobei: Jede Katastrophe ist Lernstoff. Und ohne Lernstoff geht es nicht.

teleschau: Hat die deutsche Regierung tatsächlich aus Fukushima gelernt?

Atzorn. Nun, es passte ihr sicher gut, dass sie jetzt den Schwenk nehmen konnte. Ich glaube schon, dass Deutschland eine Vorreiterrolle einnehmen kann. Wobei: So weit wie jetzt waren wir bei der Kernkraft ja schon damals mit den Grünen. Es geht eben immer auch um machtpolitische Interessen. Mal sehen, welche Folgen das alles bei der nächsten Wahl hat.

teleschau: "Stilles Tal" wurde auf dem Land gedreht ...

Atzorn: Ja, in der Nähe von Wittenberg. Da lebt kein Mensch mehr, der jung ist. Die Dörfer wirken wie ausgestorben. Klar, die älteren Menschen sind da. Die Landschaft blüht. Doch die Jugend ist fort, das macht einen schon sehr nachdenklich.

teleschau: Es fehlen die Perspektiven ...

Atzorn: Die Industrie ist abgewandert. Ich hatte schon damals, gleich nach der Wende, kein gutes Gefühl, als ich sah, wie der Westen den Osten überrannte. Firmen wurden aufgekauft, man ließ sie pleitegehen und übernahm die Kundschaft. Diese Übernahme-Philosophie fand ich furchtbar. Und der Westen fühlte sich super dabei. Ohnehin ging damals alles viel zu schnell. Aber die kapitalistische Gier kam eben durch.

teleschau: Nach 30 Jahren sind Sie auf die Bühne zurückgekehrt. Im "Schlosspark Theater" in Berlin spielen Sie in der französischen Komödie "Achterbahn". Wie kam es dazu?

Atzorn: Mir war klar, dass ich kein klassisches Theater machen wollte. Nur eine Komödie kam in Frage. Ich wollte mal meine "leichte Seite" zeigen, und im Fernsehen habe ich leider wenig Möglichkeiten dazu. Dann bot mir Dieter Hallervorden, der dort Künstlerischer Leiter ist, die Rolle an. Im Oktober stehe ich wieder auf der Bühne.

teleschau: Ist das Theater gut fürs Ego?

Atzorn: Ach, nein. Darum geht es mir nicht. Aber es freut mich natürlich, dass die Leute den Atzorn mal live sehen wollen.

teleschau: Hatten Sie nach so langer Pause keine Selbstzweifel?

Atzorn: Ich fragte mich schon: Kannst du einen Abend überhaupt noch tragen? Ich gebe zu, bei den Proben war ich sehr nervös. Aber ich war gut vorbereitet. Bei der Premiere allerdings hatte ich sofort einen Hänger, ich redete statt meines Textes irgendeinen Schwachsinn, und keiner hat's gemerkt. Aber nach diesem Fauxpas lief es prima.

teleschau: Es geht um einen verheirateten älteren Mann, der seinen Marktwert noch einmal bei einer deutlich jüngeren Frau testen will.

Atzorn: Ein echter Macho. Und sie ist so klug und führt ihn vor, bis wirklich die letzte Maske gefallen ist. Ich gebe zu, manchmal frage ich mich, wie es bei dem Stück manchem Mann dort unten im Zuschauerraum ergeht, der vielleicht seine Frau betrügt.

teleschau: Was empfinden Sie bei einer solchen Geschichte?

Atzorn: Klar, wer Angst vorm Alter hat, der wünscht sich womöglich, noch einmal etwas nachzuholen. Plötzlich ist dann ja auch ein bisschen Geld da, und dann verknallen sich die Kerle in ihre junge Sekretärin. Aber für mich wäre das nichts. Junge Frauen stehen in einem anderen Lebensabschnitt, die wollen was erleben. Ich fange an, meine Spiritualität zu entdecken, nach innen zu gehen, und sie will in die Disco. Nein, das brauche ich wirklich nicht. Man stelle sich vor: mein alter Körper neben so einem jungen knackigen. Nein, da würde ich mich schämen.

teleschau: Sie sind 66 Jahre, da fängt das Leben an ...

Atzorn: Bei Udo Jürgens vielleicht. Bei mir sicher nicht.

teleschau: Wie wollen Sie alt werden?

Atzorn: Ich will die Natur genießen, meinen Garten, meine Beziehungen zu Frau und Kindern pflegen. Ganz einfach, ganz simpel alt werden. Ich tue eine Menge für meine Gesundheit, aber man weiß nie, was der liebe Gott für einen in petto hat. Also genieße ich jeden Tag. Wobei ich zugeben muss: Viele Bekannte fallen dabei hinten runter, weil ich mich nicht mehr um sie kümmere. Meine Zeit ist mir einfach zu kostbar. Ich will auch nicht mehr wie mit 30 einfach mal eine Nacht durchmachen. Das hatte ich alles, aber nun brauche ich es nicht mehr.

teleschau: Sind Sie gelassener als früher?

Atzorn: Absolut. Ich habe viel gesehen auf meinem Weg. Schon alleine, weil wir x-mal umgezogen sind. Früher hing ich an Dingen, an Plätzen, an Besitz. Heute hänge ich eigentlich an gar nichts mehr, außer an meiner Frau. Und wenn wir morgen in Berlin in zwei Zimmern wohnen müssten, weil wir uns das Haus hier nicht mehr leisten könnten, dann wäre das auch in Ordnung. Meine Erinnerungen bleiben ja.

teleschau: Sie wirken wie jemand, der es versteht, älter zu werden.

Atzorn: Ich hatte sicher meine Krisen. 60 Jahre, das war schon ein Schritt. Da kannst du dir nichts mehr vormachen. Da geht es wirklich um die Fragen: Was will ich noch? Was ist wirklich wichtig? Welche Menschen brauche ich noch? Was arbeite ich, und was lasse ich weg? Ich mache mir eben nichts mehr vor. Mit 50 bist du noch im Wettbewerb, da kriegst du noch die Frauen. Mit 60 muss aber mehr Genuss ins Leben, es ist die Zeit der Ernte. Bei mir ist das letzte Viertel für die Spiritualität da.

teleschau: Angst vor dem Alter kennen Sie nicht?

Atzorn: Nein. Nur davor, meinen Geist zu verlieren. Ich kenne das von meiner Mutter, die Alzheimer hat. Schwer zu sagen, für wie lebenswert man das Leben in einem solchen Fall noch empfindet. Mir geht es gut, solange ich mein Sonnengebet machen kann, joggen, im See schwimmen kann. Ehrlich, ich dachte nie, dass ich so weit komme, wie ich gekommen bin. Dass ich mir Sachen aussuchen kann, dass ich nicht ums Überleben als Schauspieler kämpfen muss. Ich bin wirklich dankbar dafür.

teleschau: Aber arbeiten müssen Sie?

Atzorn: Ja, klar. Die Rente ist nicht riesig. Da muss ich schon weiterverdienen. Ich habe lange Zeit darauf verzichtet, mich konsequent arbeitslos zu melden. Vor vielen Jahren gab es immer wieder negative Schlagzeilen der Boulevardpresse über Schauspieler, die sich offiziell arbeitslos melden. Also dachte ich mir: So etwas willst du nicht über dich lesen. Und ich verzichtete darauf. Rückblickend war das natürlich ein Fehler.

teleschau: Sie könnten Ihre Autobiografie verfassen?

Atzorn: Ach Gott, der Buchmarkt ist doch schon jetzt so unüberschaubar riesig. Nein, das ist mir wirklich egal. Ich muss keine Spuren hinterlassen.

teleschau: Ihr Nachfolger als Kommissar beim NDR-"Tatort" wurde Mehmet Kurtulus. Die Quoten stimmten nicht, und nun nimmt er seinen Hut.

Atzorn: Ich habe nur eine Folge mit ihm gesehen. Wahrscheinlich hat das Konzept, diese Undercover-Geschichte, nicht funktioniert. Aber ich frage mich sowieso: Muss jeder Sonntag mit einem "Tatort" enden? Seit 30 Jahren gehen wir immer mit diesen Morden in die neue Woche. Nein, am Sonntagabend kann ich auch mal was anderes machen.


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Leserkommentare
darkstarbremen am 21.10.2019 19:36
Endlich ein richtiger Ansatz in der Ausbildung. Das ist sehr zu fördern. Und was wird mit den anderen Studiengängen in der Pflege in Bremen?
darkstarbremen am 21.10.2019 19:31
Inwiefern wurden denn die Gehälter der Pflege in Kliniken gedrückt? Der TVÖD Pflege in den Kliniken wurde nicht gesenkt. Das ist auch richtig so. Nur ...
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